****       Sapere aude!        ****        
                 
Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber ein wenig sollten wir ihm schon entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
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KOMPAKT Zeitung, 9. Jg., 1. Ausgabe August 2020. S. 4-5


Minderheiten, zum Beispiel ich

Ich wurde als Minderheit geboren, und, mal ganz offen und ehrlich, diese Minderheit ist mir persönlich sehr wichtig. Selbstverständlich vor mir noch rangieren meine Angehörigen, aber dann komme ich. Zwar bin ich eine Ein-Personen-Minderheit wie jedermann und jedefrau und auch bedroht wie alle anderen Ein-Personen-Minderheiten, aber leider mehr als diese. Wegen des fortgeschrittenen Alters. Denn demnächst, so die allgemeine Erfahrung, werden mir durch Tod alle die Rechte entzogen, die mir bis dato zustanden. Fürderhin nicht mehr existierend, geht es mir dann wie den unzähligen potenziellen Existenzen, die noch nicht einmal den Vorzug hatten, gezeugt und geboren worden zu sein. Ein einziges Menschenpaar könnte allein durch die Chromosomen-Lotterie bei der Keimzellreifung 2 exp. 23 = 8,38 Millionen genetisch verschiedene Kinder zeugen. Unendlich mehr noch, wenn man den Chromosomenbruchstück-Austausch hinzurechnet. Meist aber heimst nur ein einziges Kind das Existenzrecht ein, oder gerade mal zwei tun es, oft aber kommt es zu gar keinem Kind. Von Paar zu Paar sind demnach Millionen über Millionen von potenziellen, aber nicht existierenden Individuen zu beklagen, die sich mangels Stimme als Nichtexistenzen weder auf den Status einer schützenswerten Minderheit berufen können, noch dass sie im Grundgesetz überhaupt Beachtung fänden!

Apropos Grundgesetz, sogar um dessen Existenz muss man sich Gedanken machen, wiewohl „sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben“ (https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html) hat. Was tun, wenn die derzeitige Obrigkeit, eine Minderheit also, das Volk, die absolute Mehrheit, durch diverse Änderungen und Einschränkungen des Grundgesetzes bevormundet? Und wirklich, nicht immer sind es Mehrheiten, die Minderheiten bevormunden. Entsprechende Machtmittel vorausgesetzt, können sich die Verhältnisse durchaus umkehren. Wie sonst hätte eine Handvoll europäischer Staaten die halbe Welt zu Kolonien machen können, wie anders sollte ein jeweils einzelner Mensch sich als Diktator über Millionen von Artgenossen erheben und wie einige wenige Parteistrategen ein ganzes Volk zum Ausstieg aus der Kernenergie bewegen?

Von Mäusefurcht bis Koprophilie

Gegenwärtig gibt es auf der Erde fast acht Milliarden Menschen. Jeder Einzelne sollte sich darüber als potenziell schutzwürdige Minderheit seine eigenen Gedanken machen. Andere Minderheiten umfassen einige wenige Menschen – Familien zum Beispiel, Skatrunden oder die Fans des FSV Limbach-Oberfrohna. Manche Minderheiten aber bestehen aus vielen Menschen, oder sogar aus sehr vielen. Zum Beispiel die Minder- und die Hochbegabten oder die sehr Armen und die sehr Reichen. Oder denken wir an Minderheiten, die noch nie in Parteiprogrammen Aufnahme gefunden haben, u. a. Menschen mit überängstlichem Meideverhalten, mit Angststörungen also, wie Arachnophobie (Spinnenfurcht), Murinophobie (Angst vor Mäusen), Agoraphobie (Platzangst), Soziophobie (Angst vor anderen Menschen). Oder an Menschen mit somatoformen Störungen. Sie leiden unter schwerem körperlichem Unbehagen, ohne dass sich dafür jemals eine organische Ursache finden lässt. Als Spinner werden sie abgetan, als Hypochonder.

Geradezu riesig ist die Anzahl von Menschen, die von Depressionen geplagt werden. Die WHO schätzt sie auf weltweit 300 Millionen. 47,5 Millionen seien von Demenz betroffen und 21 Millionen von Schizophrenie. So viele es auch sind oder sein mögen, dennoch handelt es sich um Minderheiten. Sie alle verdienen unser Mitgefühl, unseren Schutz. Und seitens der Politiker weit mehr Aufmerksamkeit. Was aber ist mit den Sadisten, die sich durch Quälen von Menschen sexuell befriedigen, was mit Pädophilen, die getrieben sind, sich sexuell an Kindern zu vergreifen? Sie haben sich ihre Absonderlichkeit nicht ausgesucht! Auch nicht der Nekrophile, der es mit Leichen tut, und der Zoophile, der sich lustvoll an Tiere wendet, oder der Koprophile, der sexuell durch Exkremente angestachelt wird. Vor Jahren noch bezeugten die Grünen Verständnis für die Pädophilen, heute aber, igitt, tut das, weil politisch nicht opportun, keiner mehr.

Größten Verständnisses hingegen erfreuen sich heutzutage Menschen mit geschlechtlichen Identitäten, wenn sie vom Üblichem abweichen. Manchen Verlautbarungen gemäß sei mit tausenden nicht-biologisch definierbaren Geschlechtsidentitäten (Gender) zu rechnen. Die F.A.Z. listet einen Teil von ihnen auf (https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/geschlechter-liste-alle-verschiedenen-geschlechter-und-gender-arten-bei-facebook-13135140.html). Diejenigen, die sich auf den Standesämtern als „divers“ eintragen lassen, sich also weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen wollen oder können, werden einer behördlichen Hochrechnung zufolge (incl. Mai 2019) allerdings nur auf etwa 150 Personen geschätzt. Für ein Land wie Deutschland sind das nicht viele, eine Minderheit eben, dennoch baut man für sie spezielle Klos.

Ein-Mann-Ideen

Wohl immer haben Majoritäten als Minoritäten begonnen. Meist als eine Ein-Mann-Idee in einem einzelnen Kopf. Ist die Idee zündend und sind die sozialen Umstände förderlich, vermag sie sich über viele Köpfe hin auszubreiten und dann auch Organisationsstrukturen aufzubauen. So geschehen im siebten Jahrhundert durch Mohammed und dem von ihm gestifteten Islam. Heute huldigt dieser Religion ein Viertel aller Menschen. Als noch brisanter erwiesen sich die Leninsche Idee vom Kommunismus und die von ihm installierten „Bolschewiki“. Zwar bedeutet der Name so viel wie „Mehrheitler“, doch sind diese Mehrheitler zunächst nur eine Minderheit gewesen. Schnell aber hatten die Bolschewiki mit ihren Ideen tatsächlich eine Mehrheit für sich eingenommen. Mit ihr beherrschten sie zunächst den europäischen Teil Russlands und ein paar Jahre später das Riesenreich bis hin zum Stillen Ozean.

Für die Politik, die Religionen wie auch für Ideologien gilt, je größer die Zahl ihrer Anhänger, umso stärker die Tendenz zur Aufspaltung. Die Potentaten halten zunächst dagegen, und das mit ideeller, oft auch mit materieller Gewalt. Zumeist erfolglos. Wenn die Sekten trotz des Widerstandes heranwachsen und sich stabilisieren, werden die Sektierer oft genug selbst zu Potentaten und kriegen es dann ihrerseits mit neuen Minderheiten zu tun. Und so gleicht die gesamte Menschheitsgeschichte einem Meer, auf dem aus kleinen Wellen große werden und große bald wieder in kleinere zerfallen. Viele Menschen versuchen, Wellen zu schlagen, meist aber bleibt es bei plätschernden Minderheiten. Andere haben mehr Erfolg, und einige wenige erzeugen wahrhafte Tsunamis.

