****       Sapere aude!        ****        
                 
Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber ein wenig sollten wir ihm schon entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
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Gerald Wolf, Gastautor/ 14.08.2022 / 140


Ein Anfang und kein Ende?

                  Oder: Gibt es ein ewiges Leben?


Nicht um Deutschland soll es hier gehen, um unsere Nation, die mal ein Volk war und sich auch so nannte. Und auch nicht darum, wie Deutschland zu einer der wirtschaftlich und wissenschaftlich führenden Kräfte in der Welt wurde, und wie es diese Position verloren hat. Nein, hier dreht es sich um jeden Einzelnen von uns, vom Urknall (oder noch vorher) hin zu unserem Genom und zu der Frage, was aus uns einmal wird, wenn wir physisch eliminiert sind – mit einem Wort: tot.

Die Physik kennt den Energieerhaltungssatz, wonach Energie nicht verloren gehen, sondern nur umgewandelt werden kann. Wie steht es aber mit der Information, zum Beispiel mit der, die unser Gehirn produziert? Was wird aus ihr nach unserem Ableben?


Jeder von uns hat sich an sich gewöhnt. Daran, dass er ein Ich ist, dass es mein Ich ist, das in diesem Moment in den Spiegel blickt oder in sich hinein. Oder dass ich es bin, der, die, das gerade isst, sich am Rücken kratzt oder sich über irgendeinen Schmarrn äpplig freut. Einzigartig sind wir. Jeder von uns ist ein Individuum, ein Selbst, nicht austauschbar mit Anderen, auch wenn diese gerade dasselbe tun. Gegenwärtig leben auf der Erde acht Milliarden Vertreter unserer Spezies, die sich Homo sapiens nennt, „weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch“. Und jeder von ihnen spürt sein Ich genauso, wie wir es spüren.
Aber es ist nicht unser Ich, sondern das ihre. Wenn wir Angst haben, Angst um unser Leben gar, dann empfinden wir das unsere besonders intensiv. Als etwas, um das es schade wäre, würde es nicht mehr sein. Jammerschade. Trotz der vielen anderen. Selbst wenn Menschen in Massen auftreten, wie bei Fußballspielen oder auf Demonstrationen, sind es doch immer Individuen, unverwechselbare einzelne Menschen. Der Verlust eines jeden verdient, von seinen Nächsten beweint zu werden.


Existenzrecht unserer potenziellen Geschwister
Um den Start unserer Einmaligkeit zu erklären, brauchen wir die Genetik. Jede Zelle unseres Körpers verfügt in ihrem Zellkern über zwei Sätze von 23 verschiedenen Chromosomen, ein jeweils hochindividuelles Genom. Der eine Satz stammt von unserer Mutter, der andere von unserem Vater. Insgesamt also sind es pro Zellkern 46 Chromosomen. Ausgenommen die Keimzellen, sie enthalten nur einen Chromosomensatz, nur 23 solcher Erbträger also. Die jeweiligen Gegenstücke werden bei der Keimzellreifung nach dem Zufallsprinzip auf andere Zellen abgeschoben. Im Ergebnis der Keimzellreifung mag in der Eizelle, aus der unsereiner hervorgegangen ist, das Chromosom 1 von der Mutter unserer Mutter stammen, auch das Chromosom 2, die Chromosomen 3, 4 und 5 aber von ihrem Vater, Chromosom 6 wieder von der Mutter – und so weiter.
Analog dazu die Überlegung zu dem Spermium, das diese eine, ganz bestimmte Eizelle einst befruchtete und damit unsere Einmaligkeit begründete. Denn bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle könnte ein einzelnes Ehepaar allein durch diese Art der Neukombination von mütterlichen und väterlichen Chromosomen über 8 Millionen (2 hoch 23) genetisch unterschiedliche Kinder zeugen! Da pro Chromosom noch Bruchstückaustausche hinzuzurechnen sind, reicht die Zahl der genetisch unterschiedlichen Kinder, rein theoretisch natürlich, ins Unendliche. Und eine einzige dieser unendlich vielen Varianten verkörpern wir! Genauso gut hätte es ja irgendeine Schwester sein können oder ein Bruder, die statt uns ins Heiabettchen geraten wären. Wie eigenartig: Niemand kommt auch nur auf die Idee, deren Existenzrecht einklagen zu wollen.
Da ist der Sonderfall eineiige Mehrlinge, üblicherweise Zwillinge. Sie sind genetisch (so gut wie) identisch. Eineiig genannt, weil sie einer einzigen, durch ein Spermium befruchteten Eizelle entstammen. Aus irgendeinem Grund hat sich die Zellmasse getrennt, wie sie durch fortwährende Zellteilung zunächst entsteht, und ist zu zwei (oder eben auch mehr) Individuen herangereift. Auch diese entwickeln im Laufe der Zeit Merkmale, durch die sie sich voneinander unterscheiden. Bald stärker, bald schwächer. Denn ihre Umwelten mögen verschieden sein, allzumal ihre Erziehung. Vor allem aber ist es die Privatheit ihrer jeweils eigenen, ja ureigenen, Erfahrungen, aus denen heraus jeder der Zwillingspartner ein – absolut − eigenständiges Ich-Bewusstsein entwickelt. Er empfindet sich genauso einmalig wie unsereiner. Und er ist es auch.


