Gerald Wolf
                                                                                                                                              ***     Sapere aude!   ***                                                                                                                                                                                           Schlimm ist es um die Demokratie bestellt, wenn                                                           "politische Korrektheit" und Duckmäusertum                                                                                    das Sagen haben.
 
 

 Lange leben, ohne alt zu werden

MAGDEBURG KOMPAKT 5. Jg. 2016, Nr. 69, S. 36

Gut und gern, bloß wie? Gegen das Altern sei kein Kraut gewachsen, glaubte Hippokrates zu wissen. Allerdings kannte er, der berühmteste Arzt des Altertums, die Apotheken und Drogerien von heute nicht, schon gar nicht die Werbung im Fernsehen und Internet. Überall werden sie angeboten, die Mittel und Mittelchen gegen das Altern, dessen Anzeichen und Erschwernisse. „Rein pflanzlich“ sind sie, natürlich. Unbedenklich, meinen Sie, weil sowieso wirkungslos? Das nicht, denn der obligatorische Beisatz „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ belegt, wie ernst die Sache ist. Zumindest für die, die daran verdienen. Ja, dann fragen Sie doch mal ihren Arzt oder Apotheker, fragen Sie möglichst viele von ihnen, vor allem, lassen Sie sich die Studienergebnisse zeigen, die die Heil- oder Vorbeugewirkung gegenüber Alterserscheinungen belegen! Oder besser nicht. Denn Sie werden den Glauben an das Wunder von Anti-Aging-Therapien und solcherart Pillen verlieren. Genau das aber schadet. Der Placebo-Effekt ist es, der Glaube an die Wirkung, was da obwaltet. Sobald man zweifelt, ist das schöne Geld futsch. Zugleich haben Sie ein echtes Wunder kennengelernt, nämlich, dass sich kein Staatsanwalt dafür interessiert. Indes, nicht zu bezweifeln sind die allgemeinen Empfehlungen zur Vorsorge für Körper und Geist, auch wenn sie trivial sein mögen: Vermeidung von Gesundheitsrisiken durch Genussmittel und Unfälle, angemessene körperliche und geistige Regsamkeit, Geselligkeit, Vermeidung von Langerweile oder einem Zuviel an Stress, vielseitige, obschon sparsame Ernährung. Nicht trivial, ganz und gar nicht, ist die Frage, was denn das Altern eigentlich bewirkt. Offenbar handelt es sich um aktive, biologisch „gewollte“ Mechanismen, die uns altern und schließlich sterben lassen. Generationen von Lebewesen zu erzeugen und den jeweils älteren das Leben wieder zu nehmen, gehört zu den wichtigsten Evolutionsprinzipien. Ein weltweit verfolgtes Forschungsziel ist, diese Alternsmechanismen klar zu definieren. Bei Erfolg würde der Weg zur ewigen Jugend nicht mehr weit sein. Allerdings hätte die Menschheit dann ein weiteres Problem. Egal, für jeden Einzelnen von uns gilt: So lange wie möglich leben, um die Segnungen der Forschung noch zu er-leben! 