Wenn ihre argumentative Basis stimmt, ist das gar nicht ungewöhnlich. Der Widerstand der Gegner mag anfangs noch so groß sein, sofern die Belege für die neue Erkenntnis unbestreitbar sind, gehört diese bald zum Weltwissen. Minderheiten, die dann noch immer glauben, widersprechen zu müssen, sterben von selbst aus. Da fallen einem Namen ein wie Galileo Galilei, James Watt, Isaac Newton und Charles Darwin, der von Thomas Alvin Edison, Max Planck, Albert Einstein oder die von Rudolf Diesel und Nicolaus August Otto, den Konstrukteuren der nach ihnen benannten Verbrennungsmotoren.

Ideologie statt Wissenschaft

In den Geisteswissenschaften ist das anders, ebenso in den Religionen und in der Politik und all den Ideologien. Hier geht es kaum jemals darum, ob etwas wahr ist, sondern dass etwas wahr ist. Argumente wie in den Hard Sciences gibt es nicht, nichts nach Art des Ohmschen oder des Hebelgesetzes und nichts, was man wie ein Gen oder ein ganzes Genom analysieren könnte. Wer mit seinen Ansichten dennoch eine Mehrheit hinter sich bringen will, kann sich daher nicht auf Sachargumente beschränken, weit mehr noch bedarf es griffiger Behauptungen (https://www.achgut.com/artikel/die_peruecke_ist_eine_falsche_behauptung). Wer damit um Macht und Pfründe ringt, wird Diskursen, bei denen die Pros und Cons öffentlich und frei ausgetragen werden, tunlichst aus dem Wege gehen. Ja, sie sind strikt kontraindiziert, wenn sich auf der Basis öffentlichkeitswirksamer Behauptungen bereits eine Macht- und Info-Elite herausgebildet hat. Auch für die Universitäten und Hochschulen gilt das, obzwar gerade sie sich als Anwalt der Wissenschafts- und Redefreiheit verstehen sollten. Von ein paar Ausnahmen abgesehen (https://www.achgut.com/artikel/meinungsfreiheit_es_gaert_an_den_universitaeten), machen dort alle mit – so, wie es die Machtelite wünscht. Ideologie tritt dann an die Stelle der Wissenschaft, und in einer Art von Obrigkeitsfrommigkeit werden selbst Absurditäten hingenommen. Nicht nur, wenn es um Karriere und Fördermittel geht. Nein, die Anderen halten ja auch still, und man selbst möchte nicht aus der Masse ausschären und sich damit womöglich Unannehmlichkeiten aussetzen.

Als, wie es so schön heißt, „gelernter DDR-Bürger“ kenne ich mich auf diesem Feld aus. Wenn auch die mit Tabus behafteten Themen damals meist andere waren, zumindest aber ist das volkspädagogische Prinzip im Deutschland von heute wieder ganz ähnlich. Nicht immer müssen ganze Themenfelder ausgeklammert werden, es genügt, missliebige Meinungen stimmlos zu machen. Oft erwächst gerade aus der Einseitigkeit, mit der ein Thema behandelt wird, die Kraft, um aus anfänglicher Indifferenz Mehrheiten zu generieren. Schlagkräftige Argumente („schlagkräftig“ mittlerweile auch im Wortsinne) tun das ihre, um Minderheiten, die vom Mainstream gepflegte Ansichten nicht verstehen können oder wollen, ins Off zu kicken. Beispiel: Klimawandel durch CO2. Wirkungsmächtig angelehnt an Holocaustleugner werden Andersdenkende zu „Leugnern“ gestempelt, ja zu Nazis, Faschisten und Rassisten, neuerdings gern zu „Verschwörungstheoretikern“.

Leugnen um der Wahrheit willen

Was aber nottut, ist der freie Austausch von Fakten und Argumenten. Verschlossen sind die Türen für jene, die sich über die Genetik menschlicher Verhaltensweisen und -leistungen austauschen wollen, über die populationsgenetische Vielfalt der Menschen (Rassen), über die Populationsdynamik in Deutschland und über die in der Welt, namentlich in den Entwicklungsländern. Auch fehlt die freie Diskussion über Geschlecht und Geschlechtsempfinden, inwiefern biologisch begründet oder Ergebnis von Einstellung und Kultur. Wenn es um politische Linientreue geht, machen die Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu allen Zeiten immer gern mit. Zuverlässig, wie sie nun mal sind, wird von ihnen nicht oder kaum jemals über die Passfähigkeit von Religionen und Kulturen debattiert und ebenso wenig über die Christenverfolgung in der heutigen Welt.

Wie herrlich frei hingegen die Debatten sind, wenn es um quantenphysikalische Aspekte der Materie geht oder um die Genetik bösartiger Erkrankungen. Da stehen die Türen der Universitäten und Fachgesellschaften weit offen, gern auch für die Ansichten von Minderheiten. Undenkbar aber, wollte man, obschon als Minderheit, eine Diskussion zum Linksterrorismus und dessen Finanzierung anstoßen oder zur Linkslastigkeit in der Politik, zu der in den Medien und im Bildungswesen. So auch ist die Frage nach der Schutzbedürftigkeit, der Passfähigkeit und den Kosten von Immigranten tabu, erst recht die nach Integrationsverweigerern und entsprechenden Konsequenzen. Die Liste der Tabuthemen ist lang und wird immer länger: die Zukunft des Industriestandorts Deutschlands, der Bildungsstand in der Bevölkerung, die fachliche und die moralische Kompetenz von Politikern, das Neutralitätsgebot von staatlichem Rundfunk und Fernsehen, die Zustände bei der Polizei und der Bundeswehr ...

Die Gewinnung von Mehrheiten und die Unterdrückung missliebiger Minderheiten verlangt einigen Aufwand: Agitationsbereitschaft, Framing, Erwerb von Sachargumenten, Überwachung der Ideenlandschaften, Alarmbereitschaft bei Okkupationsgelüsten von der anderen Seite, Parieren abweichender Meinungen, erforderlichenfalls deren Diskreditierung und Diffamierung. Aber es lohnt sich: Ämter winken und Mittel.

Ängste, zielführend oder verheerend

Weit effektiver noch sind Mehrheiten durch Ängste zu gewinnen, gleich ob durch solche mit realem Hintergrund oder mit eigens dafür erfundenem. Eindrucksvoll dominierte über eine lange Zeit hin die Angst vor einem Kernwaffenkrieg. Die ganze Welt stand unter diesem Bann. Obwohl sich die Gefahr kaum verringert hat, vielleicht sogar größer geworden ist, zieht sie als Mobilisierungsmittel nicht mehr. Weil abgenutzt. Viele weitere, politisch gepflegte Ängste gab und gibt es, oft in der Art von Weltuntergangsszenarien: Gentechnik, Waldsterben, Ozonloch, Überflutungen, Dürren, Vereisung, Meeresspiegelanstieg, Atomgefahr, Insektizide, Herbizide, Asteroideneinschlag, Landung von Aliens, Rinderwahn, Schweinegrippe, CO2, NOx, Feinstaub, Ressourcenverknappung, Artensterben. Manche Ängste mit Rundum-Erfolg, doch zumeist von nur begrenzter Wirkdauer.

Bei weitem nicht alle Gefahren, gleich ob real oder überzogen oder gänzlich erfunden, werden politisch zur Angsterzeugung genutzt. Nicht zum Beispiel die Gefahr, sich mit Grippeviren anzustecken. In Deutschland fordert die Influenza Jahr für Jahr hunderte, oft tausende Menschenleben, allein für die Periode 2017/2018 werden 25 000 Influenzatote angegeben. Doch war das kaum eine Schlagzeile wert. Ganz anders das „neue“ Corona-Virus SARS-CoV-2. Es ist weltweit zum Politikum Nummer eins geworden. Über dessen Gefährdungspotenzial wird unter Fachleuten der ganzen Welt gestritten, auch bei uns in Deutschland. Nicht hingegen seitens des politischen Establishments sowie den von ihnen erkorenen Experten und sonstigen Gefälligkeitswissenschaftlern, ebenso nicht oder kaum in den mainstreamnahen Medien. Obwohl die Schäden überzogener Maßnahmen enorm sind. Sie werden sich wirtschaftlich wie auch in den Köpfen der Bürger womöglich über Jahre hinziehen. In gesellschaftspolitischer Hinsicht sind sie nicht kalkulierbar. Für die Mehrheit nicht und nicht für die Minderheiten, die sich mit Sorge umgehört haben und sich fragen, warum die Ohren der Offiziellen gegenüber den Warnungen vor einem überzogenen Lockdown taub geblieben sind. Wozu, fragt man sich, diese wohlorchestriert anmutende Kampagne?

