****       Sapere aude!        ****        
                 
Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber ein wenig sollten wir ihm schon entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
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Gerald Wolf, Gastautor / 13.10.2019 / Foto: Tomaschoff/

Edel sei der Mensch, hilfreich und klug

Schon für Aristoteles war eines klar – und das vor zweieinhalbtausend Jahren: Der Mensch ist ein „zoon politikon“, ein soziales Wesen. Allerdings stehen wir Menschen mit dieser Eigenschaft nicht allein da. Sozialität ist im Tierreich weit verbreitet. Sämtliche der etwa 250 Affenarten leben sozial, mithin alle unsere näheren tierischen Verwandten. Eher ist es die Intelligenz, die uns Menschen aus dem Tierreich heraushebt, wenn auch gepaart mit der sozialen Lebensweise. Der Zusammengang war es, der die Entwicklung von Kultur ermöglichte und mit ihr die von Technik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst. Vom Lateinischen „inter-“ (dazwischen) und „legere“ (sammeln, lesen) abgeleitet, erhielt der Begriff „intelligens“ schon frühzeitig die Bedeutung von kluglogischrationalverständigvernünftig. Genau diese Eigenschaften sind es, auf die der Fortschritt setzt und zu setzen hat, heute mehr denn je.

Ein Blick ins Leben genügt, um festzustellen, dass jeder von uns ein gerüttelt Maß an Intelligenz abbekommen hat. Wenn auch der Eine oder Andere damit großzügiger bedacht wurde. Hatte er Glück mit seiner Umwelt, waren seine Lehrer die besseren? Oder sind es eher die Gene?

„Die Gene?!“, hört man es aus dem Lager jener Entrüsteten, für die Gene etwas Unheimliches sind, ähnlich den Atomen. Gene als Ursache von körperlichen Merkmalen oder von Krankheiten werden noch hingenommen, nicht aber, wenn es um die Verursachung von Persönlichkeitseigenschaften geht, insbesondere die der Intelligenz. Dann wird gekämpft, und das mit Mitteln, wie sie ungleicher nicht sein können. Die eine Seite wartet mit Fakten auf, die andere mit Behauptungen und ideologischer Munition.

Wissenschaft auf der Anklagebank

In krassester Form geschehen in der Sowjetunion der Stalin-Ära. Hier wurde zum Sturm gegen den „reaktionären Mendelismus/Morganismus“ geblasen. Er beförderte so manchen Genetiker in den Gulag, wo ihm der Tod drohte. Das Kampfgetöse erklang auch in den Satellitenstaaten. In der DDR allerdings mit minderer Lautstärke, da es hierzulande hochangesehene Genetiker gab, die das Schlimmste verhüteten. Währenddessen waren in der Sowjetunion Missernten gang und gäbe, einfach weil sich die Ackerpflanzen nicht nach Trofim Denissowitsch Lyssenko richteten. Seiner „Lehre“ zufolge, sollten sie sich durch Umwelt und Erziehung problemlos in solche mit verbesserten Erträgen umwandeln lassen.

Der Lyssenkoismus war auch auf anderen Feldern zur Staatsdoktrin geworden, indem man, Lyssenkos Theorie der Vererbung erworbener Eigenschaften folgend, den „neuen sozialistischen Menschentyp“ kreieren wollte. Erbliche Einflüsse auf die menschliche Entwicklung wurden rundweg geleugnet, Erziehung und Umwelt seien die einzigen Faktoren, auf die es ankäme.

Längst ist die Genetik zu einer voll etablierten Wissenschaft gereift, und die Forschung zur Erblichkeit von Persönlichkeitseigenschaften wartet weltweit mit handfesten Ergebnissen auf. Die Sozial- und Bildungswissenschaften haben ebenfalls nicht geschlafen, schon gar nicht, wenn es darum geht, Bildungstheorien zu entwerfen, die ohne die Erkenntnisse der Genetik auskommen. Um sich der Verhaltensgenetiker zu erwehren, werden schon mal Verbalgeschosse abgefeuert in der Art von „Biologismus“ oder „Konservativismus“, „Reduktionismus“ oder „Sozialdarwinismus“, hin und wieder beflaggt mit „Rechtsextremismus“, „Rassismus“ oder „Faschismus“.

