****       Sapere aude!        ****        
                 
Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber ein wenig sollten wir ihm schon entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
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MAGDEBURG KOMPAKT 8. Jg., 2. Februar-Ausgabe 2019. S. 17


Schüßler-Salze gegen politische Verbildung 

Politisch gebildet zu sein, ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Seit jeher. Auch in der DDR-Zeit war das so. Klar, mit der Wende musste manches neu gesehen und neu begriffen werden. Es kamen Unsicherheiten auf, von wegen was von dem bisher politisch Wissenswerten aufbewahrt gehörte und was nicht. Doch bald hatte man wieder Tritt gefasst. Die Zeitungen halfen einem dabei, ebenso die Nachrichten in Funk und Fernsehen. Bis heute ist das so. Und alles wäre gut, wenn da nicht das Internet für Unsicherheiten sorgte.

Keine Frage, vieles von dem, was man dort erfährt, ist gut und richtig. Aber bei weitem nicht alles. Manches klingt nur logisch, ist es aber nicht. Auch wird da mit Fakten aufgewartet, von denen man noch nie etwas gehört hat. Doch Vorsicht, nicht selten handelt es sich nur um angebliche Fakten! Wahrheiten werden verdreht, Geschehnisse erfunden oder aufgebauscht, pure Behauptungen aufgestellt, bis man nicht mehr ein noch aus weiß. Genau das ist das Ziel solcher Machenschaften: die Ver-Bildung der politisch Gebildeten!

 Mir jedenfalls ging das so. Zunehmend litt ich unter Verwirrung. Was ich bisher genau zu wissen glaubte, löste sich in lauter Fragen und Rätsel auf. Wann immer das Radio lief oder der Fernseher, von dem, was da gesagt wurde, konnte ich weniger und weniger glauben. Schließlich gar nichts mehr. Nicht den menschgemachten Klimawandel, nicht den Sinn unserer Energiepolitik, nicht den von Grenzwerten. Sie erschienen mir leichtfertig festgelegt, die Art der Begründung antiwissenschaftlich. Ich zweifelte an der Schutzbedürftigkeit und der Dankbarkeit der bei uns Schutzsuchenden, und auch an dem Seltenwerden von Insekten. Meine bis dahin sehr stabile politische Haltung wankte, und alles, was ich mir an Sichtweisen angeeignet hatte, geriet in Gefahr. Das Vertrauen in unsere Zukunft, in die der EU und allemal in die von Deutschland, war futsch!

Meine bisherige politische Bildung erlag zunehmend dem Prozess der Ver-Bildung. Ständig plagten mich die schlimmsten Ahnungen, Ängste fingen an, mich zu beherrschen. Beruhigungsmittel halfen kaum noch, ebenso nicht all die verschiedenen Schlafmittel. Tagsüber war ich dösig, abends konnte ich nicht einschlafen.

Der Schwund des Bildungs- und Leistungswillens unserer Bevölkerung schien mir wie durch eine Lupe vergrößert, und die Einschränkung der Meinungsfreiheit schien für mich klar ersichtlich.  Die Erblichkeit der Intelligenz glaubte ich bewiesen, nicht aber die Gefahr von Glyphosat. Auch nicht die von konventionell produzierten, allzumal laktose- und glutenhaltigen Lebensmitteln. Die genderwissenschaftliche Durchdringung sämtlicher Etagen unserer Gesellschaft, in Wirklichkeit dringend erforderlich, empfand ich als Nonsens. Die Gentechnik aber, selbst die Grüne, schien mir entgegen den Warnungen der Experten ein Segen zu sein. Und das Allerschlimmste: Ich musste begreifen, dass ich ein Faschist bin, ein Nazi, ein Rassist und ein Sexist.

Dem Psychiater, der mich nach einer Wartezeit von sechs Wochen endlich vordringen ließ, vertraute ich an, dass mir nicht einmal mehr das zu glauben möglich ist, was hocherfahrene Politiker sagen, alle die nämlich, die uns schon lange regieren. Schöne Beispiele fielen mir dazu ein. Die ganze Zeit über zuckte der Arzt mit den Schultern. Je mehr ich ihm von meinen zwangsartigen Zweifeln zu wissen gab, umso nervöser wurde sein Zucken. Schließlich erzählte ich auch noch, dass mir die Bedrohung von Rechts gar nicht so erscheine, wie ich meinte, meinen zu müssen. Eher die von den Linken und ihren Aktivisten. Und die von den Grünen. Da sprang er auf und entschied, nein, leider, er könne mir da nicht helfen. Beim Abschied raunte er mir zu, dass er selbst unter solchen Symptomen leide.