Gleichviel, ich bleibe dabei, eine Minderheit zu sein, eine Ein-Personen-Minderheit. Eine von jenen, die wann, was und wie zu denken und zu sagen (mitunter auch zu schreiben) sie für richtig halten. Noch. 


KOMPAKT Zeitung, 9. Jg., 2. Ausgabe Juni 2020. S. 10-11



KOMPAKT Zeitung, 9. Jg., 2. Ausgabe Mai 2020. S. 10-11


Die Moral ist (k)ein Aal 

Ethik, Gewissen und Sitte, Normen, Werte und Recht, Tugenden, Menschlichkeit und Moralismus, Hypermoral und Unmoral, Gaunermoral, moralische Dilemmata, Haltung, Skrupel, Reue … Begriffe sind das, die mit Moral zusammenhängen, allesamt aber schwer zu definieren sind. Wenn man sie zu fassen meint, erweisen sie sich als schwammig und werden am Ende zur Ansichtssache. 

Thomas Wischnewski: Was nun, Herr Professor Wolf, ist Moral nach Belieben zu formen, ist sie biegsam, gar klitschig wie ein Aal? Oder kann man auf sie bauen? 

Ich glaube, dass Moral als Grundeistellung etwas recht Stabiles ist, sowohl die des Einzelnen wie auch die der Gesellschaft. Vor allem was das Gefühl für das Gute und das Böse anbelangt. Jeder trägt dafür eine innere Messlatte mit sich herum. Die Frage ist allerdings, woran wir diese Messlatte ausrichten und inwieweit wir uns im Einzelfall daran halten. 

Das, was wir gemeinhin als Moral bezeichnen, wird es erlernt, oder ist uns diese „innere Messlatte“ angeboren, also im Erbgut verankert und von daher hirngemacht?

Zunächst die Frage, was überhaupt ist Moral? Die Antwort fällt viel schwerer als man zunächst glauben mag. Um Gewissen geht es da, um sittliche Normen und sittliches Empfinden, und das ist zunächst Sache eines jeden Einzelnen. Damit wirkt er auf seine Familie ein, auf seine Freunde und Kollegen, und diese wiederum nehmen ihrerseits Einfluss auf seine Moralvorstellungen. Die Wechselseitigkeit reicht bis in die höchsten Ebenen, in die der Gesellschaft, für die sich jedoch „höhere Instanzen“ als Moralgeber aufschwingen, die Politiker, Glaubens- und Interessengemeinschaften und, ganz wesentlich, die Medien. Gleich ob von innen heraus entwickelt oder als Vorgaben von außen verinnerlicht, immer erscheint uns unser moralisches Empfinden als gegeben, als selbstverständlich, ist aber längst nicht einfach mit dem gleichzusetzen, was Gesetze, Verordnungen und Paragrafen vorschreiben. 

Wie ist das gemeint?

Wenn ich nachts eine kurvige Landstraße entlangfahre und immer wieder brav abblende, sobald ein Auto entgegenkommt, dann ist der Umgang mit dem Lichtschalter natürlich nicht angeboren. Jedoch befolge ich die Abblend-Regel bestimmt nicht einfach deshalb, weil ich befürchte, andernfalls die Polizei auf den Hals zu kriegen. Nein, wir alle machen das aus einer inneren Haltung heraus. Denn jeder weiß, wie unangenehm, ja gefährlich es ist, von entgegenkommenden Autos geblendet zu werden. Nicht auszudenken, wenn man durch die eigene Unachtsamkeit einen Unfall verursachte, gar den Tod eines Menschen. Wir würden dann von schlimmster Reue gebeutelt. 

Kann man das, was hinter einem derart miesen Gefühl steckt, wissenschaftlich erklären?

Es ist eine Art von innerem Wächter. Missachten wir ihn, entstehen strafende Gefühle. Nicht umsonst spricht man von Gewissens-„Bissen“. Solche inneren Strafmechanismen haben für das Leben in der Gemeinschaft eine große Bedeutung. Ganz sicher war das schon zu Urzeiten so. Umgekehrt, wenn wir etwas Gutes tun, ein weinendes Kind trösten, jemandem eine helfende Hand entgegenstrecken, fühlen wir uns auch selbst gut. Strafende wie Belohnungsgefühle bewirken, dass Regeln des Miteinanders, wenn sie tief innerlich als notwendig, gut und richtig erachtet sind, auch eingehalten werden. Wir sind nun mal durch und durch soziale Wesen, und das bereits von Natur aus. Ebenso ist unsere tierische Verwandtschaft ausnahmslos sozial organisiert. Alle Affenarten befolgen entsprechende, nämlich moral-analoge Regeln. Die sozialen Grundtendenzen sitzen uns allen zusammen tief im Mark, das heißt natürlich: im Gehirn. Sie gelten für uns Menschen durchaus nicht etwa nur deshalb, weil wir die Gemeinschaft und deren Regelwerk als zweckmäßig, als vernünftig, erachten.

 

Woher sollen Ihrer Ansicht nach diese Tendenzen, diese Regeln, stammen? Und die Bereitschaft, sie zu befolgen?

Sie sind über alle Bevölkerungsgruppen dieser Erde hinweg erkennbar, mithin müssen die Grundlagen durch unser Erbgut definiert sein. Gene diktieren die Verschaltung von Nervenzellen im Gehirn und bewirken so ‒ unter anderem ‒ die Programmierung von Verhaltensmustern und -tendenzen. Wir erfahren dies aus dem inneren Erleben heraus, durch Gefühle und die mit ihnen gepaarten Motivationen. Zwar können wir sie benennen, vermögen aber niemanden direkt nachempfinden zu lassen, wie sie sich für uns „anfühlen“. Freude oder Zorn zum Beispiel, Angst oder Schmerz, Durst oder Sympathie. Und ebenso nicht das für das moralische Empfinden so bedeutsame Schamgefühl, das der Empörung, der Reue oder, umgekehrt, das wohlige Gefühl, das uns nach einer guten Tat durchflutet. 

Aber ein Neugeborenes kann sich weder schämen, noch kann es auf etwas stolz sein. Ist das nicht ein Anzeichen dafür, dass solche Gefühle eben doch nicht den Genen entstammen, sondern erlernt werden müssen?

Dies ist ein weitverbreiteter Trugschluss. Zum Beispiel vermag ein Kind erst etwa im achten Monat Angst vor Fremdem zu entwickeln. Obwohl es mit Unbekanntem nie schlechte Erfahrung gemacht hat, kann es das dann plötzlich. Anweisungen aus unserem Erbgut sind es, die auch nach der Geburt noch die Hirnreifung steuern. Und das ganz wesentlich durch die fortschreitende Verschaltung Nervenzellen. Mit ihr entstehen Programme, die – unter anderem – für die Angstfähigkeit sorgen. Freilich werden die Hirnreifungsprozesse bald mehr, bald weniger mit den Erfahrungen in der Umwelt verquickt. 

Wie kann man sich das in Bezug auf Moral vorstellen?

