Gerald Wolf
                                                                                                                                              ***     Sapere aude!   ***                                                                                                                                                                                           Schlimm ist es um die Demokratie bestellt, wenn                                                           "politische Korrektheit" und Duckmäusertum                                                                                    das Sagen haben.
 
 

veröffentlicht in: Volksstimme Magdeburg, 8.9.2010 und "Humanistische Akademie Deutschland" 2010

Sarrazin und die Genetik

Ein einzelner Mensch rüttelt Deutschland durch: Thilo Sarrazin. Es geht um Geburtenraten und um andere Statistiken und um die schleichende Übernahme Deutschlands durch gebärfreudige, aber integrationsunwillige Ausländer: „Deutschland schafft sich ab“. Und es geht auch, im Nebenher zwar nur, um die Genetik der Intelligenz – Rassen und Gene? So etwas hatten doch immer die Nazis behauptet! 

Genetik ruft in Deutschland reflexartig Abwehr hervor – „oben“ wie „unten“, politiknah und politikfern. Das hat drei wesentliche Gründe: erstens, die unselige „Erbhygiene“ im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts, teuflisch zugespitzt durch die Nazis, zweitens, die erfolgreiche Angstmache durch die Gegner der Gentechnik von heute und drittens, ein über alle Bevölkerungsschichten hinweggreifender Kenntnismangel in den naturwissenschaftlichen Grundlagen, namentlich denen der modernen Biologie. 

Die Genetik, so sei betont, ist eine der erfolgreichsten naturwissenschaftlichen Disziplinen unserer Zeit. Weithin – gleich ob in der Technik, Industrie, Landwirtschaft, Medizin oder der Kriminalistik – zeigen sich ihre segensreichen Auswirkungen. Auch tiefere Einsichten in unser Selbst verdanken wir der Genetik, denn alle unsere biologischen Eigenschaften haben hier ihre Ursachen. Die Naturgeschichte des Menschen ist wie die aller Lebewesen die Geschichte von Genen. Drastisch formuliert: Hätten wir anstelle unserer Gene die eines Wasserflohs oder des Apfelbaums, wären wir Wasserflöhe oder eben Apfelbäume. 

Problematischer ist es mit den Unterschieden von Mensch zu Mensch. Hier haben wir es mit einem Mix aus genetischen und nichtgenetischen Ursachen zu tun, solchen der Erziehung, des kulturellen Umfeldes und individueller Erfahrungen und Einstellungen. Bald dominiert die eine Gruppe von Faktoren, bald die andere. Es ist aber nicht nur das Feld von Fakten, sondern auch von Ideologien. Ganz besonders dann, wenn es um Eigenschaften von gesellschaftlichem Rang geht, oder die Intimität unseres Selbstverständnisses berührt wird, so im Falle der Intelligenz. 

Mit vielen Untersuchungen – weltweit und unabhängig voneinander, besonders überzeugend durch solche zur Zwillingsforschung – ist belegt worden, dass die Befähigung zur Intelligenz einen genetischen Hintergrund hat. Er setzt sich gegenüber allen anderen Faktoren mit einem Anteil von etwa 50 bis 80 (!) Prozent durch. Für die Erziehung und die Eigenverantwortung bleibt also ein nur verhältnismäßig geringer Spielraum. Leider, aber immerhin eine Chance. Gewiss, viel lieber wäre jedem von uns und nicht nur den soziologistisch argumentierenden Politikern und Pädagogen, wenn Gene für die Ausprägung der Intelligenz überhaupt keine Rolle spielten, es stattdessen einzig und allein an uns selbst läge und an dem gesellschaftlichen Umfeld, wie viel Verstand wir erlangen und in welcher Zeit. 

Die Suche nach „dem“ Intelligenz-Gen indes ist erfolglos gewesen und wird es sicher auch bleiben. Ähnlich  „Herr Sarrazin, selbst wenn es positiv gemeint sein sollte!“ gibt es weder „das“ Juden-Gen noch „das“ Basken-Gen. Vielmehr ist unsere Ausstattung mit Verstandesgaben wie die mit musischem Talent oder Charakter oder Temperament von Dutzenden, vielleicht sogar von Hunderten von Genen abhängig. Ihre einzelnen Funktionen vernetzen sich zu einem schier unentwirrbaren Knäuel, das sich von Kind zu Kind auch innerhalb der Familie unterscheidet – nur eben nicht bei eineiigen Zwillingen. 

Besonders ideologiebeladen erweist sich die Frage nach den genetischen Unterschieden von kleineren und größeren Bevölkerungsgruppen, den Ethnien. Sie zu beantworten, ist Sache eines Spezialgebietes der Genetik, der Populationsgenetik. Ihr geht es um die Häufigkeiten von Genvarianten (Mutationen) in den verschiedenen Bevölkerungen, den Populationen also, und sich wie diese Verteilungshäufigkeiten im Laufe der Zeit ändern. Praktische Bedeutung hat das für Mutationen, die Krankheit bedeuten. 

Im Allgemeinen sind die Unterschiede zwischen menschlichen Populationen geringer, als der Hautfarbe oder den körperlichen Proportionen nach zu erwarten wäre. Mitunter auch mögen die genetischen Unterschiede zwischen einzelnen Menschen weit entfernt lebender Bevölkerungsgruppen kleiner sein als die zwischen unmittelbaren Nachbarn. Was aber ist mit den populationsgenetischen Unterschieden hinsichtlich Intelligenz? Gibt es sie, und wie ist dahingehend Sarrazin zu verstehen? 

Die Faktenlage zur Populationsgenetik der Intelligenz ist dünn und widersprüchlich. Sie reicht keinesfalls aus, in diskriminierender Weise die eine Ethnie gegen die andere auszuspielen. Spitzen nach oben wie nach unten gibt es überall auf der Welt und in allen Bevölkerungsgruppen. Sarrazins These nun aber ist (angeblich, ich kenne sein Buch noch nicht, weil ich wie Hunderttausende andere darauf zu warten habe), dass sich mit der Einwanderung von Bevölkerungen aus anderen Ländern für Deutschland genetisch ungünstige Konstellationen ergäben, verschärft noch durch die größere Vermehrungstendenz der Immigranten. Damit hat Sarrazin, wenn es denn von ihm so gesagt oder auch nur so gemeint ist, eine starke Behauptung aufgestellt. Sie setzt voraus, dass die im Durchschnitt ungünstige sozialökonomische Situation der Einwanderer genetische Gründe hat. Genau das aber lässt sich aus wissenschaftlicher Sicht nicht sagen. 

Wie auch immer, Sarrazins Buch ist ein Selbstläufer, der wesentlich dazu beitragen wird, die von ihm angeprangerten Missstände zu beseitigen. Politikern, die sich in ihren eigenen Parallelgesellschaften von uns abgehoben haben, hat es die Grenzen ihres Schwebezustandes aufgezeigt. An ihrer Blümchenrhetorik ist niemand länger interessiert. Und Sarrazins Buch wird, da bin ich mir sicher, nicht zuletzt den deutschen Muslimen helfen. Sie erkennen klarer als vordem, dass sie sich um ihre Integration in erster Linie selbst zu bemühen haben. 

Die bereits erfolgreich Integrierten werden sie dabei konsequenter als bisher unterstützen und Integrationsunwillige in die Mangel nehmen. Und noch eines: Wir dürfen hoffen, dass Menschen muslimischen Glaubens sich für ihr Gastrecht bedanken, indem sie unaufgefordert und laut gegen ihre bombenlegenden Glaubensbrüder Stellung beziehen.

             

 

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