Auf den Hund gekommen 

MAGDEBURG KOMPAKT 5. Jg. 2016, Nr. 66, S. 12

Ein kleines, beeindruckendes Experiment: Junge Wölfe, gemeinsam mit Hunden gleichen Alters aufgezogen und allesamt hungrig, bekommen von ihrem Betreuer ein Gefäß mit Leckerbissen vorgesetzt. Anders als sonst ist der Deckel fest verschlossen. Während die jungen Wölfe stur vor sich hin probieren, blicken die Hundchen immer wieder zu ihrem Betreuer hin, von wegen: "Ich krieg das hier nicht auf, hilf mal!" Vor etwa 10.000 Jahren war der Hund noch ein Wolf. Nicht nur seine Vielgestaltigkeit ist Ergebnis der Züchtung, auch das jeweils rassetypische Verhalten. So verschieden die Rassen sind, allen gemeinsam ist ihnen die Ergebenheit gegenüber Frauchen bzw. Herrchen. Deren Stimmung erfahren sie über den ständigen Blickkontakt. Und genau das ist es, was dem Wolf fehlt. Auch wenn er von Hand aufgezogen  wird, bleibt er ein Wolf. Dafür sorgt sein Erbgut, das sich unter anderem eben in dem Punkt Menschbezogenheit von dem der Hunde unterscheidet. Zwar ist das Verhalten höherer Tiere durch Lernprozesse  mehr oder weniger modifizierbar, immer aber in den Grenzen ihrer Natur. Im Prinzip gilt das auch für uns Menschen. Neben unserer individuellen Biografie und der jeweiligen Kulturgeschichte sind wir über das Erbgut tief in unserer Naturgeschichte verwurzelt. Vieles ist uns angeboren, ohne von Geburt an kenntlich zu sein. Die Welt der Gefühle gehört dazu, ebenso die damit zusammenhängenden Bedürfnisse. Sie kommen erst im Laufe der Kindheit durch Hirnreifungsprozesse ins Spiel und sind deshalb leicht mit Lernprozessen zu verwechseln. Zudem variieren die dafür zuständigen Gene individuell. Alles zusammen macht aus dem Menschen das, was er nun mal ist: ein ganz und gar einzigartiges Geschöpf. Schwer zu begreifen. Und ohne die eine Faktorengruppe wie auch die andere überhaupt nicht. Das allerdings wird nicht von allen so gesehen. In den Humanwissenschaften (Geistes-, Sozial-, Kultur-, Erziehungswissenschaften) gibt es Studienrichtungen, bei denen die Natur des Menschen schlichtweg ignoriert wird. Da möchte man empfehlen, doch wenigstens versuchsweise auf den Hund zu kommen (wie überhaupt auf das Tier), um eben auch auf dieser Schiene, nämlich auf der der Verhaltensbiologie, zum Menschen zu gelangen. Bekanntlich sieht man den Wald nicht, wenn man mittendrin steht.

Wenn die Augen leuchten

                                                          

Magdeburg Kompakt, 5. Jg. 2016, Nr. 63, S. 18

Wenn deine Augen leuchten

"Deine Augen leuchten mich so an, dass ich nur noch an Dich denken kann." Sehr romantisch, stimmt’s? Weit weniger sinnlich klingt es bei Antoine De Saint-Exupéry. Die Liebe bestünde nicht darin, dass man einander anschaut, sondern gemeinsam in dieselbe Richtung blickt. Krasser noch sagt es Goethe: „Klassisch ist das Gesunde, romantisch das Kranke.“ Offenbar war der Dichterfürst gerade nicht gut drauf, als das schrieb, denn in seinem „Werther“ klingt er ganz anders. Auch damals, als er einfach mal so im Walde vor sich hinging und dann „im Schatten sah ein Blümelein stehn, wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön.“ Im Zusammenhang mit Romantik und Sinnlichkeit möchte man eigentlich eher an Frauen denken, denn sie gelten als die Meisterinnen des Herzens. Tatsächlich, die Offenbarungen des Herzens sind Teil ihrer Natur. Denn bei Frauen tendieren die rechte und die linke Großhirnhälfte deutlich stärker zum Informationsaustausch, als das beim Mann der Fall ist. Neueste Befunde mittels Diffusions-Tensor-Bildgebung (eine Variante der herkömmlichen MRT-Technik) bestätigen die bisherige Vermutung. Das Interessante dabei: Das Großhirn arbeitet unsymmetrisch, indem die rechte Hälfte eher für das ganzheitliche Denken und die emotionale Bewertung zuständig ist, die linke für die Logik und die räumliche Orientierung. Je intensiver die beiden Hälften miteinander kooperieren, umso stärker die Verkopplung auf der Gefühlsebene. Ein Plus für die Frauen. Umgekehrt redet die rechte Hirnhälfte bei Männern weniger in die logischen Operationen der linken Hirnhälfte hinein. Typisch Frau, typisch Mann? Nun, die Versuche, Frauen und Männer hirnorganisch zu typisieren, gelingen nur für den jeweiligen Durchschnitt. Es gibt hier wie da Grenzgänger und eben auch sonst wie geartete Geschlechtlichkeiten.  Sie bestehen so und nicht anders ein Leben lang fort. Jeder sollte mit der eigenen Verfasstheit glücklich sein und versuchen, die Eigenart Anderer tief innerlich zu respektieren, im besonderen Fall zu lieben! Rührend, wenn sich Männer ihrer romantischen Begabung genieren und dies dann appellierend für’s andere Geschlecht einsetzen. In einer Anzeige gefunden: „Ich rede mit dem Schrank, flirte mit dem Fernseher und frühstücke mit dem Staubsauger. Bevor ich noch ein Verhältnis mit dem Toaster anfange, melde Dich!“ 