Wenn ein Schüler wegen Faulheit von seiner Lehrerin einen Tadel erhält, muss er eine ganze Menge gelernt haben, um den Grund zu begreifen: Wieso seine Ergebnisse in der Mathearbeit falsch sind und dass er, wäre er fleißiger gewesen, es genauso wie die anderen gepackt hätte. Am schlimmsten für ihn aber ist, dass die anderen, insbesondere die Kathi, die er insgeheim anbetet, ironisch grinsen. Denn das verursacht ein verdammt peinliches Gefühl: Scham. Indes, wie dieses Gefühl „geht“, ist nicht erlernbar. Auch nicht das Erröten durch Weitung der Hautgefäße des Gesichtes, und dass die Körperhaltung – nun schamgebeugt – automatisch nachlässt. 

Da fragt man sich, ob wir nicht viel zu wenig auf die moral-relevanten Gefühle vertrauen. Könnten Sie sich eine Gesellschaft vorstellen, die gänzlich ohne Polizei, ohne Paragrafen und Richter auskommt?

  Durchaus. Die erforderlichen sozialen Regelmechanismen aber funktionieren nur in Gesellschaften, in denen jeder jeden kennt. Man weiß das von naturnah lebenden Gruppen wie auch von kleinen, abgeschiedenen Siedlungen in Zivilisationen unserer Art. Jemand, der gegen die Moral der Gruppe verstößt, fühlt sich durch die Anderen geächtet, und er wird auch geächtet. Sein Ziel ist dann, nichts wie weg, dorthin, wo ihn keiner kennt. Und in der Anonymität der großen Städte bedarf es eben einer installierten Ordnungsmacht. Je größer die Gesellschaften, umso wichtiger sind sie, all die Instanzen mit ihren Vorschriften und Ordnungshütern und staatlichen Strafmaßnahmen. 

Nun gibt es aber doch auch schwere, durch das Recht geahndete Entgleisungen, z. B. solche, für die man als Insasse in einem Gefängnis zu büßen hat. Schlimmer noch: Soldaten können zu Bestien werden, ja, eine ganze Bevölkerung kann moralisch degenerieren. Denken wir an die Nazizeit, an den Stalinismus, das Pol-Pot-Regime, an Nordkorea, den IS.

Abscheu bemächtigt sich unser, aber leider nicht aller, nicht immer oder zumindest nicht im ausreichenden Maße. Die Macher und Mitmacher bedienen sich verheerender Ideologien, und gaukeln zu ihrer moralischen Rechtfertigung vor,  die Anderen, die da auf der anderen Seite, seien wegen ihrer Rasse, wegen ihrer Religion oder ihrer wie auch immer gearteten Auffassungen minderwertig. Nicht Nachsicht verdienten sie, nein, oberstes sittliches Gebot sei deren Unterwerfung oder deren Vernichtung gar! Und, das lehrt nun mal die Geschichte, ein Großteil des Volkes verinnerlicht solche „Lehren“ und pflegt sie als höhere Moral.

Im Kleinen funktioniert so etwas als Gaunermoral. Innerhalb der kriminellen Gruppe mögen hehre Moralvorschriften gelten, aber eben nicht im Sinne der großen menschlichen Gesellschaft und schon gar nicht in dem der Menschlichkeit. Hier wie da wird die Moral tatsächlich zum Aal. 

Es gibt quasi-moralische Zwänge, denen man sich, ohne eigentlich zu wollen, schwerlich entziehen kann. Wie ist das nach Ihrer Ansicht einzuordnen?

Das Anpassungsbedürfnis zeigt sich auf allen Ebenen, dem Partner, der Familie und den Kollegen gegenüber, in der Politik, ja sogar – es sollte sich eigentlich von selbst verbieten – in der Wissenschaft. Der Einrichtung also, die der Wahrheit verpflichtet ist und nur der Wahrheit. Niemals dem Konsens und schon gar nicht der Politik oder dem Geld. Obschon es in der Gegenwart an Beispielen nur so wimmelt. Zu denken sei an den „Klimaschutz“ und an die Energiepolitik oder an irgendwelche Mittel und Mittelchen zum Gesundheitsschutz und deren illusorische Heilsversprechen. Und die Wissenschaft? Sie hält sich für gewöhnlich zurück. 

Oder man streitet sich, wie gerade jetzt zur Zeit der Corona-Pandemie.

Das ist das gute Recht der Wissenschaftler, ja, eine Gewissens-Pflicht. Wissenschaft kann ohne Meinungsstreit nicht gedeihen. Sobald sich die Wissenschaft Wünschen, Haltungen, Ansichten von außerhalb unterordnet, verletzt sie nicht nur ihr Ethos, sondern ist über kurz oder lang am Verlieren. Und mit ihr die Gesellschaft, die die Wissenschaft fördert, die ihrerseits der Gesellschaft im Ringen um die Wahrheit und bei der Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu dienen hat. Bei der Beurteilung der Corona-Situation sind gegenwärtig bald mehr, bald weniger scharf zwei Lager von Wissenschaftlern zu erkennen, das der Politikfernen und – das der Anderen, von der FAZ kürzlich als „Hofvirologen“ verspottet. 

Nun gibt es Sachlagen, bei denen die üblichen moralischen Prinzipien in Frage stehen. Ich denke an Kampfeinsätze, an Notwehrsituationen, an Katastrophen.

Sie meinen moralische Dilemmata. Erfahrungen dieser Art gehören zum Schlimmsten überhaupt. Allein die Vorstellung, man gerate auf der Autobahn in eine Massenkarambolage ‒ Tote, Schwerverletzte, überall Menschen, die um Hilfe schreien. Sie möchten helfen, wissen aber nicht wie. Oder Sie sind in Erster Hilfe durchaus geschult, können aber nicht allen helfen. Menschen sterben, weil Sie sich nicht um sie, sondern um andere kümmern.

Anderes Beispiel: Sie müssen zusehen, wie ihr Kind oder ihr Partner leidet und schließlich stirbt, weil kein Spenderorgan zur Verfügung steht. Und Sie selbst? Vielleicht gehörten Sie bislang zu jenen, die aus einem vermeintlich moralischen Grundsatz heraus eine Organspende verweigern? 

Fazit: Moral ist ein Anker, an dem wir festmachen können. Sie vermag sich aber auch wie ein Aal zu schlängeln, und oft gerade dann, wenn weit eher Verlässlichkeit anstünde. Indes, was wären wir, was wäre die Menschheit, ohne sie, ohne die Moral?!



KOMPAKT Zeitung, 9. Jg., 1. April-Ausgabe 2020. S. 11



Viren – winzig, aber oh-oh!

Das neue Virus hat alle anderen Themen vom Markt verdrängt, sogar Greta. Selbst die Uhren würden angehalten, wenn das irgendwie hülfe. Ganz im Nebenher hat man nun auch gelernt, dass es das Virus heißen muss. So wie bei Corpus und Opus – das und nicht der. Auch weiß ein jeder, dass sie klein sind, die Viren, für unser Auge unsichtbar, und trotzdem kreuzgefährlich.

Klein gegen groß, das kennt man von der biblischen Geschichte her: Um den Riesen Goliath zu besiegen, bedurfte es nicht eines noch riesigeren Riesen, nein, der kleine David reichte aus. Seine Steinschleuder war es, die im Kampf gegen die brutale Gewalt obsiegte. Seitdem wurden die Waffen zum einen immer größer und immer gewaltiger – Kanonen, Panzer, Kampfflugzeuge, Raketenwaffen entstanden – und zum anderen, die der Davidschen Art, immer kleiner. Und raffinierter. Heute wiegen sie gar nichts mehr, sie bestehen nur noch aus Information. Entwickelt für einen sehr speziellen Krieg, den Cyber War.