Ein ebenfalls überlaufener Psychotherapeut wartete mit dem Rat auf: Schüßler-Salze. Aber Vorsicht, nicht mit den hochpotenzierten (also hochverdünnten) anfangen, sondern mit den höheren Konzentrationen. Mit anderen Worten, je konzentrierter, umso weniger wirkmächtig, umso weniger potent also! Der Typ sah mir meine Verwirrung an, winkte ab und verlangte, ich solle einfach nur vertrauen.  

Sie funktionieren, die Schüßler-Salze

Zunächst wollte ich es nicht für möglich halten: Diese Mittel helfen! Zunächst wurde ich ruhiger. Ruhiger und ruhiger. Ich konnte wieder schlafen. Was aber das Beste war: Die politische Verwirrtheit verlor ihre Qual und löste sich schließlich in nichts auf! Nun drängt es mich, mit meinen Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Einfach, weil ich ahne, dass die Dunkelziffer von Menschen hoch ist, die sich, wie ich einst, der politischen Verbildung ausgeliefert fühlen und ihnen anderweitig kaum geholfen werden kann.

Schüßler-Salze, eigentlich ganz triviale anorganische Verbindungen, sind zur Pflege oder Wiederherstellung der Gesundheit gedacht, zur Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens, zur Gewichtsreduktion usw. Aber eben auch, wie sich in meinem Falle erweisen sollte, wirksam gegen die politische Verbildung!

Im Internet fand ich eine große Menge an Angeboten. Tabletten, Globuli, Cremes und Salben, solche von den Firmen Pflüger, von omp, Orthim und DHU. Dabei hat man unter 12 verschiedenen Funktionsmitteln auszuwählen. Wem das nicht reicht, der findet entsprechende Ergänzungsmittel. Das alles in D6- und D12-Potenzen, aber auch in Form von Extremverdünnungen. Aufs Neue sei betont: Anders als man erwarten würde, erhöht sich mit der Verdünnung die Wirksamkeit. Wie in der Homöopathie.

Natürlich war ich zunächst recht skeptisch. Die Hochpotenzen reichen bis C100, und sogar noch darüber hinaus. Der durchaus übliche Potenzierungsgrad von C30 (= 1:100 EXP 30 = 1:10 EXP 60) zum Beispiel entspricht immerhin schon einer decillionenfachen Verdünnung. Ich sagte mir, da könne gar nichts Wirksames mehr enthalten sein. Wenn, wie per Internet zu erfahren, die Wassermenge auf unserer Erde 1,4 Milliarden Kubikkilometer beträgt, dann ist entsprechend der Avogadro-Konstante – 6·10 EXP 23 pro Mol (das zu wissen wurde früher an den allgemeinbildenden Schulen abverlangt) – die Gesamtzahl der Wassermoleküle auf „nur“ 5·10 EXP 46 zu veranschlagen.

Gleich zu Beginn der Behandlung verschwanden solche Bedenken. Ich wählte auf gut Glück eine Niederpotenz, und zwar die „Energie-Plus-Kur“ mit den Schüßler-Salzen 2, 3, 5 und 7. Jeweils 400 Tabletten. Kostenpunkt 22,00 Euro, und dabei hatte ich – wieso eigentlich? – noch 4,00 Euro gespart!

Der Erfolg war durchschlagend! Nicht länger plagten mich die bisherigen Zweifel, alles wurde gut. Die Politiker, solchen wie man ihnen ständig im Fernsehen, im Rundfunk und in den Zeitungen begegnet, sie wirkten samt und sonders wieder so offen und ehrlich, wie ich das als Jugendlicher immer empfunden hatte. Was an ihren Aussagen vor der Behandlung noch heftigste Zweifel-Attacken auslöste, empfand ich – den Schüßler-Salzen sei Dank! – nun wieder als wunderbar beruhigende Wahrheit. Auf welche von Hass triefenden „Informationen“ ich zuvor noch hereingefallen war! Von wegen Einschränkung der Meinungsfreiheit, Zensur, Mundtotmachen der Opposition, Informationssiebung, Kommentare anstelle von Nachrichten – alles Lüge! Auch, dass die Journalisten, wenn sie an ihrem Job hängen, nur in dem Sinne schreiben und redeten, wie es den Politikern genehm ist, letztere nur die Wahlurnen im Blick hätten und sie den eigenen Kindern den Besuch bunter staatlicher Schulen „ersparten“. Jetzt war ich mir wieder im Klaren: Dahinter steckt die Fratze der Rassisten und Faschisten.  Zuletzt noch hatte ich geglaubt, das mit dem Diesel und den NOx-Grenzwerten wäre Blödsinn, weil da angebliche Fachleute, vor allem Pulmologen und so weiter …

Nein, nicht weiter: aus! 

