****       Sapere aude!         ****        
                 
Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber ein wenig sollten wir   ihm schon entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
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MAGDEBURG KOMPAKT 7. Jg., 1. Mai-Ausgabe 2018


Krabbeln und Kribbeln. Und überhaupt: Tiere!

Jeder hat das schon mal an sich erfahren: Man kommt zur Ruhe, und dann juckt und kribbelt es, als ob Ameisen auf einem herumspazierten. So gründlich man auch nachschaut, nichts ist da zu sehen, gar nichts. Trotzdem geht das so weiter. Bis endlich Ruhe einkehrt. Manchmal aber nicht. Dann handelt es sich um sogenannte Parästhesien, und diese können Hinweis auf bestimmte Krankheiten sein. Es gibt auch Fälle, bei denen die Vorstellung, auf oder unter der Haut krabbelten Insekten oder Würmer herum, von einer wahnhaften Art ist – man spricht dann von einem Dermatozoenwahn.

Was die Wenigsten für möglich halten: Überall und ständig krabbelt es in uns, nur eben, dass wir davon nichts merken. Bestimmte Zellen des Blutes und des Bindegewebes sind darauf spezialisiert, sich selbständig fortzubewegen. Auf der Suche nach Keimen oder nach kranken Zellen patrouillieren sie in den verborgensten Winkeln unseres Körpers. Unter dem Mikroskop betrachtet, könnte man glauben, Amöben vor sich zu haben. Es sind aber keine. Es sind körpereigene Fresszellen, Makrophagen genannt. Zellen mit einem Zellkern, wie ihn auch jede andere unserer Körperzellen besitzt. In eine entkernte menschliche Eizelle verfrachtet, würde sich daraus ein eineiiger Zwillingspartner entwickeln, eine Zwillingsschwester, ein Zwillingsbruder! Bei Versuchstieren wird so etwas seit langem praktiziert.

Auch in unserem Darm krabbelt es, ständig und nicht spürbar, in unserer Lunge, auf unserer Haut. Hier finden sich mehr Bakterien, als unser Körper Zellen aufweist, und tatsächlich, viele Arten von ihnen bewegen sich ebenfalls aktiv. Die wenigsten dieser Fremd-Organismen machen uns krank, im Gegenteil, meistens wirken sie sich auf Körperfunktionen stabilisierend aus. In einer pieksauberen Umgebung aufwachsend, neigen wir zu Allergien. Nachgewiesenermaßen leiden Kinder, die sich schmutzig machen dürfen, eher selten unter Allergien.

Läuse, Flöhe, Würmer

Allerdings, ekelhafte kleine Biesterchen, die uns piesacken, die an unser Blut wollen, die gibt es natürlich auch. Läuse, Flöhe, Stechmücken, Gnitzen und Kriebelmücken, Wanzen, Bremsen und Zecken gehören dazu. Manche von ihnen übertragen Krankheiten, auch tödliche: Fleckfieber, Pest, Chagas-Krankheit, Malaria, Gelbfieber, Borreliose, Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME). Nicht zu vergessen, die Würmer: Bandwürmer, Spulwürmer, Fadenwürmer, Pärchenegel. Doch sind nicht alle Tiere, die uns besiedeln, bösartig. Zum Beispiel die Haarbalgmilben nicht. Wir alle, zumindest die meisten von uns, sind Wohnsitz solcher Krabbeltierchen. Allerhöchstens einen halben Millimeter lang, leben sie von uns völlig unbemerkt in ihren Verstecken, in Haarfollikeln und Talgdrüsen.

Das Füllhorn mit Tieren, die etwas von uns wollen, was wir nicht wollen, ist beachtlich. Zu denken sei an all die Fliegen-, Ameisen- und Wespenarten, an Schaben und Silberfischchen, an Kleider-, Mehl- und Wachsmotten, an Teppich-, Pelz- und Brotkäfer, an den Holz“wurm“ (die Larve des Nagekäfers). Aber auch an Mäuse und Ratten. Zudem ist da noch das Heer von tierischen Schädlingen, die sich an unsere Nutzpflanzen und Haustiere ranmachen. Allesamt Tiere übler Art, mit einem Wort: Ungeziefer.

Krabbelnde Helferchen

In unserer Nähe gibt es aber auch Tiere, die von uns Menschen nichts „wollen“: die Spinnen. Im Gegenteil, sie befreien uns von Schädlingen und Lästlingen. Um ihre Aufgabe zu bewerkstelligen, weben viele von den Spinnen Fangnetze, und diese filtern nicht nur Insekten aus der Luft, sondern auch Staub und Schmutz. Vermengt mit Resten an Beutetieren führt solches Tun regelmäßig zu Misshelligkeiten. Insbesondere bei Menschen, die ganz besonders auf Sauberkeit bedacht sind. Nicht wenige Frauen neigen beim Anblick von Geweben die genannten Art zu Ekelreaktionen. Auch zum Schreien, wenn sie der Produzenten ansichtig werden. Den Einwand, sie könnten sich doch über diese kleinen, krabbelnden Helferchen freuen, zieht zumeist nicht. Auch nicht das Argument, Spinnen seien hochinteressante Tiere, sowohl ihren Körperbau betreffend als auch ihre Leistungen, allein in Deutschland gäbe es etwa 1000 Arten, und … – Nein, diese verdammten Biester seien giftig, keift es dann zurück, und überhaupt: raus und weg damit! Nun ja, giftig schon, aber bis auf zwei der heimischen Arten nicht für uns Menschen. Gleichwohl, der Argumentator wird immer den Kürzeren ziehen.