Womit überhaupt fing alles an?
Mit dem Urknall, klar. Oder? Und vor ihm, was war vorher? Nichts? Das ist doch wohl undenkbar, denn wie sollte aus nichts je etwas werden können? Das gesamte Universum und mit ihm auch jeder einzelne von uns bestünden, letztendlich, aus nichts? Diese Frage stellt sich der Laie, ebenso jeder Fachmann. Doch auch die Fachleute, die Quantenphysiker, können sie nicht bindend beantworten. Wirklich aufregend, wie profund unser Unwissen sein kann! Und erst mit dem Urknall soll der Raum entstanden sein, ebenso die Zeit, korrekter: die Raumzeit. Und mit ihr ein Brei aus Teilchen, aus dem später die Teilchen hervorgegangen sind, wie sie die Physik von heute kennt:
Photonen, Protonen, Neutronen, Elektronen und einen ganzen Zoo aus weiteren solcher Teilchen. Alles aus nichts. Dann die ganz, ganz große Frage, wodurch das alles organisiert wurde. Oder „von wem“? Woher erhalten (oder erhielten) zum Beispiel die Protonen die Information, die ihnen ihre jeweiligen Eigenschaften verschaffen? Alle die Protonen sind absolut identisch, verfügen aber über Eigenschaften, durch die sie sich als Teilchen mit einer positiven Ladung von den etwa gleich schweren Neutronen zu unterscheiden haben.
Eine irgendwie geartete Information muss das sein, was sonst? Eine, die unabhängig von der Materie ist, ja, noch vor aller Materie da sein muss, weil sie doch bestimmt, wie sich diese zu strukturieren hat. Eine Information, die, anders als uns geläufig, nicht an Materie gebunden ist, nicht an Papier, an Elektrizität oder Schallwellen. Eine materiefreie Information also. Manche Quantenphysiker denken in Analogie zum Energieerhaltungssatz an einen Informationserhaltungssatz, einen, der bewirkt, dass auch die Information nicht einfach verschwinden kann. Sollte das heißen, gar jedwede Art von Information? Gültig auch für all das, was unsereiner je gedacht, je gesagt hat? Für alles, was unser Gehirn jemals an Information produziert hat und damit gültig für das bewusste Sein, unsere Seele?


Ein Anspruch auf Ewigkeit?

Würde ein solcher Informationserhaltungssatz derartig weit und umfassend greifen, wäre das für jeden von uns eine Garantie für ein ewiges Sein! Wir dürften dann davon ausgehen, dass alles das, was uns geistig je ausgemacht hat, „irgendwie“ und irgendwann und irgendwo auf die Quelle zurückgerechnet werden könnte. Mit anderen Worten: auf uns! Unser Geist würde fortexistieren, auch wenn wir körperlich längst verfallen sind, und das für alle Ewigkeit! Unvorstellbar, und schon deswegen unglaublich. Es sei denn, man ist mit einem entsprechenden Maß an Glaubensfähigkeit ausgestattet.
Gut denkbar, dass bei der Aussicht auf Ewigkeit selbst der eingefleischteste Atheist anfängt, an seinem bisherigen Unglauben zu zweifeln. Nämlich auf eine solche oder wie auch immer geartete nicht-religiöse Weise. Ohnehin ist Religion nicht einfach mit dem Glauben an den Gott der Bibel gleichzusetzen. Es gibt tausende andere Religionen, die sich in Hinblick auf die jeweilig postulierte höchste Instanz unterscheiden. Sie alle setzen bei ihren Anhängern Glaubensfähigkeit voraus. „Glauben“ aber ist recht eigentlich nicht „Wissen“, sondern beinhaltet immer auch den Zweifel. Beziehungsweise die Bereitschaft, das zu bezweifeln, was jeweils als wahr geltend gemacht wird. Die Übergänge von Wissen zu Glauben und von Glauben zu Wissen sind fließend. Bei manch einem von der Tageszeit oder der Stimmung abhängig.
Geradezu mitreißend sind in solchem Zusammenhang die sogenannten Nahtod-Erfahrungen. Auch im Wortsinne „mitreißend“, wenn sie bislang Ungläubige durch ein einmaliges gewaltiges Erlebnis von Gott, dem Gott ihres jeweiligen Kulturkreises, wissen lassen. Vermeintlich wissen lassen. Die Betreffenden erlitten einen Herzstillstand, oder sie waren durch einen Unfall, eine schwere Infektion oder Erstickung in Todesgefahr und berichten hernach von höchst absonderlichen Erlebnissen. Manche von ihnen sind überzeugt, ihren Körper verlassen und die Ereignisse um sich herum gleichsam von oben her verfolgt zu haben.
Andere berichten von einem hellen, angenehmen Licht, auf das sie zuschwebten und dabei dem sonoren Ruf einer starken Persönlichkeit folgten. Für die meisten kein Zweifel: Gott war es, Gott höchstpersönlich. Er sprach zu ihnen, und mit ihm sprachen sie. Er war es auch, der sie schließlich in das Leben zurückgab. Viele vertrauen danach noch unerschütterlich auf diese ganz persönliche Gotteserfahrung. Sie haben dann keinerlei Angst mehr vor dem Tode. Fortan „wissen“ sie um ihre Zukunft in aller Ewigkeit und bedauern all jene, denen eine solche, die Seele in ihren tiefsten Tiefen ausfüllende Gewissheit niemals widerfahren ist.


