Gerald Wolf
                                                                                                                                                 ***     Sapere aude!   ***                                                                                                                                                                                           Schlimm ist es um die Demokratie bestellt, wenn                                                           "politische Korrektheit" und Duckmäusertum                                                                                    das Sagen haben.
 
 


 

uen anders als Männer ticken

Volksstimme Magdeburg, 8.10.2016

Warum Frauen anders als Männer ticken

Ein Magdeburger Hirnforscher über Geschlechtsunterschiede im Gehirn. Interview Uwe Seidenfaden mit Prof. Dr. Gerald Wolf

Frauen sind von der Venus und Männer vom Mars. So heißt es, um Verhaltensunter­schiede zwischen den Ge­schlechtern zu charakterisieren. Wie verschieden sind unsere Gehirne wirklich? Nicht so, wie viele Menschen glauben, sagt der emeritierte Hirnfor­scher Gerald Wolf.

      Herr Professor Wolf, vor einigen Jahren sorgten zwei australische Buchautoren für Aufsehen mit der These, dass Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken können. Haben Sie dafür eine neu­robiologische Erklärung?

Sie beziehen sich auf ein Buch des australischen Ehepaares Allan und Barbara Pease. Die Gehirne von Frauen und Männern tickten ganz unterschiedlich, wird darin behaup­tet und anhand neckiger Beispiele auf höchst amüsante Weise erör­tert. Am Ende kommt heraus, dass Frauen und Männer gerade wegen ihrer Unterschiede so wunderbar zu einander passen.

Das ist ein schönes Buchende. Aber wie unterschiedlich sind die Gehirne von Männern und Frauen nun wirklich?

Mit bloßem Auge kann niemand, auch kein Hirnforscher, dass Gehirn einer Frau von dem eines Mannes sicher unterscheiden. Wenn es Verhaltens- oder Leistungsunter­schiede gibt, dann lassen sich dafür kaum entsprechende Strukturun­terschiede finden. Es bedarf schon technisch aufwändiger Methoden, um herauszufinden, was mit Fähig­keits- und Qualitätsunterschieden zusammenhängt. Ein Großteil der Hirnstrukturen entwickelt sich in Form subtilster Konstruktionsun­terschiede erst im Laufe der Hirn­reifung.

Wie können Wissenschaftler sol­che Konstruktionsunterschiede des menschlichen Gehirns sicht­bar machten?

Ein Verfahren ist die sogenannte Diffusions-Tensor-Tomografie. Da­mit lässt sich zeigen, dass die Struk­turen, die für den Informationsaus­tausch zwischen den verschiedenen Hirnregionen zuständig sind, bei Männern eher innerhalb der bei­den Großhirnhälften (Hemisphä­ren) vermitteln, bei Frauen stärker zwischen der linken und der rech­ten Hälfte. Da die linke Hemisphäre stärker mit rationalen Inhalten zu tun hat, die rechte eher mit emotio­nalen und ganzheitlichen Aspekten, wird daraus gern abgeleitet, dass Frauen das Vernunft- und das Ge­fühlsmäßige stärker mischen, Män­ner eher trennen.

Also wie schon Berthold Brecht sagte: Mann bleibt Mann und Frau bleibt Frau?

Von ihrer Denk- und Handlungsart her gibt es weder „die“ Frau noch „den“ Mann. Ihre Verhaltens­weisen überlappen sich größten­teils. Aber genauso gut weiß jeder, dass es Verhaltensweisen und Ver­haltenstendenzen gibt, die eben nun mal typisch weiblich und typisch männlich sind. Sie sind angeboren, entwickeln sich aber erst mit der Hirnreifung während der Kindheit, und das oft auch gegen einen entsprechenden Erziehungsdruck.

„Unter Männern gibt es mehr Unterbegabte, aber auch mehr Hochbegabte“

Wie groß sind die Unterschiede beim Geschlechtervergleich in puncto Intelligenz?

Der Durchschnitt der Intelligenz­quotienten (IQ) von Frauen und Männern ist fast identisch. Doch verläuft die Verteilungskurve der IQ in der männlichen Bevölkerung et­was flacher. Das heißt, es gibt unter Männern mehr Unterbegabte, aber ebenso auch mehr Hochbegabte.

Wie steuert das Gehirn unser ge­schlechtstypisches Empfinden und Verhalten?

Wesentlich dafür sind Nervenzell­gruppen an der Basis des Gehirns, vor allem im Zwischenhirn. Hier werden Signalsubstanzen gebil­det, die ins Blut gelangen und dann als Hormone wirken. Sie beeinflussen den Körperbau, auch die Struktu­rierung des Gehirns, und mithin die geschlechtlichen Verhaltenstendenzen. Dieselben Moleküle übertragen aber auch Informationen zu Nervenzellen in anderen Hirnregi­onen, darunter solche, die verhal­tenswirksam sind oder die ihrerseits die Produktion von verschiedenen Hormonen anregen – zum Beispiel die von Testosteron.

Bei vielen Wirbeltieren ist ge­schlechtstypisches Verhalten ganz offensichtlich. Denken wir nur einmal an die Singvögel. Ist es nicht so?