DNA oder RNA, mit Hülle oder ohne

Die Biologie kennt sie schon lange, diese Waffen, die im Eigentlichen nur noch aus Information bestehen. Als Waffenträger dienen die Viren und als Träger für die Information deren Nukleinsäuremoleküle, entweder eine DNA oder eine RNA. Fast immer kommt noch eine Hülle dazu, in die die Nukleinsäure verpackt wird. Winzige Teilchen ergeben sich so, ihre Größe beträgt je nach Virus-Art zwischen einem hundertstel und einem halben Mikrometer (15 bis 450 nm). Ist mit der Infektion die Virusinformation in Form der DNA bzw. der RNA erst einmal in die Zellen eines jeweiligen Wirtsorganismus gelangt, dann diktiert sie, was die Wirtszellen forthin zu tun haben. Vor allem, wie nach dem virus-eigenen Strickmuster weitere Viren zu produzieren sind. Denn die Viren können sich nicht selbst vermehren. Sie sind so raffiniert gebaut, dass sie auf einen eigenen Stoffwechsel verzichten und sich für die Vermehrung den der Wirtszelle ausborgen. Die Viren sind mithin keine „echten“ Lebewesen, vielmehr werden sie von ihren Wirtszellen gelebt! Und das klappt. Seit Urzeiten schon. Mit mindestens zwei Millionen Virusarten wird gerechnet, und diese befallen die Zellen ganz unterschiedlicher Arten von Tieren (unter ihnen eben auch von uns Menschen), von Pflanzen und von Pilzen sowie von den unterschiedlichsten Bakterienarten.

Die Wirtsorganismen sind den Viren nicht etwa hilflos ausgeliefert. Bakterien z. B. produzieren Enzyme, Nukleasen genannt, mit denen sie die Virusnukleinsäure zerschneiden. Hochspezifisch machen sie das, denn die zelleigenen Nukleinsäuren bleiben verschont. Viele Tiere hingegen und mit ihnen wir Menschen nutzen vor allem das Immunsystem, um sich einer Virusinfektion zu erwehren. Dies alles provoziert wiederum die Viren, die Abwehrmaßnahmen der Wirte durch Neuentwicklungen unschädlich zu machen. Ihnen gelingt das mittels zufälliger Änderungen der Virusnukleinsäure, Mutationen genannt. Wiederum rein zufällig funktioniert eine von ihnen, eine unter Millionen, indem sie, ohne die Kampffähigkeit des Virus zu beeinträchtigen, die Abwehrmechanismen der Wirtsorganismen überraschen. Die meisten von uns kennen das aus eigener Erfahrung. Wohlweislich hatte man sich eine Grippe-Schutzimpfung verpassen lassen und erkrankte im nächsten Winter dennoch an einer Grippe. Eben weil sich mittlerweile ein neuer Influenzavirus-Typ entwickelt hat, einer, der von dieser Art der Aktivierung unseres Immunsystems nicht betroffen wurde.

Was ist neu bei dem Corona-Virus?

Ist es überhaupt neu, dieses Virus? Gemessen an unserem bisherigen Kenntnisstand, durchaus. Erstmalig wurde der Erreger Ende des vorigen Jahres in China entdeckt. Seitdem hat er eine der schlimmsten Virus-Epidemien verursacht – eine Pandemie, die womöglich schlimmste überhaupt. Äußerlich unterscheidet sich dieses Virus von anderen Viren durch einen Kranz von Molekülen auf der Hülle, der bei elektronenmikroskopischer Betrachtung einen strahlenartigen Eindruck vermittelt, den einer Corona (lat. Corona – Kranz). Unter vielen weiteren solcher Corona-Viren gibt es sieben Typen, die beim Menschen Krankheiten verursachen, zumeist in der Art einer eher harmlosen „Erkältung“. Anders das ebenfalls zu den Corona-Viren zählende SARS-Virus (Severe Acute Respiratory Syndrome), das in den Jahren 2002/2003 eine Pandemie verursacht hatte. Wegen der engen Verwandtschaft wird die neue, dem chinesischen Wuhan entstammende Virus-Art als SARS-CoV-2 bezeichnet, die Erkrankung als COVID-19.

Die große Frage: Woher kommt das neue Corona-Virus? Naheliegend scheint zu sein, dass es, bislang unentdeckt, die gesamte Zeit über bei irgendeiner Tierart zuhause war und von da durch Zufall oder durch Verzehr auf den Menschen überkommen ist. Verdächtigt wurden Fledermäuse und, besonders wohl, die Schuppentiere, auch Pangoline genannt. Alternativ könnte eine bislang eher harmlose Corona-Virus-Art durch eine Reihe von Mutationen eine so gefährliche Variante hervorgebracht haben. Solchen Vermutungen kommt entgegen, dass es sich bei den Corona-Viren wie auch bei den Grippe-(Influenza)-Viren um Erreger handelt, deren Erbinformation aus RNA besteht. Die RNA ist viel wandlungsbereiter als die DNA, die bekanntlich nicht nur bei uns Menschen die Erbsubstanz stellt, sondern bei sämtlichen echten Lebewesen und so eben auch bei den DNA-Viren.

Karriere auf der politischen Bühne

Bei genauerer Analyse der molekularen Struktur von SARS-CoV-2 treten Besonderheiten zutage, die sich schwerlich als natürlich entstanden interpretieren lassen. Manche Molekularbiologen sehen darin einen Hinweis auf eine künstliche Konstruktion. Das Ergebnis von Biowaffenexperimenten etwa, durch Unachtsamkeit aus einem Labor entwichen? Eine Verschwörungstheorie, schallt es da an allen Ecken und Enden. Mag sein. Der Zukunft vorbehalten bleibt, das Rätsel Coronavirus SARS-CoV-2 zu lösen. Und, vor allem, ein Gegenmittel zu entwickeln. Wer wird der Schnellste sein? Endlich mal wieder unser Deutschland? Immerhin – Ehre, wem Ehre gebührt! – ist von Versuchen zu hören, uns ein ganzes Labor abzukaufen.

Demgegenüber stehen die verantwortungstragenden Politiker unseres Landes in der Kritik. Erst als in Deutschland pro Tag mehr als eintausend neuer Erkrankungsfälle auftauchten, beschloss man rigorose Maßnahmen. „Warum so spät?“ tönt es auf allen Ebenen. Andere Länder waren längst vorangegangen, auch innerhalb der EU. Grenzen dicht, Schengen adé! – ruft es da, während innerhalb Deutschlands noch immer die Kleinstaaterei weitergepflegt wird.

„Es gibt nichts Schlechtes, was nicht auch sein Gutes hätte“, lautet ein Spruch. Sollte die Corona-Pandemie tatsächlich auch etwas Gutes im Gewand führen? 



KOMPAKT Zeitung, 9. Jg., 1. März-Ausgabe 2020. S. IVX-XV



Lesen kurbelt den Hirnmotor an

Dieser Text ist ein Test. Jeder möge sich prüfen, ob er geneigt ist, ihn bis zum Ende durchzulesen, um damit seine Hirnmotoren auf Touren zu bringen.

Lesen ist für den Geist, was sportliche Übungen für den Körper sind. Heißt es. Tatsächlich, beides ist anstrengend, in unserem Sprachgebrauch unterscheiden wir gar nicht zwischen geistig und körperlich anstrengend. Und anstrengend war es, als damals in der ersten Klasse alle die 30 Buchstaben gelernt werden mussten. Man hatte sich zu merken, wie sie heißen, wie sie klingen und zu schreiben sind, und wie daraus Worte und ganze Sätze werden. Es war, als könne man hören, wie da der Hirnmotor brummt. Für uns Erwachsene ist das alles ein Klacks. Wie das Fahrradfahren, das Autofahren und das Schwimmen. Denn das Gehirn entwickelt für wiederkehrende Aufgaben Automatismen, und diese mindern die Anstrengung. So weit, bis wir von der einstigen Mühe gar nichts mehr spüren.