MAGDEBURG KOMPAKT 8. Jg., 1. Februar-Ausgabe 2019. S. 13



Virtuell und physisch, digital und psychisch 

Uns Menschen geht es gut, so gut wie nie zuvor. Wird gern behauptet. Skeptiker sehen das anders. Vor allem um die Zukunft machen sie sich Sorgen. Und tatsächlich, die Jugend mag dafür zu wenig gerüstet sein. Das Leben, meint sie, müsse „Spaß“ machen, nicht zuletzt die Arbeit. „Easy“ soll alles sein. Auch die Schule und, wenn überhaupt studieren, das Studium. Lieber ein Leben in der digitalen Virtualität als eines in der kalten Realität. Geradezu geheiligt wird das Prinzip: Wer nimmt, wer gibt – alle sind gleich!

Nicht alle unter den jüngeren sehen das so, Gott (oder wem auch immer) sei Dank, aber eben viele. Natürlich denken dann die Alten an ihre eigene Jugend. An die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, an Hunger und Entbehrung, an all die Mühen und nicht zuletzt auch an die physischen Anstrengungen des tagtäglichen Lebens. Der Wiederaufbau dann. Ohne die Technik von heute wurden Ruinen abgerissen und Häuser neu erbaut. Oft mit bloßen Händen. Und – nota bene! – ohne Smartphone.

Im Osten Deutschlands sind die Anfangsjahre besonders krass gewesen. Während die Amerikaner bestrebt waren, den Westen Deutschlands zu wirtschaftlicher Stärke zu verhelfen, ließ die Sowjetunion in ihrer Besatzungszone rund 3.000 Betriebe demontieren. Bis 1953 büßte die damalige DDR allein dadurch rund 30 Prozent ihrer noch verbliebenen industriellen Kapazität ein, was in etwa einem Betrag zwischen 50 und 100 Milliarden Mark entsprach. Für die damaligen Verhältnisse eine riesige Summe. Obendrein die zwangsweise Übernahme der sozialistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. All die Misshelligkeiten galt es durch Arbeit, durch – aus heutiger Sicht – unzumutbare Anstrengung zu bewältigen. Nach Urteil von Günter Grass waren es die siebzehn Millionen Ostdeutsche, denen, sozusagen stellvertretend, die Hauptlast des von allen Deutschen begonnenen und verlorenen Krieges aufgebürdet wurde.

Die Alten meckern

Und Spaß? Den gab es damals trotzdem. Spaß von der selbstverdienten Art war das, nicht der durch die Arbeit der Eltern oder der Großeltern ermöglichte. Und nun meckern die Alten an der heutigen Jugend herum. Besonders sticht ihnen ins Auge, was da so alles unter „Digitalisierung“ läuft. Nicht, dass sie, die Alten, etwas dagegen hätten, auf digitale Weise mal rasch einen Begriff nachzuschlagen. Lexika und überhaupt Sachbücher werden kaum noch gebraucht, das erkennen auch sie. Wer sich zudem das Englische zu eigen macht, verfügt dank Internet praktisch über das gesamte Weltwissen. Großartig ist das, keine Frage! Auch muss man kaum noch mit der Hand schreiben, die klapprige Schreibmaschine hat ausgedient, ebenso der Gang zum Briefkasten. Nein, all das läuft heutzutage digital.

Das momentane Non-plus-ultra digitaler Erlebensmöglichkeiten ist das 3D-Fernsehen. Die Welt wird uns hier so überzeugend vorgespiegelt, dass es fast schon zum Problem gereicht, wenn man deren Realität bezweifelt. Allein das Haptische fehlt da noch, der Geruch und der Geschmack. Doch sollen das Fühl- und Geruchs- und Geschmackskino im Anmarsch sein. Man stelle sich vor, wie sich, perfekt in Szene gesetzt, ein seit 70 Millionen Jahren ausgestorbener Saurier auf uns stürzt, seine Zähne in unseren Hals gräbt und zugleich eine bestialischen Geruch verbreitet. Eine Chemie, von der wir nicht wissen, wo sie bei uns ansetzt, ob in der Nase oder auf der Zunge. O tempore, o mores!, rief einst Cicero. Und so wird wohl auch in aller Zukunft zu rufen sein.