Biene und Kuh, Hund und Katz

Fast könnte man nun denken, der Mensch sei eher Feind als Freund der Tiere. Das jedoch stimmt ganz und gar nicht. Zum einen sind da die Nutztiere, Tiere, die der Mensch für seine Zwecke aus der Wildnis herangeholt und unter seiner Obhut gezüchtet hat. Die Palette reicht von Honigbienen und Seidenspinnern über Karpfen und Forellen bis hin zu Hüte- und Wachhund, Pferd, Rind, Schaf, Ziege und Schwein.  Zu denken sei aber auch an solche Tiere, die keine andere Aufgabe haben, als uns ein guter Freund zu sein. Nicht wenige Menschen entwickeln zu ihrem Hund, zu ihrer Katze, zu ihrem Pferd eine Zuneigung, die intensiver ist als die zu anderen Menschen, inklusive die zum Lebenspartner. Nicht nur, dass solche Tiere zum Streicheln einladen, weit mehr als irgendwelche menschlichen Partner, nein, Bello wie auch Minka freuen sich immer, wenn wir nach Hause kommen. Egal, in welcher Verfassung. Auch erweisen sich Hund, Katze und Pferd in einer Weise dankbar für Futter und Pflege, wie all die Menschen, denen wir Gutes tun, leider nicht immer. Höchst ausnahmsweise beißt ein Hund in die Hand, die ihn füttert, unter Menschen hingegen kommt das regelmäßig vor. Auch müssen wir an Menschen denken, die total vereinsamt sind. Ihnen bleibt am Ende nur noch ihr Hund, nur noch ihre Katze.

Fische, Schlangen und Spinnen

Und dann, nicht zu vergessen, gibt es Leute, die haben weder Hund noch Katze noch Pferd, sie bevorzugen vielmehr ein Aquarium mit Fischen und Schnecken. Es schmückt die Stube, außerdem, so sagen sie, wirke das Betrachten auf sie beruhigend. Irgendwie wohltuend. Andere stellen sich ein Terrarium in die Zimmerecke, eines mit Echsen oder mit Schlangen, mit Riesenschlangen, mit Giftschlangen gar. Wozu? Ist es das Kribbeln, dass sie brauchen, wenn sie mit ihren Lieblingen in Kontakt kommen? Es gibt auch Menschen, die favorisieren Spinnen. Vor allem Vogelspinnen. Deren Biss tötet zwar nicht (die Beute schon, uns aber nicht), er kann für uns jedoch sehr unangenehm sein. Man fragt sich: wozu Spinnen, ausgerechnet Spinnen? Darüber schweigt der Autor. Er selbst besitzt zwei dieser possierlichen Tierchen. 



Kampf den Gasen

Das routinemäßige Ermorden von Menschen durch Krieg gehört zum Entsetzlichsten, wozu Homo sapiens befähigt ist. Die Krone der Perfidie ist, dafür flächendeckend giftige Gase einzusetzen. Sarin zum Beispiel, im einfachsten Falle Chlorgas – ein grauenvoller Tod erwartet die Opfer. Für Syrien sind allein seit Jahresbeginn sieben Fälle von Chlorgas-Angriffen gemeldet worden. Die Faktenlage mit Bezug auf Hersteller, Anwender und Opfer ist höchst undurchsichtig.

Gift – wie überhaupt kann etwas giftig sein? Paracelsus (Theophrastus Bombast von Hohenheim, 1493/94-1529) war es, der in einem heute noch gültigen Ansatz meinte: Alle Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding' kein Gift ist. Beziehungsweise ein Gift ist. Und tatsächlich, sogar der Sauerstoff kann giftig sein, wenn er uns unverdünnt verabreicht wird. Schlimmer noch der Stickstoff, obwohl er an sich gar nicht giftig ist. Sein Anteil in der Luft beträgt 78 Prozent. Wenn dieser gegen 100 Prozent geht, erstickt uns der Stickstoff – mangels Sauerstoff! Besonders problembeladen ist das Kohlendioxid (CO2). In unserer Ausatemluft beträgt sein Anteil etwa 4 Prozent, aber schon ab 8 Prozent kann es zum Erstickungstod kommen, ab 30 Prozent (in Gärkellern, Futtersilos, Brunnenschächten, Höhlen, Bergwerksschächten) binnen weniger Minuten. Und normalerweise? Der CO2-Anteil in unserer Atmosphäre beträgt etwa 0,04 Prozent. Vor vielen Jahren noch lag er bei 0,038 Prozent. Und dieser minimale Anstieg, so sehen es die weitaus meisten Klimatologen und vor allem die Politiker, führt uns geradewegs in die Klimakatastrophe. Zwar rühren nur 3 bis 4 Prozent des Klimakillers CO2 vom Menschen her, und dennoch! So ist das eben mit den Gasen. Eher noch problematischer ist das mit der entsprechenden Faktenlage. Vor allem dann, wenn Quellen hinzugezogen werden, die von Klimatologen stammen, die nicht von der Klimapolitik profitieren.

 Eine andere Gruppe von killenden Gasen sind die Stickoxide (NOx). Hundertausende Tote pro Jahr, so hatte man kürzlich ausgerechnet. Mittlerweile sollen es zwar deutlich weniger sein, auch fehlen entsprechende Totenscheine, die Stickoxide als Ursache angeben, und dennoch: Man weiß Bescheid! Dazu genügt es, eine gute Zeitung zu lesen – ein wohlmeinender Tipp von Herrn Hofreiter (Die Grünen), im Bundestag auf eine AfD-Anfrage hin verkündet. Kaum jemals weiß man durch die Zeitung, dafür durch Fachzeitschriften, dass Stickoxide auch ihre guten Seiten haben, ja geradezu lebensnotwendig sind. Von speziellen Enzymen synthetisiert, den Stickoxid-Synthasen, wird das Gas Stickstoff(mon)oxid (NO, ein Radikal). Es kommt in sehr vielen und zudem ganz verschiedenartigen Zellen unseres Körpers vor. Hier üben das NO und seine Folgeprodukte die unterschiedlichsten Funktionen aus. Die NO-Konzentration beträgt in den Geweben bis zu 1 Millimol (30 Milligramm/Liter; doi:  10.1016/j.niox.2009.07.002), mithin eine etwa millionenfach (!) höhere Konzentration, als es dem in Deutschland für NOx angesetzten atmosphärischen Grenzwert entspricht. Der ist mit 40 Mikrogramm pro 1000 Liter Luft festgelegt. Wieso, kann niemand genau sagen. Zur Biologie des Stickoxids hingegen gibt es bestens begründete Angaben. Und die stammen nicht aus der Politik, auch nicht einfach aus der Zeitung, sondern aus der Wissenschaft – eine Einrichtung, deren Ergebnisse in internationalen Journalen unter Kontrolle ausgewiesener Fachgutachter veröffentlicht werden und, bitteschön, mit den entsprechenden Mitteln von jedermann nachgeprüft werden können.