Mit bildgebenden Verfahren (funktionelle Kernspintomografie, Positronenemissions-Tomografie) lässt sich dem Gehirn bei der Arbeit gleichsam zusehen. Wechselnde Muster aus roten und gelben, grünen und blauen Flecken sind zu erkennen. Sie entsprechen Aktivitätszonen, die farblich kodiert werden. Zwar ist das Gehirn immer „irgendwie“ aktiv, selbst im Schlaf bleiben seine Motoren angeschaltet. Die räumliche Verteilung der jeweiligen Aktivitätsmuster aber unterscheidet sich. So eben beim Lesen oder beim Schreiben oder auch, wenn wir nur zuhören. Flüchtiges Lesen stellt sich mit den bildgebenden Verfahren anders dar als das Buchstabieren eines fremdsprachlichen Textes. Und Hirnregionen, die uns Angst oder Wut empfinden lassen oder Spannung oder Mitleid, werden beim Lesen genauso aktiviert, als ob es sich um reale Erlebnisse handelte.

Lesen schafft Wissen, das andere Leute zuvor erworben haben und uns in der Schriftform mitteilen. Grundlage für die Anreicherung von Wissen ist die Lernfähigkeit, für die wir eine ganz besondere Begabung aufweisen. Der Mensch ist ein „Lernwesen par excellence“. Dafür sorgen in unserem Gehirn spezielle Speichermechanismen und Speicherorte. Doch ist darüber trotz jahrzehntelanger intensiver Forschung bis heute nur Bruchstückhaftes bekannt. Dann mitunter in winzigsten Details. Allerdings eben bleibt im Verborgenen, wie sich diese zu einer geistigen Leistung zusammenfügen. Wir Hirnforscher haben nicht geringste Vorstellung davon, wo im Gehirn der Buchstabe A repräsentiert wird und wie, wo und wie das M und wo und wie das Z. Geschweige denn, wo im Gehirn alle die Bücher und Skripten abgelegt sind, aus denen wir zuvor gelernt haben. Auf welche Weise lässt sich darin blättern, wie sieht das inwendige Lesen der gespeicherten Textstellen aus?

Andererseits wissen Hirnforscher eine ganze Menge darüber, wie die Motoren beschaffen sind, die unsere Hirnleistungen überhaupt erst ermöglichen, so auch die des Lesens. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um molekulare Pumpen für Stoffe, die sie durch die äußeren und inneren Zellgrenzen (Membranen) zu transportieren haben.  Vor allem sind das Ionen, atomare oder molekulare Träger von elektrischen Ladungen also. Diese sorgen für die elektrische Spannung, die an den Membranen anliegen und mit deren Änderung Informationen kodiert und weitergeleitet werden. Insgesamt kommt in unserem Oberstübchen eine Leistung von etwa 20 Watt zusammen – einem Fünftel des Energieverbrauchs unseres Körpers. Immerhin, denn die Hirnmasse entspricht nur etwa 2 Prozent der Körpermasse.

Unser Gehirn verfügt über etwa 100 Milliarden reichlich verzweigter Nervenzellen und etwa ebensovielen Begleitzellen, Gliazellen genannt. Die Nervenzellen bilden jeweils hunderte, zum Teil auch zehntausende hochspezialisierte Kontaktstellen aus, sogenannte Synapsen. Über sie werden Informationen von Zelle zu Zelle ausgetauscht und weitergeleitet. Nur wenige solcher synaptischer Schaltstellen sind erforderlich, um jede der 100 Milliarden Nervenzellen mit jeder anderen zu verbinden – ein wahrhaft gigantisches Schaltwerk. Bald deutlicher, bald weniger deutlich abgegrenzt gibt es darin funktionelle Zentren, die sich von anderen solchen Funktionszentren unterscheiden.

Zum Beispiel lässt sich als Teil der Sprachzentren ein spezielles Lesezentrum nachweisen. Wird es durch einen Schlaganfall außer Gefecht gesetzt, gelingt das Lesen plötzlich nicht mehr. So tragisch das für die Betreffenden auch ist, sind solchen Beobachtungen detaillierte Kenntnisse zur Organisation der Lesebefähigung zu verdanken. Bei Menschen mit einer angeborenen Leserechtschreib-Schwäche ist die Hirnaktivität in diesem Zentrum verringert. Konzentriertes Üben verbessert die Fähigkeiten. Dann heißt es: lesen, lesen, lesen!

Überhaupt ist anzuraten: viel lesen! Lesen bedeutet für das Hirn viel Arbeit, und das tut ihm gut. Mit bildgebenden Verfahren ist dabei ein Mosaik aus aktivitätskodierenden roten, gelben, grünen und blauen Flecken auszumachen, das durch seine Kleinteiligkeit auf eine insgesamt höhere Aktivität schließen lässt. Ganz besonders gilt das dann, wenn Schul- und Lehrbücher verschlungen werden – eine auch im Wortsinn schweißtreibende Arbeit, vor allem in Prüfungszeiten. Menschen, die aus innerem Antrieb oder beruflich engagiert gewöhnt sind, viel zu lesen, halten ihr Gehirn auf Trab. Das erweist sich als gewinnbringend auch im Alter. Und gerade im Alter. Selbst wenn es nur um Romanhandlungen geht, hat sich der Lesende die hier beschriebenen Personen als leibhaft agierende Wesen vorzustellen, deren Handlungen und emotionalen Reaktionen zu verinnerlichen, das Umfeld, die Spannung der Geschichte, Hoffnungen und Enttäuschung muss er nachvollziehen und Zusammenhänge mit früheren Abläufen erkennen. Unbekannte Begriffe zwingen zum Nachschlagen. Nicht alles, aber vieles davon bleibt hängen, die Lektüre verwandelt uns. So, wie das reale Erleben, doch gemessen am Aufwand an Zeit und Mühen und Geld ist Lesen weit effektiver. Besser durch Lesen klug werden als durch Schaden!

In Berichten zur jüngsten PISA-Studie heißt es, bei uns in Deutschland habe jeder fünfte der Neunt(!)-Klässler große Mühe, Texte zu lesen und zu verstehen. An Schulen, die keine Gymnasien sind, sei es fast jeder Dritte, Tendenz steigend. Unser Deutschland, im Weltvergleich gerade mal Mittelfeld! In Sachen Kultur, Wissenschaft und Technik war es einst Vorreiter für die Welt! Nun rätseln die Bildungspolitiker, wie die Lesefähigkeit, eine der Schlüsselkompetenzen, zu steigern sei. Ihre Forderungen sind immer dieselben: mehr Geld, mehr Lehrer, mehr Digitalisierung und überhaupt mehr Anstrengungen. Nicht etwa seitens der Schüler, nein, die Gesellschaft ist gemeint, meistenteils solche also, die lesen können!

Zur Abwechslung sei mal an die Umkehrung gedacht, an Verhältnisse, wie sie früher üblich waren: Diejenigen, um die es geht, die Schüler, sollten sich mehr anstrengen, und das mit spürbaren Konsequenzen! Auch Mutter und Vater müssen ran, Elternteil eins wie zwei, gerade dann, wenn sie vorgezogen haben, fürderhin getrennte Wege zu gehen. Öfter mal versuchen, das auf dem Rücken liegende fernsehende oder mit dem teuren Handy spielende Kind umzudrehen und auf die eigenen Beine zu stellen. Wenn es umfällt, ist das sogar gut, sofern es dadurch lernt, sich selbständig hochzurappeln. Zum Beispiel eben den Hirnmotor durch vieles Lesen auf Touren zu bringen. 