Und die andere Seite? Sie präsentiert ihre Ergebnisse und – geht Diskussionen aus dem Wege. Denn die meisten fürchten um ihre berufliche Karriere. Ähnlich wie viele Klimatologen, wenn sie Resultate oder Theorien vorzuweisen haben, die nicht zum sogenannten Zeitgeist passen. Ein Grund mehr, auf pensionierte Wissenschaftler zu hören. Ihrer Unabhängigkeit wegen.

Zwei Buchstaben: I und Q

Um die Körpergröße zu messen, reicht ein Zollstock, zur Messung der Intelligenz hingegen werden Testbatterien benötigt. Sie gestatten es, eine Art Generalfaktor des menschlichen Intellekts zu bestimmen. Die Ergebnisse solcher Tests werden in Form eines Intelligenzquotienten ausgedrückt, dem IQ.

Die Anzahl der Studien, die zur Erblichkeit der Intelligenz in aller Welt unternommen wurden, ist kaum noch übersehbar. Der Mittelwert der Bevölkerung ist auf einen IQ von 100 festgesetzt. Verhältnismäßig problemarm gelten Intelligenztests, die unabhängig von Bildung und Kultur sind, zum Beispiel die Deutung von Mustern, das Ergebnis einer gedanklichen Drehung von räumlichen Figuren oder die Geschwindigkeit, mit der bestimmte Buchstaben in einem Text anzustreichen sind. Immerhin korreliert der IQ jedes Einzelnen sehr stark mit sonstigen Intelligenzleistungen, der sprachlichen oder mathematischen Art zum Beispiel, und fast ebenso stark mit dem Erfolg in intelligenzbestimmten Berufen.

Wie nicht anders zu erwarten, erhöhen sich die Intelligenz-Leistungen bei Kindern im Laufe ihrer Entwicklung, bei Erwachsenen aber bleiben sie auffällig konstant. Und noch erstaunlicher: Der Bildungsweg hat auf die Höhe des IQ kaum einen Einfluss. Praktisch verhält es sich dabei wie mit der Körpergröße.

Schimpansen können trotz Förderung nicht sprechen

Wie ist die Erblichkeit von Intelligenzleistungen nachzuweisen? Zum Glück der Forscher erlaubt sich die Natur etwas, was der Gesetzgeber verbietet: Sie klont Menschen. Eineiige Zwillinge sind gemeint, Menschen, die sich aus einer gemeinsamen Eizelle entwickelt haben, daher genetisch (nahezu) identisch sind. Ihre Blutgruppen stimmen zu 100 Prozent überein, ebenso andere Merkmale, wenn sie ausschließlich von der Art der betreffenden Gene abhängen. Anders, wenn bei der Merkmalsausbildung die Umwelt hereinspielt. Die IQ zum Beispiel sind bei (erwachsenen) eineiigen Zwillingen nur zu etwa 80 Prozent gleich.

In der Art der Sprache können sich die Geschwister noch stärker unterscheiden. Zwillingspartner, die getrennt aufgewachsen sind, der eine in Berlin, der andere in Shanghai, sprechen in einer Weise, wie sie verschiedener nicht sein kann.

An Gene gebunden allerdings ist die Befähigung, überhaupt eine Sprache erlernen zu können. Schimpansen, unseren nächsten tierischen Verwandten, fehlt diese Begabung. Sie in menschlicher Gesellschaft zu päppeln und mit viel Liebe und Ausdauer zum Sprechen zu erziehen, ist nahezu ohne Erfolg. Eben weil sie die entsprechende genetische Voraussetzungen nicht haben. Und Katzen, Karpfen und Kartoffelkäfer gleich gar nicht. Wie das, müssen sich Umwelttheoretiker fragen lassen.

