****       Sapere aude!        ****        
                 
Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber ein wenig sollten wir ihm schon entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
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Gerald Wolf, Gastautor / 15.10.2018      Foto: Yann

Gottes Populisten oder Hüter der Moral?

Wer ist für die Moral zuständig? Die Kirche natürlich, wer sonst! Denn, so die landläufige Auffassung, von Gott (oder wem auch immer) stammen die Zehn Gebote, der Mensch Moses war ihr Überbringer, und die Kirchen, die von gestern wie die von heute, sind deren Lehrer und Hüter. Tatsächlich gibt es hierzulande wohl kaum einen Ethikrat ohne Kirchenvertreter. Ex professio, von Amts wegen gewissermaßen, gehören sie dazu. Die christliche Ethik, so die Erklärung, bilde nun mal einen Grundpfeiler unserer Kultur. „Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“, habe Jesus gesagt (Matthäus 5, 39). Als er ans Kreuz genagelt wurde, soll er gebetet haben: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukas 23, 34). Nicht Rache also, sondern Versöhnung! Und wirklich, die Welt sähe anders aus, würde dies zur Maxime der Allgemeinheit.

Allerdings gibt es nicht wenige Menschen, die den Kirchen die Moralwächterrolle absprechen. Aufs Neue beflügelt durch jüngste Skandale. Papst Franziskus hat die aus seiner Kirche bekanntgewordenen Missbrauchsfälle als „monströs“ bezeichnet. Das Zölibat der Priester und der damit einhergehende sexuelle Frust mögen das ihre dazugeliefert haben, und das ist kaum weniger beklagenswert. Doch auch die Evangelische Kirche muss in ihren Reihen sexuelle Gewalt erkennen. Als ob das alles nicht Belastung genug wäre, nun auch noch das päpstliche Edikt, gewollte Schwangerschaftsabbrüche seien eine Art von „Auftragsmord“. Abtreibende Ärzte und deren Teams werden damit zu Mördern gestempelt.

Leichtfertigkeiten im Umgang mit werdendem menschlichen Leben mag es geben, und diese sollten nicht unnötig leichtgemacht werden. Aber eine generalisierende moralische Verurteilung, die Fälle von seelischer Not oder sich pränatal ankündigender Gebrechen gleichermaßen mit Bann bedenken? Und das durch einen Menschen, dem seine Organisation in sittlichen Fragen Unfehlbarkeit bescheinigt.

Die Kirche im Dorf lassen

Wie geht das alles zusammen mit der christlichen Ethik und dem Anspruch, Hüter der Moral zu sein? Gar nicht. Das genau ist den Kirchen „dank“ der neuerlichen Skandale bewusst geworden. Nicht länger vertuschen wollen sie Missbrauchsfälle oder weitere Aufräumungskampagnen abwarten, sondern auch selbst recherchieren, um Verbrechen von sich aus ahnden zu können. Ansonsten, so ist zu lesen, wüchse die Entfremdung der Menschen von ihrer Kirche, was deren Fortexistenz bedrohe. Kirchenbauten am Ende nur noch als Museen? Selbst die meisten der Atheisten wollen das nicht. Wodurch sonst, wenn nicht durch die christliche Ethik, würde die öffentliche Moral institutionalisiert?

Allerdings gründet der Anspruch der Kirchen, Hüter der Moral zu sein, ohnehin auf sehr weichem Boden. Jesus hatte dem Neuen Testament zufolge auch andere als begütigende Seiten. Er sei nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert, findet man in Matthäus 10, 34. Im Alten Testament gar, da wimmelt es von göttlich verordneten Grausamkeiten, die unserem heutigen Ethikverständnis völlig zuwiderlaufen. Allein schon das Modell der Sintflut. Gewissermaßen per Handstreich ertränkte Gott alle die damals lebenden Menschen, weil sie, die er einst selbst erschaffen hatte, seinen Erwartungen nicht genügten: Kinder, Frauen, Männer; ausgenommen Noah und seine Familie. Oder denken wir an Moses. Er kam vom Berg Sinai, hatte gerade erst von Gott die Zehn Gebote empfangen, unter ihnen das Tötungsverbot, und ließ 3.000 seiner Landsleute erschlagen. Warum? Weil er sie dabei antraf, wie sie ums Goldene Kalb tanzten.

Oder man denke an die Kreuzzüge und die dabei verübten Gräuel, an die Hexen- und Ketzerprozesse, an die kirchlich gebilligten Verbrechen gegen indigene Bevölkerungen und vielleicht auch daran, dass im Kirchenstaat die Todesstrafe, wiewohl heute abgelehnt, noch am Ende des 19. Jahrhunderts praktiziert wurde. Kriege, ausgetragen von sich christlich dünkenden Gruppierungen, konnten immer auf die Unterstützung der Kirchen zählen. Ebenso die christliche Gegenseite. Und wie befremdlich ist die Geduld, mit der seitens der Christenheit die Verfolgung ihrer Glaubensschwestern und -brüder in muslimisch geprägten Ländern hingenommen wird.