KOMPAKT Zeitung, 9. Jg., 1. Februar-Ausgabe 2020. S. 4 - 5



Sag mir, wo die Ideale sind

Gerald Wolf

Wo sind sie geblieben, die Ideale, die Deutschland einst beseelten? Die seiner Ingenieure, Unternehmer, Erfinder und Entdecker, die seiner Nobelpreisträger, Dichter und Denker. Ideale gelten als Motor, als der vielleicht wichtigste für jeden Einzelnen von uns und nicht minder für die Gesellschaft. Wehe wenn dieser Motor abhandenkommt! Die Wirtschaftsleistung unseres Landes sinkt, woanders steigt sie. Unsere Schwerindustrie, die Chemie-Industrie und die pharmazeutische schwächeln, die Energiewirtschaft steuert auf eine Katastrophe zu. Von der Feinmechanik und Optik und von der Rechentechnik, dereinst Firmen von Weltbedeutung, existieren nur noch Reste. Nun krankt auch noch Deutschlands wirtschaftliches Rückgrat, die Auto-Industrie. Vor kurzem klagte die WELT, „Made in Germany“ leide unter einem drastischen Ansehensverlust. Was ist aus diesem Gütesiegel geworden, existiert es als Ideal überhaupt noch?

Dort, wo die Ideale gepflegt und ihre Meister gefeiert werden, dort blüht es. Zwar gibt es mitunter einzelne Blüten auch an einem ansonsten dürren Baum, aber reichlich finden sie sich nur bei entsprechender Pflege. In der Kunst ist das so, im Leistungssport und nicht zuletzt in der Wissenschaft und der Technik. Letztere sind es, die über das Auf oder Ab einer Gesellschaft entscheiden. Was beim Fußball außer Frage steht, nämlich die Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit knallhart über die Zusammensetzung des Kaders entscheiden zu lassen, darf in der Wissenschaft und Technik nicht anders sein, zumindest in deren Spitzenbereich. Keine Quoten, sondern Eliten. Nicht zuletzt im Dienst der Schwachen, die da nicht mithalten können.

Die Selbstverständlichkeit, mit der all das für uns einmal galt, scheint gewichen und nach Asien ausgewandert zu sein. In den Ländern, die vor kurzem noch als Entwicklungsländer galten, sorgt man mit Begeisterung und Verbissenheit für das Vorankommen. Was braucht es außerdem? Geld natürlich. Aber Geld allein tut’s nicht, das sieht man an den reichen Ölstaaten. Die entsprechenden Ideale sind es, die es zu pflegen gilt.

Bildung als Ideal

Wer Schüler in den dynamischsten Staaten des heutigen Ost- und Südostasiens ist, hat für seine Bildung alles zu geben. Die Schulen erwarten das, und die Eltern. So wie einst bei uns, hier in Deutschland. Und heute? Der jüngsten Pisa-Studie zufolge können 21 Prozent unserer 15-Jährigen einen einfachen Text weder lesen noch verstehen – Verhältnisse, die nur noch in Berlin unterboten werden. Häufigste Argumente sind niedriger Bildungsstand der Eltern, Überforderung der Schüler und verstopfte Schul-Klos. Seit jeher liegt der Akzent auf den MINT-Fächern, wenn es um die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes geht. Während in puncto Mathematik und Naturwissenschaften an unseren Schulen nur Mittelmaß zu verzeichnen ist, führen auch hier wieder Andere die Liste an. Zum Beispiel eben die Länder Asiens. Und Estland!

Die Pflege der Wissenschaft ist im Regelfall nicht Sache der Wissenschaftler selbst, sondern die von Funktionären, von – im weitesten Sinne – Politikern. Gleichwohl haben sie ihrer Aufgabe möglichst nahezustehen und die entsprechenden Ideale auch selbst im Herzen zu tragen. Wie steht es damit bei uns in Deutschland?

Üblicherweise legen die für die Bildung zuständigen Sachwalter, wie Politiker überhaupt, eher wenig Wert auf eigenes Wissen. Sie verlassen sich lieber auf das von Anderen, sofern deren Wissen für sie überhaupt erforderlich ist. Vor allem darf es den Auffassungen der eigenen Partei nicht widersprechen. Besser noch, wenn es diesen entgegenkommt. Solcherart Aufgaben verlangen von den Politikern überschaubare Anstrengungen, mitunter geht das sogar ohne Berufsabschluss. Wozu überhaupt konkretes Wissen, Behauptungen tun’s genauso, oft sogar viel besser. Von sperrigen Fakten befreit, lassen sich Behauptungen wunderbar an die Ziele der jeweiligen Meinungs-Konsortien anpassen. Widersprechende Befunde und Auffassungen können in der Öffentlichkeit durch Verschweigen ausgeblendet oder durch Diffamierung unwirksam gemacht werden.

Meinungsfreiheit als Ideal

Artikel 5 unseres Grundgesetzes sollte die Meinungs- und Zensurfreiheit garantieren, konterkariert wird er jedoch durch die Praktiken des derzeitigen politischen Mainstreams. Der bestimmt, was und wie etwas in die Öffentlichkeit gelangt, und was nicht. Als vormaliger DDR-Bürger fühlt man sich erinnert, wie ängstlich auch damals ein jeder „Verantwortungsträger“ bemüht war, die jeweils vorgegebenen Standpunkte und Regeln zu befolgen. So auch heute wieder. Sie werden von Kindesbeinen an gelehrt, im Kindergarten und in den Schulen.

Und an den Hochschulen? In kritischen Fällen hängt es von linksterroristischen Kräften ab, was an unseren Hochschulen gelehrt werden darf, wem zu lehren gestattet wird und wem nicht. Da mit dem früheren Innenminister de Maizière nun sogar Akteure des Mainstreams ausgeschlossen wurden, sah sich unser Bundespräsident zu einer Verlautbarung veranlasst. Ihr zufolge seien gerade die Universitäten der Ort für den Meinungsstreit. Hier auch müsse das Streiten wieder gelernt werden. Denn die Hochschulen wären „der Austragungsort für Kontroversen. Ohne heimlich oder offen verbreitetes Gift. Aber mit Schärfe und Polemik, mit Witz und Wettstreit“. Mehr noch: Die Universität sei „ein Ort der Freiheit aller zum Reden und zum Denken“.

 Indes ist es bei Vorlesungsverboten oder entsprechenden Aussortierungen geblieben. Die krassesten Fälle sind mit den Namen der Professoren Boberowski und Kutschera verbunden. Auch der Autor dieser Zeilen (G.W.) ist davon betroffen. An der Magdeburger Universität hielt er seit etwa 10 Jahren als Beitrag zum Seniorenstudium Vorlesungen, stadtoffen und über eine breite Themenpalette hinweg. Es waren in diesem Rahmen die meistbesuchten Veranstaltungen überhaupt. Mit Beginn des laufenden Semesters wurde ihm die Vorlesungen untersagt. Auch auf mehrfaches Drängen hin ohne Begründung.

Politische Ideale

Die politischen Ideale der klassischen Art, die der Demokratie, Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit, gelten noch immer. Da ist keine Partei, die sie nicht auf ihre Fahnen schreibt, allerdings ohne verbindlich sagen zu können, was man sich darunter im Einzelnen vorzustellen habe, konkret. Unter Freiheit zum Beispiel – welcher Art, für wen und gegen wen?

Politische Ideale sind durchaus nicht immer gut, sie können höchst gefährlich sein. Gerade bei uns in Deutschland gab es solche der verheerenden Art. Wilhelm II. war ein solches, heraus kam der 1. Weltkrieg, oder Hitler mit der Konsequenz Judenverfolgung und 2. Weltkrieg. Auch an „Väterchen Stalin“ sei gedacht. Er hatte es sogar ohne Krieg geschafft, Millionen und Abermillionen Menschen in den Tod zu befördern. Für den Osten Deutschlands war Stalin eher mehr als ein Ideal, er war gottgleich.

Und Gott selbst, der Gott der Juden, Christen und Moslems, der Erschaffer der Welt und der Menschen? In seinem Herrschaftsbereich gab und gibt es bis heute kaum eine Aggression und kaum einen Krieg, ohne dass man sich auf ihn beruft. Und überhaupt, kann dieser Gott als ein Ideal gelten, wenn er die Menschen wegen eines Obstdiebstahls über alle Generationen hinweg aus seinem Paradies vertrieb, Menschen, denen er dann die Sintflut auf den Hals schickte, weil er mit ihnen, mit seiner eigenen Schöpfung, nicht zufrieden war?