Völlig richtig. Gesteuert durch das Testosteron, bringen nur die Männer unter den Singvögeln den arttypi­schen Gesang hervor. Die Weibchen verfügen über dieselben Gene, ihre Sangeskunst wird hormonell aber nicht angeregt. Verabreicht man ihnen Testosteron, singen auch sie. Oder denken wir an den Rothirsch. Nicht nur, dass sein Geweih zum Sommer hin testosterongesteuert aus dem Stirnbein hervorsprosst, auch sein Brunstverhalten wird von dem Sexualhormon gelenkt. Ande­rerseits bringen die männlichen Tiere keinerlei Interesse für ihren Nachwuchs auf. Nur die Hirschkühe haben das Wissen und Können, um die Nachkommenschaft zu pflegen und zu hüten – von Hormonen ge­steuert. Übrigens haben Menschenmänner im Durchschnitt eine etwa 10fach höhere Testosteronkonzentration in ihrem Blut als die Frauen, was allein schon so manches erklärt.

Vereinfacht kann man es vielleicht mit einer Volksweisheit sagen: Da­mit zwei Menschen sich mögen, muss die Chemie zwischen ihnen stimmen.

Durchaus. Bereits Goethe knüpfte mit sei­nem Roman ‚Die Wahlverwandt­schaften‘ in der Art eines Gleich­nisses an die Reagenzglas-Chemie seiner Tage an. Damals schon wuss­te man von einigen chemischen Elementen und Verbindungen, dass sie sich gegenseitig abstoßen oder sich in Form von ‚Wahlverwandt­schaften‘ anziehen und zu neuen stofflichen Qualitäten vereinigen. Ähnliche Kräfte wähnte Goethe in der menschlichen Gesellschaft.

„Manche Menschen können sich im Wort­sinne nicht riechen“

Was passiert im Gehirn von Män­nern und Frauen, wenn sie einan­der gut oder aber nicht gut ‚riechen‘ können?

Dazu liefert das Oxytocin eine gewisse Erklärung. Das ist ein im Gehirn gebildeter Signalstoff. Es wird auch Liebes-, Ku­schel-, Treue- oder Vertrauenshor­mon genannt. Allerdings ‚macht‘ Oxytocin nicht auf direktem Wege all die genannten Eigenschaften, ebenso wenig wie die sogenannten Glückshormone das Glück „ma­chen“. Erzeugt werden solche in­neren Wohlfühlzustände vielmehr von Nervenzellnetzen in jeweils un­terschiedlichen Hirnregionen des menschlichen Gehirns, sofern sie durch derartige Signalstoffe aktiviert werden.

Wie muss man sich den Effekt auf diese Nervenzellnetze vorstellen?

Das Oxytocin findet dort speziel­le Bindungsstellen vor, Rezeptoren genannt. Sie wirken wie Schalter, über die jene Nervenzellen aktiviert werden, die ihrerseits für ent­sprechende Erlebniszustände und Verhaltenstendenzen sorgen. Für das Bedürfnis nach Zärtlichkeit z. B. oder für die Neigung, dem An­deren zu vertrauen und ihm treu zu bleiben. Interessanterweise konnte kürzlich eine US-amerikanische Ar­beitsgruppe nachweisen, dass Oxy­tocin die Riechleistung verbessert. Womöglich erklärt das, warum manche Menschen sich im wort­wörtlichen Sinne gut und andere nicht ‚riechen‘ können.

Wirkt das ‚Kuschelhormon‘ Oxyto­cin auf Männer und Frauen gleich oder unterschiedlich?

Lange Zeit meinte man, eher gleich. Kürzlich zeigte sich aber in Studi­en, dass das Hormon bei Frauen die Sympathie für Personen verstärkt, wenn diese lobend erwähnt wer­den. Männer hingegen reagierten darauf umgekehrt eher mit Abneigung. Die Frage ist, ob das am Oxytocin selbst liegt oder vielmehr an den Re­zeptoren, an die es sich bindet? Diese Rezeptoren kommen von Mensch zu Mensch nicht nur in unterschiedli­cher Häufigkeit vor, sondern auch in verschiedenen Varianten. Beides ist genetisch bedingt. Untersuchungen einer schwedischen Arbeitsgruppe ergaben, dass die Paarbeziehungen bei männlichen Trägern des Allels 334 (einer Gen-Variante) eher brü­chiger Natur sind. Diese Variante wurde bei 40 Prozent der Männer ge­funden. Bei Frauen kommt sie auch vor, ohne dass ihnen ein höheres Maß an Flatterhaftigkeit nachge­wiesen werden konnte, bisher je­denfalls.

Vortragshinweis: Wieviel Sex steckt in unserem Gehirn?

 Die Unterschiede zwi­schen den Geschlechtern beschäftigen Menschen seit jeher. In jüngster Zeit thematisieren auch Neurowissenschaftler die Unterschiede in den Gehirnen von Frauen und Männern. Wie tickt das weibliche und wie das männliche Gehirn? Über die Erkenntnisse der Hirnforschung wird der Magdeburger Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Wolf am Montag den 17. Oktober, zwischen 18 und 20 Uhr, einen URANIA-Vortrag halten. Ort der öffentlichen Veranstaltung ist die Sudenburger Feuerwache in der Halberstädter Str. 140, Magdeburg. Der Ein­tritt kostet 5 Euro. Um eine vorherige Anmeldung wird gebeten: Telefon: (0391) 60 28 09.

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