Apropos Wissenschaft: Nicht viel davon bedarf es, um Chlor herzustellen, wie es unter anderem eben auch in Syrien zum Einsatz gekommen ist oder gekommen sein soll. Jeder Schüler, sofern er nicht gerade Chemie abgewählt hat, kann das. Auch Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, können das! Man nehme Wasser, löst darin Salz (Kochsalz) auf, führe zwei Drähte ein, die an eine Autobatterie angeschlossen sind – und schon entsteht (am positiven Pol) stinkendes, ekelhaftes, giftiges Chlorgas Cl 2 (Vorsicht: Explosionsgefahr!):

2 H2O + 2 NaCl → H2 + Cl2(!) + 2 Na+ + 2 OH-

Dazu bedarf es keiner syrischen Forschungsinstitution. Und schon gar nicht eines multinationalen Raketenangriffs, um ein derartiges Potenzial weltöffentlichkeitswirksam zu zerstören. Auch keiner Bundeskanzlerin, um dazu bestätigend zu nicken.


MAGDEBURG KOMPAKT 7. Jg., 2. April-Ausgabe 2018

Abb. Weltkarte des Glücks

Aus: World Happiness Report 2017 score shown on a map of the world. Darker shades of green show a higher score with darker shades of red showing a lower one.

The World Happiness Report is an annual publication of United Nations Sustainable Development Solutions Network that contains rankings of national happiness and analysis of the data from various perspectives.[1] The World Happiness Report is edited by John F. HelliwellRichard Layard and Jeffrey Sachs. The 2017 edition added three associate editors; Jan-Emmanuel De Neve,[2] Haifang Huang,[3] and Shun Wang.[4] Authors of chapters include Richard EasterlinEdward F. Diener, Martine Durand,[5] Nicole Fortin,[6] Jon Hall,[7] Valerie Møller,[8] and many others.

 

Wo wohnt das Glück?

Jeder ist seines Glückes Schmied. Heißt es. Als Erster formuliert hatte diese Weisheit vor mehr als 2000 Jahren der römische Politiker Appius Claudius Caecus: Fabrum esse suae quemque fortunae.

Wenn schon selber schmieden, was eigentlich ist denn Glück? Dem Grunde nach doch wohl ganz einfach: Gesundheit, intakte Familie, Freunde, eine befriedigende Arbeit, und wenn schon nicht reich, dann wenigstens nicht gerade arm sein. Gewiss, für all das kann man selbst sorgen. Mit ein bisschen Glück eben. Aber stimmt das? Immerhin gibt es ja Menschen, denen es, äußerlich betrachtet, an nichts fehlt, dennoch sind sie unglücklich. Mitunter so unglücklich, dass sie ihr Leben mit eigener Hand beenden. Für die Anderen völlig unverständlich. Die nächsten wiederum hätten allen Grund, unglücklich zu sein, und sie strahlen vor Glück. Für die Anderen ebenfalls völlig unverständlich.

Absolute Privatsache

Das Wohlbefinden lässt sich durch die äußeren Umstände beeinflussen, keine Frage, dennoch ist es ein zutiefst innerer Zustand, zu dem nur wir selbst einen direkten, einen ganz und gar privaten Zugang haben. Das gilt genauso für das Unglücklichsein, für Schmerz und Angst, für Liebe, Frust oder Zorn. Es gibt Menschen, die leiden unter Anhedonie, eine Art von Gefühlsblindheit gegenüber positiven Gemütszuständen. Es gibt keine Möglichkeit, Anhedonikern zu vermitteln, wie sich Glück „anfühlt“. Ebenso wenig wie einem farbenblind Geborenen zu erklären, wie wir Grün empfinden oder Rot oder Blau. Nur bei entsprechender Selbsterfahrung kann man sich darüber austauschen.

Auch wenn es heißt, das Herz sei für das Glücksempfinden zuständig oder der Bauch – nein, die beiden haben andere Aufgaben. Das Herz lässt sich durch ein künstliches oder durch ein fremdes ersetzen, dem Bauch kann ein Stück vom Magen oder vom Darm entfernt werden, die seelische Erlebensfähigkeit für Glück aber bleibt. Sämtliche Gefühle werden im Gehirn gemacht, nirgendwo sonst. Das Glücksempfinden nicht einfach irgendwie und irgendwo im Gehirn, sondern in speziellen Gebieten, die bei Aktivierung uns ein Glücksgefühl erleben lassen. Am Boden des Gehirns sind sie zu einem sogenannten Glückszentrum zusammengeschaltet. In der Gegend der Sehnervenkreuzung befindet sich dessen Herzstück, ein wenige Millimeter großes Gebiet, das Hirnanatomen auf den Namen „Nucleus accumbens“ getauft haben.

Wie jedwedes Hirngewebe besteht der Nucleus accumbens aus Nervenzellen, die über zahllose Fortsätze untereinander verbunden sind wie auch mit Nervenzellen in anderen Hirnregionen. Das mag einigermaßen verständlich klingen, ist es aber nicht. Bis heute gibt es noch nicht einmal einen Denkansatz dafür, wie Nervenzellen in einem Verbund Gefühle hervorbringen können, hier also Glücksgefühle. Man muss sich das Ganze einmal auf der Zunge zergehen lassen, und zwar viel, viel langsamer als einen edlen Wein oder eine köstliche Trüffelpastete: Hier, in diesen paar Millimeterchen Hirngewebe, wird entschieden, ob wir glücklich sind oder nicht und ob anhaltend oder nur vorübergehend! Eine anatomisch-physiologische Lächerlichkeit ist Dreh- und Angelpunkt unseres ganzen Lebens, ist des Glückes Schmied!