Christen oder Nicht-Christen, das ist hier die Frage

Doch wäre es grob ungerecht, wolle man die Überlegungen zur christlichen Ethik mit solcherlei Argumenten beschließen. Überzeugte Christen haben ihre moralische Integrität millionenfach belegt und tun dies immer wieder aufs Neue. Nicht nur durch ihr diakonisches Engagement, sondern auch ihrer Wohltätigkeit einzelner Bedürftiger wegen. Dabei mag die christliche Ethik eine wirkungsvolle Stütze sein. Muss aber nicht. Denn: Eine bindende Antwort auf die Frage nach der moralischen Überlegenheit von Christen gegenüber Nichtgläubigen steht noch immer aus. Gewiss sind Menschen nicht die besseren Menschen, nur weil sie sich Christen nennen oder sich, aus welchen Gründen auch immer, moralisch überlegen fühlen. Moralisch höher als andere zu stehen, muss durch Haltung verdient werden – und durch Verhalten.

Um ihre Glaubhaftigkeit nicht aufs Neue zu gefährden, sind die Kirchen gut beraten, mit der gebotenen Strenge weitere Missbrauchsfälle auszuschließen. Auch sollten sie weder materielle Vergünstigungen in den Vordergrund ihrer Arbeit stellen noch sich von Parteien oder – eher schlimmer – von tagespolitischen Haltungen vereinnahmen lassen. Zum Beispiel, indem die Kirchenobrigkeit einer 2.000 Jahre währenden Populismus-Praxis folgt, um sich mit erzkonservativen Vertretern des Islam an einen Tisch zu setzen, gleichzeitig aber die AfD zu verteufeln.

Wie, muss man sich da fragen, steht es denn mit der Moral all jener, denen das Christentum ferne ist, überhaupt jedwede Religion? Der Philosoph Immanuel Kant deutet mit seinem berühmt gewordenen Ausspruch auf einen inneren Wächter hin:

„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Über den bestirnten Himmel wissen wir mittlerweile viel mehr, noch immer aber fast nichts über:

Das moralische Gesetz in uns

Doch kennt es jeder. Wer nachts auf der Landstraße die Scheinwerfer seines Autos immer wieder brav abblendet, sobald ein anderes Auto entgegenkommt, dann bestimmt nicht, weil er befürchtet, die Polizei könnte dies überwachen. Nein, wir machen das aus einer inneren Haltung heraus. Denn jeder weiß, wie unangenehm es ist, geblendet zu werden. Nicht auszudenken, wenn der Entgegenkommende dadurch an den nächsten Straßenbaum geriete. Wir würden dann von schlimmster Reue gebeutelt.

Es handelt sich hierbei in der Tat um eine Art von innerem Moralwächter. Missachten wir ihn, entstehen strafende Gefühle. Nicht von ungefähr spricht man von Gewissens-Bissen, von Skrupeln (lat. scrupulus: „spitzes Steinchen“ – im Schuh). Solche inneren Strafmechanismen sind für unser Zusammenleben von größter Bedeutung. Ebenso verhält es sich im Positiven. Wenn wir etwas Gutes tun, ein weinendes Kind trösten, jemandem die helfende Hand entgegenstrecken, der sie dringend braucht, dann fühlen wir uns selbst gut. Solcherart strafende wie eben auch belohnende Gefühle bewirken, dass die Regeln des Miteinanders, sofern sie tief innerlich als notwendig, gut und richtig akzeptiert sind, eingehalten werden.

Homo sapiens ist nun mal ein durch und durch soziales Wesen, auch von Natur aus. Das gilt genauso für unsere tierische Verwandtschaft. Sie ist ausnahmslos sozial organisiert, und das, ohne die Gemeinschaft und deren Regelwerk als zweckmäßig begreifen zu können, als vernünftig. Gesetze quasi-moralischer Art sind es, die das Miteinander gestalten. Sie liegen den Tieren gewissermaßen im Blut. Uns ebenfalls.

Die Frage nun, wie kommen solche Verhaltensregeln in die Tiere hinein, wie in uns? Wie bei so vielen anderen Hirneigenschaften sind es Gene, die die Verschaltung von Nervenzellen im Gehirn bereits vor aller Erfahrung diktieren. In Reifungsprozessen auch noch während der Kindheit. Sie bewirken – unter anderem – die Programmierung wichtiger Verhaltensleistungen und Verhaltenstendenzen. Allerdings weiß kein Mensch, wie diese Programme auf der Ebene der Nervenzellen und ihrer Verbünde aussehen, ebenso nicht, wie sie im Einzelnen zustande kommen. Nur eben, dass sie unter anderem das ermöglichen, was wir aus den Tiefen unseres Inneren als Erlebnisqualitäten erfahren, Qualia genannt. Dazu gehören die Sinnesgefühle wie auch alle Gefühle der seelischen Art.

Er-ziehung und Ver-ziehung

Qualia sind höchst privat, mithin weder lehr- noch erlernbar. Doch ihre Auslösbarkeit ist es, ihre Intensität und Dauerhaftigkeit. Hier, genau hier, greifen die Möglichkeiten für eine moralische Er-ziehung und Ver-ziehung. Chance also und Risiko zugleich.

Hier auch befinden sich die Stellschrauben, an denen sie alle drehen, zumindest zu drehen versuchen: Mutter, Vater und Geschwister, Lehrer, Freunde und Feinde, Chefs, Politiker und Medien, Künstler und Wissenschaftler, all die (gegenwärtig noch immer) tausenden Religionen mit ihren jeweiligen Moralpaketen, Gurus, Volkspädagogen und Demagogen, Psychotherapeuten und die Ratgeber in Kursen und Büchern. Die Einen eher gut, die Anderen eher schlecht, die Einen eher stark, die Andern eher schwach. Idole gibt es zuhauf, das Ideal aber fehlt: die gütige, starke und unfehlbar kluge Oberhand. 

 
 
 
 
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