Erbgut versus Umwelt

Ein wichtiges Vergleichsmaß zu den Tests an eineiigen Zwillingen liefern solche an zweieiigen Zwillingen. Wie normale Geschwister teilen sie zu (ungefähr) 50 Prozent dieselben Genvarianten, sind wie die eineiigen Zwillinge gleich alt und im Regelfall in ein- und derselben Umwelt aufgewachsen. Die in Intelligenztests erzielten Leistungen stimmen bei zweieiigen Zwillingen zu etwa 50 Prozent überein, ebenso beim Vergleich mit denen ihrer Mütter und Väter. Der Durchschnitt der Menschen einer Bevölkerungsgruppe hingegen korreliert mit null Prozent.

Wohlgemerkt, um eine generelle Art von Intelligenz geht es hierbei, nicht um die Bildung, das Wissen und Können oder die Kultur des Einzelnen. Diese hängen selbstverständlich neben der Intelligenz von den Möglichkeiten ab, wie sie sich dem Einzelnen bieten oder geboten haben. Und davon, wie er sie zu nutzen bereit ist. Tausende und abertausende Versuchspersonen wurden mit entsprechendem statistischem Aufwand getestet – vom Prinzip her immer dasselbe Ergebnis.

Eine Überraschung allerdings gab es in der jüngeren Zeit: Mit fortschreitendem Alter der Versuchspersonen näherten sich die Ergebnisse mehr und mehr denen ihrer Eltern und Geschwister. Auch die Intelligenzleistungen eineiiger Zwillinge. Während sich die IQ im Kindesalter zu etwa 50 Prozent glichen, betrug ihr Korrelationsniveau im Erwachsenenalter ungefähr 80 Prozent, und das unabhängig vom jeweiligen Bildungsweg. Dazu passen die Ergebnisse von Adoptionsstudien. In dem Colorado Adoption Project wurden über 20 Jahre hin 245 Adoptivkinder getestet. Heraus kam, dass die Kinder ihren biologischen Eltern hinsichtlich Intelligenz immer ähnlicher geworden waren, ihren Adoptiveltern hingegen immer unähnlicher. Mit anderen Worten: Der Umwelteffekt sinkt ständig ab. Auf Sozialwissenschaftler, die dazu neigen, den Einfluss sozialer Faktoren überzubewerten (Soziologismus), müssen diese Ergebnisse wie ein Faustschlag wirken. Üblich allerdings ist die Verdrängung oder Infragestellung derartiger Resultate.

Intelligenz ist nicht alles!

Etwas sei mit größtem Nachdruck herausgestellt: Intelligenz ist nicht alles! Intelligenz ist ein wichtiges Persönlichkeitsmerkmal, aber eben nur eines unter vielen weiteren. Es gibt Menschen mit hoher Intelligenz, die sich wie Lumpen verhalten. Man trifft sie in allen Schichten, nicht nur in Gefängnissen, auch auf Chef-Etagen. Auf viele weitere Eigenschaften kommt es an, um Menschen zu charakterisieren, auf Moralität, Zuverlässigkeit, emotionale Tiefe, Mut, Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Höflichkeit, Aufgeschlossenheit, Kontaktfähigkeit, Neugier, Begeisterungsfähigkeit, Umtriebigkeit, musische Begabung, sportliche Begabung, spirituelle Begabung, Stressresistenz, Drogenanfälligkeit, Genauigkeit, Interessantheit, Durchsetzungskraft, Teamfähigkeit. Auch bei all diesen Persönlichkeitseigenschaften spielt die Erblichkeit eine Rolle, allerdings – sofern überhaupt getestet – in einem geringeren Ausmaß als in puncto Intelligenz, im Schnitt um die 40 bis 50 Prozent.