Momentan aber erklingt überall ein anderer Ruf, der nach Digitalisierung. Und das mit einem befremdenden Anspruch auf Fortschrittlichkeit, wiewohl man lenkungsseitig Jahre der Entwicklung – anders als in so manchem Entwicklungsland – verschlafen hat. Dabei können sich die wenigsten unter uns vorstellen, wie das eigentlich geht, das Digitale. Ein Finger (lat. digitus) reicht: Daumen hoch oder Daumen runter. Oder eben Eins oder Null. Allein die Reihenfolge entscheidet, üblicherweise die der Einsen und Nullen, was da zum Programm wird, ob am Ende eine Sinfonie oder ein Kriminalfilm herauskommen, ein Urlaubsbild, ein Liebesbrief oder die Weltnachrichten, eine Armbanduhr oder ein Autoteil. Praktisch alles, was der Mensch tut, können auch die Nullen und Einsen. Ebenso das, was er selbst lieber nicht tun möchte, oder nicht in der Lage ist zu tun. Mit Nullen und Einsen lassen sich Flugzeuge steuern, Drohnen und Rübenerntemaschinen. Auch Abwehr- und Angriffsraketen. „Alexa“ dirigiert auf Zuruf das Radio, das Gartentor, das Backwunder, die Spül- und die Waschmaschine. Mehr noch: Mit Einsen und Nullen lassen sich der Garten zu einem unkraut- und ungezieferfreien Blühwunder trimmen, und das Gras in dessen Mitte auf Englischer Rasen.

Tippen und Wischen

Was die Altvordern an der ganzen Digitalisierei stört, ist etwas anderes. Die Spielkonsolen und vor allem die ständige Tipperei und Wischerei auf den allgegenwärtigen Smartphones sind es. Der persönliche Kontakt und das persönliche Erleben gingen flöten, befürchtet man im Lager der Seniorinnen und Senioren. Und tatsächlich, das Musizieren und Singen und selbst der Sport werden am liebsten nur noch als Zuhörer und Zuschauer betrieben. Wenn früher einer einen Ball hatte, waren immer auch Freunde da, die ihn zum Spielen aufforderten. Heute besitzen zwar die meisten einen Ball, oft sogar einen sehr teuren, die wenigsten aber haben Freunde, die Lust und Zeit zum Spielen haben. Und wenn Freunde, dann am ehesten solche, mit denen man per Facebook oder WhatsApp etwas „teilt“. Wem schon liegt es heute noch, draußen im Wald oder auf der Heide mit Holzschwertern Räuber und Gendarm zu spielen?

Das eben war früher anders. Ob besser, können nur diejenigen beurteilen, die das eine wie das andere kennen. Nicht, dass die Alten allesamt am Konservatismus erstickten, von wegen früher, beim Kaiser, wäre alles besser gewesen. Umfragen haben ergeben, dass inzwischen 79 Prozent der 60- bis 69-jährigen online sind, und 45 Prozent der über 70-jährigen. O Gott Umfragen, ganz klar, Vorsicht! Und dennoch, so ganz falsch werden diese Zahlen nicht sein. Auch lassen sich diejenigen unter den Älteren, die ein Smartphon besitzen und mit ihm umgehen können, von ihrem Schatz nicht bedenkenlos vereinnahmen. Selbst jene nicht, die Social Media nutzen.

Digitale Demenz?

Da ist aber doch wohl das Problem mit der digitalen Demenz, wie sieht es damit aus? Der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer machte den Begriff zum Titel eines seiner Bücher. Seitdem ist er aus der Medienpsychologie nicht mehr wegzudenken. Wieso Spitzer als Psychiater ausgerechnet von „Demenz“ spricht, bleibt im Dunkeln, da der Begriff allein für das Erlöschen vormals vorhandener geistiger Fähigkeiten zu verwenden ist. Sicherlich mag bei einem Kind oder einem Jugendlichen die vereinseitigende Hinwendung zum Virtuellen problematisch sein. Die Welt der direkten Erfahrung wird dann nicht genügend erschlossen, sowohl geistig als auch körperlich nicht. „Verblödung“ aber? Womöglich eher das Gegenteil. Denn wie bei Älteren nachgewiesen, wirkt sich die Betätigung am Computer bzw. Smartphone auf den Geist fördernd aus. Andererseits lässt sich zeigen, dass von einem Lesestoff weniger im Gedächtnis hängen bleibt, wenn er dem Bildschirm entnommen wird.