Und was machen die Glückshormone (Endorphine, Enkephaline), was das Dopamin, Serotonin, Noradrenalin & Co.? Jawohl, die “machen“ ebenfalls Glück. Nicht von sich aus, sondern indem sie die Nervenzellen im Glückszentrum aktivieren. Signalstoffe sind es, die von Nervenzellen produziert werden, die an den Nervenzellen des Glückszentrums ankoppeln. Dieselben Substanzen wirken auch in ganz anderen Bereichen des Gehirns, solchen, die nichts mit Glück zu tun haben. Im Glückszentrum kommt es darauf an, in welcher Konzentration und in welchem Verhältnis zu anderen Signalstoffen sie freigesetzt werden. Auch wie rasch sie wiederaufgenommen oder verstoffwechselt werden, und wie die Nervenzellen dort mit entsprechenden molekularen Fühlern, sog. Rezeptoren, ausgestattet sind, um darauf reagieren zu können. Aus Missverhältnissen folgt Freudlosigkeit, schlimmstenfalls Depression. Psychotherapie oder antidepressive Medikamente, die diese Missverhältnisse korrigieren, können helfen. Mitunter auch nicht. Und dann droht schlimmes Leid, gar nicht selten Suizid. Einen Ausweg mag die Elektrokrampfbehandlung bieten, neuerdings auch – eher versuchsweise – die Implantation von Elektroden in entsprechende Hirngebiete, die mit einem „Hirnschrittmacher“ verbunden werden, einem Gerät ähnlich einem Herzschrittmacher.

Ratschläge säckeweise

Die Anzahl der Glücks-Ratgeber geht in die Vieltausende. Was nicht alles wird da empfohlen. Allem voran die Konzentration auf das Gute und Angenehme. Denn wer sich schlecht fühlt, weil er sich schlecht fühlt, fühlt sich noch schlechter. Und überhaupt: Sich auf die Familie konzentrieren, auf den Partner und die Kinder, sich sportlich betätigen, gesund ernähren, Schokolade essen, für ausreichend Schlaf sorgen, sich einen Hund oder eine Katze anschaffen oder Aquarienfische, für Abwechslung sorgen oder gerade nicht, nämlich für Besinnung auf sich selbst, für „Achtsamkeit“. Sodann: Anderen helfen, auf Gott vertrauen, auf Maria, auf Ganesha oder einen Guru, sich um Erfolg bemühen oder, vielleicht besser noch, alle fünfe gerade sein lassen. Spazierengehen und Wandern, Radfahren und Bergsteigen, für Gemütlichkeit sorgen oder für einen Kick, auf Sportveranstaltungen gehen und mit Anderen jubeln und schreien, sich in Fitnesszentren abstrampeln, Genießen erlernen, Berufsstress vermeiden, Stress und Unangenehmes sowieso, und lernen, in Einklang mit sich selbst zu leben. Keine Selbstverurteilung also, weder Selbstentwertung noch Selbstzweifel zulassen, nicht immerzu glücklich sein wollen, andererseits aber auch keine Angst haben vorm Glücklichsein, ein Glückstagebuch führen …

Es gibt Menschen, die „von Haus aus“ glücklich sind. Sie brauchen solcherlei Ratschläge nicht. Offenbar haben sie Glück mit ihrer genetischen Ausstattung. Forschungen an eineiigen Zwillingen deuten darauf hin, wenngleich man nicht weiß, auf welche Gene es beim Wohlbefinden ankommt. Es ist wie bei den anderen Persönlichkeitseigenschaften auch, sie sind jeweils etwa zur Hälfte erblich bedingt. Der Rest ist Sache der Umwelt und, vor allem, von einem selbst. Es gibt Völker, die sind im Durchschnitt glücklicher als andere (→ Google Bild; happiness world map). Neben Australien und Neuseeland ragen als besonders glücklich die nördlichen Länder heraus, darunter die Bevölkerung von Island. Kaum ein Baum wächst dort, fast die Hälfte des Jahres leben sie, diese Isländer, im Dunkeln, ansonsten mit Regen und Wind und eher ausnahmsweise unter einer wärmenden Sonne. Von Glücksforschern hervorgehoben wird auch das Volk des Himalaya-Staates Bhutan. Seit 2008 ist dort das »Bruttonationalglück« als Staatsziel in der Verfassung verankert. Der fürsorgliche König fragte seine Untertanen in einer groß angelegten Erhebung, was ihnen denn in ihrem Leben am meisten Freude bereite. Dabei stellte sich heraus, dass für die Bewohner Bhutans, die zumeist in ärmlichen Verhältnissen leben, Glück nicht von materiellem Besitz abhängt. Wie schön!

Also auf nach Bhutan! Doch da ist die Rechnung nicht mit dem Land und den Leuten gemacht. Die lassen nämlich kaum jemanden rein, Touristen nur ausnahmsweise. Also besser dableiben. Allerdings gehört Deutschland nicht gerade zu den Stammländern des Glücks, in jüngster Zeit nun auch noch mit abnehmender Tendenz. Warum wohl? Vielleicht eher doch auswandern? Aber wohin?


MAGDEBURG KOMPAKT 7. Jg., 1. März-Ausgabe 2018 


Sind Sie denn noch normal?

Wie sollte man auf eine solche Frage reagieren? Ignorieren? Dann bleibt die Beleidigungsabsicht auf einem sitzen. Einfach „ja“ sagen? Die Quittung wird eine selbstgefällige Geste des Zweifelns sein. Besser vielleicht: „Nein, Verehrteste(r), ganz im Gegensatz zu Ihnen!“ Und der Angreifer wird zum Angegriffenen. Von wegen ich, wird er sich fragen, ich und normal, was soll denn das heißen? Stinknormal etwa?