Erblichkeit heißt nicht, dass die Nachkommen mit ihren Eigenschaften mehr oder weniger genau zwischen denen der Eltern liegen müssen, dann und wann vielleicht mal eher der Mutter gleichend oder dem Vater. Die Verhältnisse sind viel komplizierter. Die in der DNA, im Erbgut, verankerten Informationen können über Generationen hin verdeckt sein. Sie bilden zusammen hochkomplexe Wirkungsgefüge, die häufig erst in einer späteren Generation an den Tag kommen. Ein Ehepaar könnte theoretisch Millionen und Abermillionen von Kindern zeugen, allesamt wären sie dank der Chromosomen- und Genlotterie bei der Ei- beziehungsweise Spermienzellreifung wie auch bei der Befruchtung genetisch ungleich und würden sich daher in ihren Eigenschaften bald mehr, bald weniger stark voneinander unterscheiden.

Die Unterschiedlichkeit der Welten, in die die Nachkommen hineinwachsen und von denen sie erzogen und gebildet werden, kommt hinzu, ebenso alle die Unwägbarkeiten, die das Selbstverständnis des Einzelnen und seine jeweiligen Zielvorstellungen prägen. Hochindividuelle Geschöpfe sind das Resultat. Obschon genetisch identisch, gilt das auch für eineiige Zwillinge. Dennoch, die Erbanlagen sind wesentlich und bleiben für jeden einzelnen Menschen ein Leben lang mitbestimmend.

Ansporn zum Leistungswillen

Die Erblichkeit der Intelligenz ist eine Erkenntnis, deren Gültigkeit der von physikalischen Gesetzen nahekommt. Dies in Abrede stellen zu wollen ist nicht nur unwissenschaftlich, es ist grob anti-wissenschaftlich. Auch wenn es Politiker mit ihren Ansichten und Empfehlungen noch so gut meinen, sie haben sich an der Realität zu orientieren und diese zur Kenntnis zu nehmen, nötigenfalls durch Nachhilfe. Gute Politik darf nicht Illusionen nachhängen, denn nichts erweist sich so hartnäckig und ideologischen Wunschvorstellungen gegenüber so widerborstig wie Tatsachen.

Den Tatsachen, nicht zuletzt eben auch denen der Genetik, gilt es sich zu stellen und daraus das jeweils Bestmögliche zu machen. Daher sollte der Blick für die Eignung zu einem bestimmten Beruf oder für eine bestimmte Position durch keinerlei politische Vorgabe verwässert werden. Im Leistungssport ist dieses Prinzip selbstverständlich, andernfalls belegt man die unteren Ränge. Das war auch im Sozialismus verstanden worden, nur eben für die Wirtschaft und Wissenschaft von Partei und Regierung nicht hinreichend akzeptiert. Die Halbherzigkeit, mit der das Leistungsprinzip seinerzeit angegangen wurde, erwies sich als gewaltiger Fehler, und in der Folge versagte das gesamte System.

Und heute, 30 Jahre nach der Katastrophe? Schon wieder Ansätze für einen Staats- und Parteiendirigismus? – Dazu nein und abermals nein: Was Wirtschaft wie Wissenschaft brauchen, zumindest an ihrer vordersten Front, sind keine Behauptungen, sondern Fakten, sind keine Quoten, sondern Eliten, sind Leistungswille und der Ansporn dazu. Nicht zuletzt im Dienste der Schwachen, die dabei nicht mithalten können. Die Selbstverständlichkeit, mit der das hierzulande einmal galt, scheint gewichen und nach Ostasien ausgewandert zu sein.

Gerald Wolf ist Hirnforscher und emeritierter Institutsdirektor aus Magdeburg. In seinen Vorträgen und Publikationen widmet er sich der Natur des Menschen, vorzugsweise dem Gehirn und dem, was es aus uns macht. Neben zahlreichen Fachpublikationen und Fach- und Sachbüchern stammen von ihm drei Wissenschaftsromane. 

 
 
 
 
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