 

                                                                            Magdeburg Kompakt, 5. Jg. 2016, Nr. 63, S. 39

Wut im Bauch

Auch macht sich dort mitunter ein warnendes Gefühl breit, Schmetterlinge flattern herum, und es kann eigenartig kribbeln. Derartige Gefühle sind vom Gehirn in den Bauch projiziert, so die gängige Interpretation. Ähnlich ist das mit den „herzlichen“ Gefühlen. Gefühle seien nun mal allein Sache des Gehirns. Allerdings ist das nicht ganz so klar. Immerhin gibt es Nervenzellen auch im Bauch. Die Darmwand beherbergt etwa 100 Millionen, ein Promille der Menge also, die unser Gehirn aufmacht. Diese Nervenzellen sorgen für die Bewegungen des Darmes, für die Ausscheidung von Enzymen in den Darm und den Transport der hier freigesetzten Nährstoffe in das Blut. Mehr und mehr stellt sich nun heraus, dass dieses „Darm-Hirn“ auch unsere Gefühlslage beeinflusst. Einer der in der Darmwand gebildeten Signalstoffe ist das Serotonin. In das Blut ausgeschieden und im Gehirn an der richtigen Stelle angelangt, wirkt es als Glückshormon. Auch geht es uns auf höchster Ebene besch *), wenn wir etwas „Falsches“ gegessen haben. Wesentliche Mitspieler sollen dabei die Mikroben im Darm sein. In jedem Gramm Darminhalt leben mehr Bakterien als Menschen auf der Erde. Insgesamt tummeln sich im Darm etwa 100 Billionen Bakterien mit weit über tausend Arten. Der Darm eines jeden Menschen beherbergt davon mindestens 160. Man weiß das alles erst, seitdem sich das Mikrobiom des Darmes (Gesamtheit der hier lebenden Mikrobenarten) mittels gentechnischer Methoden analysieren lässt. Die Mikroben-Gesellschaft differiert nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch mit der Art der Ernährung. Es mehren sich Hinweise darauf, dass uns die Darmbakterien sagen, worauf sie Appetit haben. Auch dahingehend, dass es durchaus ein bisschen mehr sein sollte. Die Dickerchen unter uns können demnach gar nichts für ihre Pfunde, nein, die Bakterien sind’s! Wird vermutet. Darmbakterien können natürlich auch schlimme Krankheiten verursachen, womöglich sogar Multiple Sklerose. Ein ungünstig zusammengesetztes Darm-Mikrobiom soll dafür als Initialzündung dienen. Und noch etwas: Bei einigen Krankheiten hilft die Übertragung von Stuhl Gesunder in den Darm der Darmkranken. „Mikrobiota Transplantation“ nennt man so was Ekliges. Da muss man sich fragen, werden mit einer derartigen Transaktion etwa auch Gefühle transplantiert?

Tipp: Nicht nur auf den Straßenverkehr achten, auch auf den im Darm!

*) issen 

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