Für uns DDR-Bürger gab es mit und nach Stalin ein gänzlich neues Ideal, entsprechend hieß es der Neue Mensch. Später wurde dieses Ideal pädagogisch umgegossen in die Allseitig Gebildete Sozialistische Persönlichkeit, ironisch Homo sovieticus genannt. Man glaubte, wollte zumindest der Bevölkerung glauben machen, dass bei planmäßiger, konsequenter Erziehung nach sowjetischem Muster Menschen erschaffen werden, die als Einheit gewillt sind, dem Sozialismus in unverrückbarer Klassenposition zu dienen und dessen Feinde zu bekämpfen. Auf dass es den Menschen auf der ganzen Erde gut gehe und immer besser. Diese Zeiten schienen überwunden zu sein und mit ihr das Ideal vom neuen Menschen. Doch kommen immer wieder neue Varianten auf.  Jüngst aktualisiert nun durch die Beschlüsse des SPD-Parteitages im Dezember dieses Jahres.

Vom politischen Hauptstrom, dem „Mainstream“, werden die jeweils angesagten Ideale in Fahrt gesetzt. Es sind die Flaggschiffe des politischen Moralismus. Flussabwärts begegnen sie den Menschen, die sich gern vom Hauptstrom umspülen lassen. Darin plätschernd winken sie den Flaggschiffen zu, viele jedenfalls, manche freudig, die meisten eher müde. Andere Schiffe bekommen sie ohnehin kaum zu sehen. Das wollen sie auch gar nicht, weil diese ihr Bild vom vorgefertigten Ideal stören. Und gar gegen den Strom anzuschwimmen, ist ihnen völlig fern. Wozu auch, fragen sie sich. Solange das Wasser trägt und uns warm umspült, lohnt sich das Strampeln nicht.

Klimaschutz als Ideal

Es gibt hierzulande kein Politikfeld, auf dem nicht Versagen zu verzeichnen ist, auch solches der schlimmsten Art. Immerhin bekennen sich die Verantwortlichen dazu, auch die Leitmedien tun’s. Und sie finden im Volk ihrer Wähler Verständnis, denn, wie es zu wissen glaubt, gibt es Schlimmeres: Eine vom Menschen selbst verursachte Klimakatastrophe kataklysmischen Ausmaßes kündigt sich an! Der Klimaschutz hat daher Vorrang, und dafür drückt man gern ein Auge zu. Oder auch beide, schließlich geht es nicht nur um uns, sondern um den gesamten Planeten! Der weitaus größte Teil unserer Bevölkerung anerkennt dieses Bemühen, ist opferbereit und zeigt sich dafür an den Wahlurnen erkenntlich. Für den Machtapparat macht sich die Bevölkerung in ihrer Hinnahmebereitschaft gewissermaßen selbst zum Ideal. Zumal ein Großteil von ihr alle die Faktoren, die das Klima beeinflussen, weder versteht noch überhaupt verstehen will.

Wozu auch etwas Genaueres über die Absorptionsbanden vom CO2 und deren Sättigungsverhalten wissen wollen, über die globale Temperatur und die CO2-Konzentration von vor tausenden und Millionen Jahren hier auf der Erde oder auf dem Mars von heute? Wen schon interessiert die Vielzahl von Klimafaktoren jenseits vom CO2? Die tagtäglichen Berichte von Unwettern, Bränden, Dürren und Überschwemmungen aus aller Welt sprechen doch eine eindeutige Sprache – alles klimawandelbedingt, was sonst? Und der wiederum kommt vom CO2, dem Treibhausgas, wie man es aus den Schloten und Auspüffen quiemen sieht, im Fernsehen. Angeblich soll das CO2 ja unsichtbar sein, aber nicht für alle, Greta Thunberg kann es sehen. Und eben auch im Fernsehen kann man es sehen.

Der Glaube, dass all das, was uns da vom grünen und linken Zeitgeist vorgelegt wird, schon seine Richtigkeit hat, spricht für sich und vermeintlich auch für die Sache. Glaubenssätze sind nun mal weit glaubhafter als irgendwelche Kurven und Tabellen, die von Wissenschaftlern gegengehalten werden samt ihrer haarsträubend langweiligen Thesen. Nicht ohne Grund ist mehr als 90 Prozent der Weltbevölkerung gläubig. Irgendwie jedenfalls. Und nicht ohne Grund kommen die sogenannten Klimaleugner bei uns nicht zu Wort, selbst wenn sie zehnmal Recht haben sollten. Auch Gottgläubige wollen nicht darüber diskutieren, ob es Gott wirklich gibt.

Wirklich aber gibt es Wissenschaftler – weltweit zuhauf, darunter viele Nobelpreisträger –, die gegen die These vom anthropogenen Klimawandel massive Gründe anführen. Sie finden die Maßnahmen zur Umstellung auf erneuerbare „Energien“ wie auch auf E-Mobilität höchst fragwürdig und halten die dazu vorgesehenen Techniken für extrem problematisch. Eine riesige, über die ganze Welt verteilte Lobby finanziere die Kampagnen zum Klimaschutz, sagen sie, und: Die Klimaschutz-Industrie sei ein Billionen-Dollar-Geschäft. Dass 97 Prozent aller Klimawissenschaftler den menschgemachten Klimawandel bestätigen, sei ein dreister, seinerzeit von Obama befeuerter Bluff. Die gegenwärtigen atmosphärischen CO2-Konzentrationen hätten, wenn überhaupt, einen vernachlässigbaren Einfluss auf unser Klima. Weit eher würde die Zunahme des CO2 als atmosphärischer Pflanzendünger wirken und die Begrünung der Erde nachweisbar vorantreiben. Schlimmer noch: Die Datensätze zur globalen Erwärmung würden verfälscht, entweder sei da nichts oder kaum etwas Bemerkenswertes, außer Klima-Hysterie.

Und tatsächlich, die Angst vor einer Klimakatastrophe geht mit Symptomen einer höchst befremdlichen Verzichtbereitschaft einher. In mancher Hinsicht gleichen sie denen der Selbstverletzung beim Borderline-Syndrom.

Diskurs als Ideal

Von all diesen Argumenten erfährt die Allgemeinheit nichts. Öffentliche Diskurse zu den Reizthemen menschgemachte Klimakatastrophe, Sinn und Unsinn energiewirtschaftlicher Maßnahmen oder von atmosphärischen Grenzwerten werden vermieden. Erst kürzlich haben 500 Wissenschaftler (darunter wiederum Nobelpreisträger) einen Brandbrief an den UN-Generalsekretär Guterres geschickt und vorgeschlagen, dass sich auf beiden Seiten der Klimadiskussion ausgewiesene Experten endlich in aller Öffentlichkeit austauschen. Warum auch nicht? Bei der extremen Belastung der Volkswirtschaften wie auch des Privatvermögens eines jeden Einzelnen ist die Einbeziehung der gesamten Bevölkerung dringend geboten, weltweit und natürlich auch hier bei uns.

Das in Deutschland beheimatete Europäische Institut für Klima & Energie (EIKE) ist eine der staatlich unabhängigen Einrichtungen, die weltweit erschienene Publikationen zu Fragen des Klimas sammelt und ihrerseits weiterverbreitet. Obwohl sich EIKE nach eigenen Worten intensiv bemüht, immer wurde dem Institut ein öffentlicher Diskurs mit Einrichtungen der staatlich geförderten Gegenseite verwehrt.

Anthropogener Klimawandel – Diskursverbot?

Für April 2020 jedoch ist in Magdeburg ein Diskurs vorgesehen, bei dem beide Lager die Kraft ihrer Argumente in aller Öffentlichkeit messen können, die „Klima-Alarmisten“ und die „Klima-Skeptizisten“.

 
 
 
 
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