„Normal“ – im Ernst, wer schon möchte das sein, ein durch und durch normaler Mensch? Intelligenz, Kunstsinn, Sportlichkeit, Beliebtheit, sonstige Persönlichkeitsmerkmale – nichts, aber auch gar nichts Außergewöhnliches an sich haben, alles Durchschnitt?  Selbst das Aussehen null-acht-fünfzehn, mit einem Gesicht, als ob es computertechnisch „gemorpht“ wäre (http://www.beautycheck.de/cmsms/index.php/durchschnittsgesichter)? Kaum etwas Persönliches lässt sich in einem solchen Einheitsgesicht entdecken. Möchten Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, so herumlaufen? Wollten Sie völlig durchschnittlich sein, verwechselbar, austauschbar, profil-los?

Das Erbgut von uns Menschen ist zu etwa 99,9 Prozent identisch. Das heißt, bei den sechs Milliarden genetischen Buchstaben, wie sie von unseren beiden Chromosomensätzen repräsentiert werden, unterscheiden wir uns von anderen Menschen in durchschnittlich etwa sechs Millionen solcher molekularen Zeichen (meistenteils als sogenannte SNPs; single nucleotide polymorphisms). Unterschiedliche Häufigkeiten von Genkopien hinzugerechnet, kommen wir beim Buchstabieren individueller genetischer Texte auf gerade einmal 30 Millionen Abweichungen. Das scheint, gemessen am Gesamtumfang, nicht sonderlich viel zu sein, dennoch kann bereits ein einzelner falscher Buchstabe Krankheit bedeuten.

Den völlig durchschnittlichen Menschen gibt es nicht

Einen Eindruck von der Macht genetischer Besonderheiten erhält, wer Personen vergleicht, die ein identisches oder weitestgehend identisches Erbgut haben: eineiige Zwillinge. Doch selbst diese sind noch immer vollständig unterschiedliche Ich-Personen, auch dann, wenn sie unter gleichartigen Umständen aufwachsen. Die Begriffe „normal“ oder „Durchschnitt“ ergeben aus solcher Sicht keinen Sinn. Was sollte das sein, ein völlig durchschnittlicher Mensch? Jeder von uns ist einmalig.

Anders, wenn man anstelle eines spektrallinienartig begrenzten Durchschnittswertes, wie er in der Statistik verwendet wird, einen größeren Bereich absteckt, einen, der dem der Mehrheit der Bevölkerung entspricht. Die meisten von uns werden sich zu dieser Art von Normalität zählen wollen. Bei besonders günstigen Merkmalen allerdings, da möchte man denn doch lieber auf das Prädikat „durchschnittlich“ verzichten.

Im Positiven aus der Masse herauszuragen, macht stolz, und Stolz ist nun mal mit kuscheligen Gefühlen besetzt. Auch dann, wenn wir glauben, uns einer solchen Auszeichnung halber ein bisschen genieren zu müssen. Anders hingegen bei Eigenschaften, die belasten beziehungsweise in den Augen der „normalen“ Anderen ein ungünstiges Bild ergeben. Bei körperlichen Handicaps sowieso. Problematisch wird es bei Abweichungen, die den Geist betreffen, die Seele. Und genau das ist es, was landauf, landab als „nicht normal“ bezeichnet wird.

Ein Beispiel: Das Bild von der Wirklichkeit ist verzerrt. Passiert uns dies des Nachts beim Träumen, gilt das als normal. Auch die Entrückung unseres Denkens tagsüber, wenn es sich von irrealen Hoffnungen oder Befürchtungen treiben lässt, teilen wir mit vielen Anderen. Ebenso Weltanschauungen, Ideologien und religiöse Überzeugungen, mögen sie den Zweiflern noch so absurd erscheinen.

Beim schizophrenen Wahn ist das anders: Der Wahnkranke wähnt, völlig normal zu sein, seine Erlebnisse aber sind für niemanden ableitbar, sie bleiben für die Anderen, die wirklich „Normalen“, völlig unverständlich. Selbst bei gutem Willen findet man keinen Zugang zur inneren Welt des Kranken. Er wirkt verworren, wenn er behauptet, man hypnotisiere ihn über die Steckdose und über das Internet, sein Denken würde von fremden Mächten entzogen, abgehört und manipuliert.

Oder denken wir an Das sexuellen Anderssein, an Masochismus und Sadismus, an Pädophilie, Nekrophilie und Sodomie, an sexuelle Triebtäter. Was kann bei den Betroffenen noch als privat gelten, ab wann darf die Anomalie des Einzelnen seitens der „Normalen“ nicht einfach hingenommen werden, ab wann wird sie strafbar? Noch heute wartet in gar nicht so wenigen Staaten auf Homosexuelle die Todesstrafe. Und wir hier in Deutschland, in Europa, wo homosexuelle Paare sogar heiraten dürfen, nehmen diese Abscheulichkeit einfach so hin! Was ist da normal, das Hin-richten oder das Hin-nehmen? Normal hingegen erscheint hierzulande, dass es offiziell „Bürgerbüro“ heißt und „Bürgerversicherung“, Studenten an unseren Hochschulen aber mit Punktabzug bestraft werden, wenn sie ihre Texte nicht „durchgegendert“ haben.

Das „Sie“ in der Titelfrage lässt sich auch kleinschreiben

Nämlich dann, wenn man nach der Normalität ganzer Gruppen von Menschen fragt. An Serientäter ist da zu denken, an Fußball-Hooligans, an Extremisten unterschiedlicher politischer Couleur. Auch bei Extremsportlern und Veganern fragen sich das viele, bei der „heutigen Jugend“ und ihren Lehrern, bei Oberfaulen und bienenhaft Fleißigen, bei „krankhaft“ Ehrgeizigen und den Alles-egal-Typen. Die Leute auf den Chefetagen und Langzeit-Politiker werden oft für nicht-normal gehalten, an Narzissten und Zwanghafte ist zu denken und an illegal Eingewanderte, die uns, dem Gastgeberland, gegenüber von Dankesschuld gequält werden. Ja, warum nicht auch an Dunkeldeutsche, wenn man sie mit Helldeutschen vergleicht, und an Helldeutsche verglichen mit Dunkeldeutschen? Überhaupt an die Deutschen, und das im Lichte anderer Nationen, solche, die uns Deutsche für „brainless“ halten. Allen Ernstes gefragt:

Sind, bitteschön, wir Deutschen noch normal? 