Bildschirmbilder sind nun mal von der flüchtigen Art. Bedrucktes Papier, wie das Ihnen, verehrte Leserin, verehrter Leser, in diesem Moment vorliegende, wird aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Wert behalten. Eben, weil es nicht nur als Abglanz, sondern durch Blättern und Greifen auch physisch erfahrbar ist. 

 

 

MAGDEBURG KOMPAKT 8. Jg., Dezember-Ausgabe 2019. S. 18-19

 

Max Planck und Rogätz 

Was haben Max Planck und Rogätz miteinander zu tun? Das fragte ich mich, als ich dieser Tage in Rogätz herumspazierte und dort auf ein Schild stieß: Max-Planck-Straße. Wie das? Hier, in einem solchen Nest, eine Max-Planck-Straße?  

Tatsächlich, es gibt einen Zusammenhang. Seit kurzem weiß ich Bescheid. Und bekanntlich regt kaum etwas so stark das Mitteilungsbedürfnis an wie das, was man gerade erst erfahren hat.  

Aber zurück zu Rogätz, wie es mir begegnete. Die Langeweile trieb mich um, raus musste ich, raus aus Magdeburg, raus zum Luftholen. Elbabwärts in Richtung Tangerhütte war die Idee, und Rogätz lag an der Strecke. Das Dorf wirkte wie alle anderen Ortschaften hier, so, als ob sie sich in sich selbst zurückgezogen hätten. Kein Mensch war zu sehen, kaum Grün, nichts blühte, kein Vogel außer Krähen und ein paar verloren wirkende Sperlinge. Feucht und kalt war es, der Himmel grau und der Wind unentschlossen, ob er nun wehen sollte oder nicht. Derweil ich den kopfsteingepflasterten Weg zum Elbufer hinunterstakte, rätselte es wieder in meinem Kopf. Eine Max-Planck-Straße in Rogätz! Ist er, der große deutsche Physiker, womöglich hier geboren worden? Planck, der große Rogätzer? – Wohl kaum, denn dann wäre öfter von ihm zu hören.  

Von der Bedeutung her wird Planck mit Albert Einstein in eine Reihe gestellt: Max Planck als Begründer der Quantenphysik, 1918 Nobelpreis für Physik. Schon damals war klargeworden, dass sich die Plancksche Quantentheorie nicht mit der Einsteinschen Relativitätstheorie verträgt, und noch heute wird nach einem Weg zur Vereinheitlichung der beiden Theorien gesucht. Auch hatten die Gelehrten miteinander persönliche Probleme. Eine stattliche Anzahl von Begriffen geht auf Planck zurück: das Plancksche Strahlungsgesetz, das Plancksche Wirkungsquantum, die Planck-Zeit, die Planck-Länge, die Planck-Masse. Zu denken ist natürlich auch an die Max-Planck-Gesellschaft. In den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts aus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft hervorgegangen, gehören zu ihr heute 84 große Forschungseinrichtungen, die über ganz Deutschland verteilt sind. In Magdeburg gibt es auch eine: das Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme. Max Planck, so bedeutsam er ist, wieso aber, fragte ich mich, wurde eine der wenigen Straßen von Rogätz ausgerechnet nach ihm benannt?  

Am Ufer wartete die Fähre, um Autos und Menschen auf die Schartauer Elbseite zu bringen. Kaum jemand wollte mit. Die Mauer am Hochufer hatte als Betätigungsfeld für Schmierfinken herhalten müssen. „FCM“ prangte da in übermannshohen Lettern, verkrakelt mit Botschaften, die womöglich gar keine sind. Oder von geheimer Art. Eine Schar Enten dümpelte in Ufernähe. Stockenten? Nicht möglich, zu klein dafür. Auch kamen von dort helle „Wiiuh“-Laute. Oder eher „Wu-wiiuh“. Ein Blick durchs Fernglas bestätigte: Pfeifenten sind’s – schwarzer Schwanz, brauner Kopf, blonder Scheitelstreif, weißer Fleck an der Körperseite. Im Winter recht häufig zwar, die Pfeifenten, aber eben etwas anderes als die üblichen Stockenten. Während ich so schaute, tauchte es aus meinem Unterbewusstsein herauf: Du hast doch dein Handy dabei, da google doch mal!  