Unser Gehirn ist viel zu klein für seine Größe
Eine Zeit lang gab es seitens der Hirnforschung Gewissheit von einer anderen Art. Man hatte festgestellt, dass in Todesnähe wahrhafte Stürme elektrischer Entladungen durch das Gehirn brausen. Ganz besonders aktiv schien dabei eine Stelle im Schläfenlappen in dem Winkel zu sein, in dem er an den Scheitellappen angrenzt. Nämlich dort, wo bei Epileptikern lokale Krampfanfälle zu besonders intensiven Erfahrungen der religiösen Art führen. Diese Region wurde folglich „Gottesmodul“ genannt. Der Autor dieses Textes hat zu diesem Sujet zwei Romane geschrieben: „Der HirnGott“ und „Das Gottesmodul oder glaube mir, mich gibt es nicht“. Mittlerweile ist es um das „Gottesmodul“ recht still geworden, nicht aber um die Nahtod-Erfahrungen. Hunderttausende haben sie gemacht.
Was die Forschung zur Erkundung des Gehirns und seiner Fähigkeiten bis zum heutigen Tag geleistet hat, ist enorm und von keinem Einzelnen je zu erfassen. Und doch wissen Hirnforscher nahezu nichts darüber, wie dieses Organ den Geist, das bewusste Sein, erzeugt. Einigkeit besteht gerade mal darin, dass das Bewusstsein eine Hirnleistung ist − das Ergebnis eines „irgendwie“ gearteten Zusammenwirkens von ungefähr hundert Milliarden Nervenzellen mit ihren jeweils hunderten oder tausenden informationellen (synaptischen) Kontaktstellen. Ergänzt durch etwa ebenso viele Gliazellen, „Hilfszellen“. Wie aber den Modus operandi eines solchen Verbundes verstehen? Astronomisch viele informationelle Wechselwirkungen gälte es dabei einzurechnen, korrekter: „über“-astronomisch viele. Und dazu ist unser Gehirn nicht in der Lage. Auch nicht ein kollektiver Verbund aus den Gehirnen sämtlicher Hirnforscher dieser Welt. – So paradox es klingen mag: Unser Gehirn ist viel zu klein für seine Größe.

Überhaupt fehlen viele


Gewissheiten

Beindruckend viele, wenn es um vermeintlich oder wirklich wichtige Fragen geht: Sind wir die einzigen mit Bewusstsein begabte Wesen in unserem Universum? Gibt es neben dem unseren weitere Universen? Und diese schon immer und auf ewig? Gibt es einen Gott? Oder gar mehrere davon? Und wer hat Gott beziehungsweise die anderen Götter erzeugt? Warum überhaupt und auf welche Weise? Doch nicht etwa auf demselben Wege wie dem der biologischen Evolution − durch Selbstoptimierung? Denn wie sähe dann der dafür notwendige Selektionsmechanismus aus? Überhaupt, wodurch und wie sind die Naturgesetze entstanden? Klimawandel, wieso gerade das CO2 und zudem die wenigen Prozent des menschgemachten? Wer eigentlich regiert unsere Welt? Welche Ängste gibt es noch, um mit ihnen ein Volk trotz schlimmer und schlimmster Prognose zu regieren? Unseres zum Beispiel? Und schlussendlich: Was wird aus uns, wenn wir physisch eliminiert sind − tot?