MAGDEBURG KOMPAKT 7. Jg., 1. Februar-Ausgabe 2018


Schön einfach

Prof. Dr. Gerald Wolf über Eingrund- und Vielgründe-Begründungen

Als Kind glaubte man an den Weihnachtsmann, fürchtete ihn wegen der Rute (mit der er immer nur drohte), und liebte ihn wegen seiner Geschenke. Dann kam heraus, es gibt gar keinen, der Nachbar ist es. Der hatte ihn immer bloß gespielt. Ich selbst erinnere mich, wie unsere Kinder bedauerten, dass ich immer gerade dann nicht da war, wenn der Weihnachtsmann an die Tür pochte. Als die Sache später ans Licht kam, war die Enttäuschung groß. Und bitteschön, ich sollte im nächsten Jahr doch einfach wieder so tun als ob! Mit dem Glauben an den Weihnachtsmann und mit dem Osterhasen, mit Schneewittchen und der eifersüchtigen Königin, mit dem Allwissen und Allkönnen von Mutter und Vater und späterhin der Lehrer war die Welt einfach. Und irgendwie auch schöner. Allemal die Welt mit dem treusorgenden lieben Gott, der einen vor jeglicher Unbill schützt.  

Die einfachen Erklärungen habennicht nur für Kinder ihren Reiz. Vom Offenkundigwerden tieferer Wahrheiten halten oft auch Erwachsene nicht viel, schon gar nicht von solchen, wie sie die Wissenschaft liefert. Die Welt würde dadurch ihrer Schönheit beraubt, ja geradezu entzaubert, meinen sie. Warum zieht sich das Leben im Winter zurück? Weil, lieben diese Menschen zu antworten, auch die Natur ihren Schlaf braucht. Warum färben sich die Blätter im Herbst so bunt? Weil Schönheit im Wesen der Dinge liegt. – Schön einfach ist das, einfach und schön. Genaueres über die eigentlichen Gründe zu wissen, ist aufwändig, kostet Mühe und – nützt eh nichts. 

Huhn und Ei

Und tatsächlich, wozu wissen wollen, wie das geht, zum Beispiel wenn ein Huhn gackert und hernach ein Ei legt? Ein Ei, ein rundes Ding, Kalkschale drum, drinnen eine gelbe Kugel, fertig. Was schon gibt es da groß herumzurätseln, wie so etwas im Vogelbauch entsteht. Oder wenn der Vogel sich drei Wochen lang draufsetzt, es dann in dem Ei piept, und ein Küken herausklettert. Zuvor ist der Hahn mal auf das Huhn gestiegen, und davon kommt das eben alles. Ein-Grund-Begründungen. Ein Kind, das nach dem Warum fragt, wird ratlos dreinschauen und – was anders? – diese „Erklärung“ irgendwann hinnehmen. Wenn es wissen will, warum das Wasser kocht oder bei Kälte fest wird, heißt es womöglich, ist nun mal so. Wenn es kalt ist, dann gefriert das Wasser eben, wird zu Eis. Bei unter null Grad passiert das. Aber, mag das Kind weiter fragen, wenn man da Salz drauf streut, Streusalz, dann …? Dann? Ach Quatsch, heißt es da, immerzu diese Fragerei, nimm lieber den Finger aus der Nase!  

Hatten Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, als Kind Ähnliches erlebt, bei den Kindern von nebenan vielleicht? Ein-Grund-Begründungen, und gut. Wozu auch sich den Kopf zerbrechen, ob nun über gelegte oder ungelegte Eier, über kochendes Wasser und Eis? Wenn die Vögel im Frühling wieder zu singen anfangen, klingt das schön, und es ist doch wohl ziemlich egal, wie man diese Kerlchen im Einzelnen nennt. Genauso das Unkraut im Garten. Weg muss es, und gut. Warum Frank von nebenan Krebs bekam und schließlich daran gestorben ist, man selbst aber lebt, bisher jedenfalls – was ändert es, wenn man das alles genauer wüsste? Zum Glück gibt es ja für jedes Problem Fachleute, und wenn die nichts ändern können, dann ist es, wie es ist! Und wenn alle sagen, dass etwas so und so ist, auch die Fachleute, dann wird das schon stimmen. Zum Beispiel die Sache mit der Globalisierung und der Armut, der schlechten Luft, oder dass die Gefahr rechts ist und eine andere im Glyphosat liegt, oder dass die Kernkraftwerke alle abgeschaltet werden müssen.

Man selbst hat ja ebenfalls etwas zu bieten, ist vom Fach, ist tüchtig im eigenen Beruf, und so verteilt sich eben das mit dem Wissen-müssen und dem Nicht-wissen-müssen auf die Menschen ringsum und weltweit. Was geht unsereinen die ganze Politik an, die machen sowieso, was sie wollen, heißt es dann. Ob die Flüchtlinge für uns nun ein Geschenk sind oder gerade nicht, welche Partei da was sagt und denkt und macht, und so weiter und überhaupt, das ist deren Sache. Hängt sowieso alles nur am Gelde. Auf jeden Einzelnen von uns trifft das zu, auf die Unternehmen und Verwaltungen, die Staaten – Geld regiert Welt. Egal ob es sich dabei um bedrucktes Papier handelt, um Gold oder um Schulden, die hin- und hergeschoben werden. Neuerdings kommen noch ja die digitalen Währungen hinzu. Überhaupt, dem Digitalen, dem gehört die Zukunft. Sowieso. Wer nicht genügend Bits und Bytes bewegt, wird scheitern oder zumindest zurückbleiben.