„Planck“ tippte ich ein, dazu „Rogätz“. Von wegen keine Netzanbindung in der Provinz, gerade mal ein paar Sekunden, und ein Beitrag aus dem Jahre 2008 bot sich an: „Mit Max Planck im Exil“ (https://www.welt.de/welt_print/article2475474/Mit-Max-Planck-im-Exil.html). Hier in Rogätz, stand da zu lesen, habe Max Planck anderthalb Jahre lang gelebt. Sein Haus in Berlin-Grunewald wäre 1943 im Bombenkrieg beschädigt worden, und auf Drängen seines Sohnes Erwin habe Planck eine Einladung des befreundeten Großindustriellen Dr. Still befolgt. Dieser, aus Recklinghausen stammend, ein Spezialist für Koksöfen, hatte das Rogätzer Rittergut ausbauen lassen. Und hier, im Herrenhaus gleich neben dem wuchtigen Klutturm, bot er Max Planck mit Ehefrau Marga zu wohnen an.  

Der Artikel ist gut geschrieben. Ich musste ihn stehenden Fußes lesen. "Meine Zeit ist vollständig ausgefüllt mit Schreiben, Lesen, Spazierengehen und allerhand Arbeiten", habe der mittlerweile 85jährige Gelehrte an seinen Schüler und Vertrauten Max von Laue (ebenfalls Nobelpreisträger) geschrieben. Er lese mit viel Freude das Buch "Raum - Zeit - Materie" des Mathematikers Hermann Weyl. Natürlich war da niemand, mit dem Planck sich hätte darüber austauschen können. Allein dem Briefwechsel mit Kollegen und Freunden blieb das vorbehalten. Hier auch, in Rogätz, erhielt Planck die Nachricht, dass sein Sohn Erwin als Mitverschwörer des 20. Juli 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt worden war. In seiner Verzweiflung hatte sich der Vater an Hitler gewandt: "Als Dank des deutschen Volkes für meine Lebensarbeit, die ein unvergänglicher geistiger Besitz Deutschlands geworden ist, erbitte ich das Leben meines Sohnes." Hitler antwortete nicht, und der Sohn wurde hingerichtet.  

Eine kleine Ausstellung im ehemaligen Torhaus, ein Straßenname und eine Bronzetafel am früheren Herrenhaus erinnern heute an die Plancks, die hier bis 1945 Unterschlupf erhalten hatten. Das Herrenhaus wurde längst in einen Kindergarten umgewandelt. Einige Mütter und Väter, von der Arbeit kommend, holten gerade ihre Sprösslinge ab. Sie befragte ich nach dem berühmten Vorbewohner des Hauses. Achselzucken oder ein leicht peinlich berührtes „Weiß-nicht“. Ein Junge mit Ranzen, etwa vierzehn- oder fünfzehnjährig, schlenderte vorbei. Ihm bedeutete ich, doch mal kurz die Stöpsel aus seinen Ohren herauszunehmen, damit ich ihm eine Frage stellen könne. Das tat er. Und: Nein, von einem Planck hatte er nichts gehört. Nichts? Kann denn das sein: nichts? Auch in der Schule nichts, fragte ich ihn nun in höherer Stimmlage und mit schief verzogenem Mund. Er gehe hier nicht zur Schule, sondern in Wolmirstedt, war die Antwort.  

Ich schaute hinein in das ehemalige Herrenhaus. Eine Erzieherin teilte mir freundlich mit, jawohl, sie hätte da was gehört. Richtig, die Bronzetafel, die da am Haus, genau. Aber ich sollte besser mal ein paar alte Dorfbewohner befragen. Jawohl, die vielleicht, die würden eventuell etwas wissen.  

Retter des örtlichen Ansehens war ein jüngerer Mann. Mit Hund kam er daher, freundliches, forsches Auftreten. Er wusste Bescheid. Auch, dass es da eine kleine Heimatgruppe gäbe, die sich um Plancks Nachlass kümmert und um all das, was heute noch an ihn erinnert. Oder eben erinnern sollte. Gleich darauf winkte er eine ältere Dame heran, deren Vater, wie sie dann nicht ohne Stolz erzählte, Max Planck des Öfteren über den Weg gelaufen wäre. Recht unscheinbar sei er aufgetreten, dieser alte Mann, von dem damals die Wenigsten gewusst hätten, wie berühmt er sei. Ja, fügte sie mit einem schmalen Lächeln hinzu, und das bis zum heutigen Tage.  

Auf der Heimfahrt musste ich immerzu an Max Planck denken. Und an Rogätz. Der Ort ist alles andere als kurzweilig, das Gegenteil von kurzweilig eher, und trotzdem …   

 
 
 
 
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