Trotzdem, die Menschen sind verschieden. Die einen kommen bei Urlaubsreisen kaum raus aus dem Bereich des Swimmingpools, die anderen kaum rein. Sie müssen immerzu in der Gegend herumforschen. Die Einen wollen mal gründlich abschalten, wollen endlich ihre Ruhe haben, und den Anderen machen im Hinterteil ständig Hummeln zu schaffen. Schon weit vor Reisebeginn haben sie sich über das Land kundig gemacht. Das Fremde lockt. Mit dem Fernglas am Hals und dem Wörterbuch in der Hand laufen sie herum, besuchen jede Kirche und jeden Tempel, gucken den Leuten in die Fenster, auf den Märkten fingern sie in den Auslagen herum, naschen von dem und probieren dies. Und nichts, aber auch gar nichts bleibt vor ihrem Fotoapparat verschont.

Viel-Gründe-Begründungen

Dieselben sind es auch, die gern genauer wissen wollten, was das eigentlich für Gründe sind, die das Wasser kochen und die gefrieren lassen, und wie das kleine blau blühende Pflänzchen heißt, dass sich da im Tomatenbeet breitmacht. Natürlich auch, was das für ein Vogel ist, der so unscheinbar grau aussieht, dafür aber wundervoll singt. Klimaveränderung, ob sie, falls sie überhaupt stattfindet, menschgemacht ist, und wenn, ob es wirklich am CO2 liegt oder welche anderen hundert Gründe es dafür geben mag. Das Wissen darum hat für diese Menschen persönlich keinerlei Konsequenz, und trotzdem. Obwohl in ganz anderen Berufen zuhause, lassen sie sich von dem Gedanken faszinieren, dass die Teilchen, die unsere Materie aufbauen, nicht etwa kleine Kügelchen sind, sondern gleichsam aus Nichts bestehen, nur Energiewolken sind, nichts wiegen und erst durch das verrückte Higgs-Feld eine Masse kriegen. Und ob es tatsächlich Paralleluniversen gibt, fragen sich die, die immer alles genauer wissen wollen. Dabei wissen sie noch nicht einmal, wozu sie das alles wissen wollen. Zum Beispiel, dass auch die schlausten Hirnforscher nicht sagen können, was Bewusstsein eigentlich ist, und was die eigentlich Seele ist. Ja, dass es noch nicht einmal möglich scheint, einen Verbund aus fünf oder zehn konkreten Nervenzellen in seiner Arbeitsweise so zu kalkulieren, dass man genau sagen könnte, was „hinten“ rauskommt, wenn „vorn“ eine bestimmte Information hineingesteckt wird. 

Das Wunder Gehirn lässt sie einfach nicht in Ruhe, schon weil sie selber eines haben. Bei jedem von uns, so stünde geschrieben, arbeitet es mit etwa 100 Milliarden Nervenzellen und vielen Billionen von Zellteilen, die für jeweils ganz bestimmte Aufgaben zuständig sind. Als Viel-Billiarden-Ursachengefüge sei das Gehirn nie und nimmer wirklich begreifbar, bestenfalls in seinen Funktionsprinzipien. Das aber immerhin! Jene, die ständig auf Suche nach Neuem sind, erleben eine Art Kick, wenn sie erfahren, dass wegen der ungeheuren und völlig unvorstellbaren Komplexität des menschlichen Gehirns kein Mensch in der Lage ist, sich selbst wirklich zu begreifen, geschweige denn andere. Und dass wegen der tausenderlei klimatischen Faktoren sich noch nicht einmal das Wetter der folgenden Tage genau vorhersagen lässt, allemal nicht das Klima der nächsten Jahrzehnte. Welch Vermessenheit, wollte jemand sagen, wie sich das Gefüge aus den unschätzbar vielen Faktoren entwickelt, dem wir vor und nach der Geburt ausgeliefert sind – das also, was landläufig „Schicksal“ genannt wird. Der Wissensdurst solcher Menschen lässt sich einfach nicht löschen. Sie wollen wissen, was das Leben „eigentlich“ ist und was (und ob überhaupt etwas) nach dem Leben kommt. Einzig genau wissen sie, dass sie sich ohne den Versuch um Durchblick nicht wirklich wohlfühlen können. Auch wenn der Versuch noch so aussichtslos ist und sie Gefahr laufen, sich dabei den Kopf zu zerbrechen. 

Und Sie selbst, verehrte Leserinnen, verehrte Leser?

Sie gehören zu den zuletzt genannten Menschen. Ansonsten wären Sie nicht bis an diese Stelle hier gelangt. Hätten, weil „langweilig“, gleich zu Anfang aufgegeben. Was ist das, was Sie von den Anderen unterscheidet? Man könnte meinen, der Bildungsgrad. Doch schauen Sie sich um, und Sie werden feststellen, dass es der Grad der formellen Art eher nicht ist. Also der in Hinblick auf schulische Laufbahn, akademische Titel usw. Vielmehr trifft man in allen Berufszweigen und auf allen Ebenen Menschen an, die mehr als andere am Allgemeinen interessiert sind und sich mit Ein-Grund-Begründungen nicht zufriedengeben. Manche von ihnen brennen vor Wissensgier, die anderen schmeißt so schnell nichts um. Im Untergrund wirkt da eine der fünf großen Klassen von Persönlichkeitseigenschaften, „Big Five“ genannt (nicht zu verwechseln mit den Big Five der Safari!). Hier ist es die Klasse „O“ (von engl. „openness“, Grad der Offenheit für neue Erfahrungen). Alle diese Persönlichkeitsmerkmale sind jeweils zu etwa 50 Prozent in unserem Erbgut festgelegt. Um die andere Hälfte muss sich gekümmert werden, in erster (!) Linie durch das Elternhaus, in zweiter durch die Schule und in dritter (späterhin ausschließlich) durch sich selbst. Die Mühe lohnt sich, der Appetit kommt bekanntlich mit dem Essen. 

Gut ist es um eine Gesellschaft bestellt, die möglichst viele Menschen mit einem hohen Grad an Offenheit für Erfahrungen beherbergt. Es sind Menschen, die, Goethe folgend, erkennen wollen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Und noch besser geht es einer Gesellschaft, die solche Glieder als Schatz begreift und als ihre Elite pflegt. Sie werden es durch Entdeckungen und Erfindungen, durch Probierlust und Unternehmungsgeist danken. 

MAGDEBURG KOMPAKT 7. Jg., 1. Januar-Ausgabe 2018


Digital, analog und leibhaftig

In der Zoo-Handlung neulich, ein Streichelgehege für Zwergkaninchen. Eine Göre von fünf oder sechs Lenzen lehnte am Eckpfeiler und tippte auf ihrem Smartphone herum. Gesichtsausdruck zwischen blasiert und gelangweilt. Die Mutti stieß ihr Ein-und-alles wiederholt an, sie solle mal gucken, wie niedlich doch, diese Süßen da, und überhaupt. Missmutige Antwort, und weiter ging’s mit dem Getippe.

Klar, wir Älteren hätten das nicht anders gemacht, nur eben gab es früher keine Smartphones. Noch nicht einmal das Wort „digital“, jedenfalls nicht im Sinne von digitaler Technik. Weder Computer gab es, noch Selfies noch Pokémons. Noch nicht einmal den Fernseher kannte man! Allerdings eben auch kein Fernsehverbot, falls zuhause ein Eintrag ins Schülertagebuch unterschrieben werden musste: „Heftführung liederlich“, „Brigitte (Jürgen, Monika …) schwatzt im Unterricht“. Ersatzweise gab es paar hinter die Ohren. Sehr konkret fühlbar. Überhaupt, das meiste, was das Leben so bot, war leibhaftiger Natur, war reale Welt. Schreiben erfolgte mit dem Stift auf Papier und nicht mit der Fingerkuppe auf einem Display, Rechnen ebenfalls auf Papier oder auch im Kopf. Ballspielen musste man selber, denn Fußballfernsehen gab’s eben nicht. Wen es nach Abwechslung gelüstete, konnte zusammen mit Freunden „Verstecken“ spielen oder „Räuber und Gendarm“. Sofern nicht gerade Holzhacken angesagt war, Briketts schichten, der Mutter bei der Wäsche helfen, Schuhe für die Familie putzen oder, sofern vorhanden, die Familienkutsche. Für Abenteuer sorgten verlassene Gemäuer oder ein selbstgebautes Baumhaus, und für das Training des Familienlebens war die Freundin da und deren Puppe. Alles sehr leibhaftig, jedenfalls viel gegenständlicher als heute.

Nullen und Einsen

Ganz anders die Welt der Gegenwart. Bestimmt wird sie digital, von einer Technik, die mit gerade mal zwei Ziffern arbeitet: Null und Eins. Und allein auf die Reihenfolge kommt es an, die der Nullen und Einsen, wenn es sich um eine Botschaft auf dem Display unseres Smartphones handelt oder um die Übertragung eines Krimis auf unseren Fernseher. Digital konservierte Musik wird auf Ohrstöpsel übertragen, die die so Verstöpselten von der Hörwelt ringsum abtrennen. Ihre Augen sind blicklos, gerade mal Lampenpfosten registrierend, um mit ihnen nicht zu kollidieren. Digitalisierte Roboter bauen Autos und Flugzeuge, und Roboter bauen Roboter. Digitale Rechner steuern Drohnen, die fremdes Gelände ausspähen oder bombardieren, andere lassen im Schachspiel jedweden Gegner alt aussehen, selbst Weltmeister. Schon gibt es selbstfahrende Autos, fühlende Fußböden und denkende Kühlschränke, sogar Jogurts, die mitteilen, wie lange sie noch frisch sind. Der Fortschritt der digitalen Technik verläuft derart schnell und dramatisch, dass es selbst den klügsten Futuristen nicht möglich ist vorherzusagen, was die Auswirkungen „von Allem auf Alles“ sind. Ganz besonders um die nächsten Generationen geht es. Wie werden sie den Wandel verkraften, wie kommen sie mit einer Welt zurecht, die zunehmend von der virtuellen Art ist? Ist Fortschritt in solchen Ausmaßen begrüßenswert? Denn Fortschritt an sich muss nicht immer gut sein. Auch der Krebs schreitet fort und zerstört, wird er nicht gebremst, am Ende den ganzen Körper. Doch wie den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft kontrollieren, wie ihn dosieren? Ein Zurück ins Gestern? Undenkbar!

Gleichwohl, in der Kindheit und Jugend der Älteren von uns ist auch nicht alles von der leibhaftigen Art gewesen. Längst waren Telefon und Radio erfunden, ebenso Fotografie und Kino, Schallplatte und Tonband. Sie ersetzten die leibhaftige Wirklichkeit, wenn auch auf Basis der Analogtechnik. Und diese Techniken waren ebenfalls hochwillkommen. Zum Beispiel Schallplatten. In Form unregelmäßiger Rillen eingepresst, erfreuten sie mit der Stimme Carusos oder von Conny Froboess. Oder die Filme von Hans Moser und Theo Lingen. Sie begeisterten Millionen und Abermillionen Menschen letztlich allein durch die Art, in der Silberkörner auf Zelluloidstreifen verteilt waren. Analog kodiert wurde auch das gesprochene Wort. In Form elektrischer Stromschwankungen war es über Drähte, die sich zwischen schier endlosen Reihen hölzerner Masten spannten, in die entferntesten Gegenden der Welt zu transportieren.

Wozu Bücher?

Ebenfalls kodiert, wenn auch in einer ganz anderen Weise, ist die Schrift. Seit Jahrtausenden gibt es sie, und immer handelt es sich um einzelne Zeichen, die je nach Reihenfolge ganz unterschiedliche Worte und Sätze ergeben. Schriftzeichenfolgen übermitteln Sachinformationen, sie können aber auch Erlebnisse der komplexesten Art bescheren, die denen der Wirklichkeit in nichts nachstehen. Eigentlich eine der wunderbarsten Sachen der Welt: Hochautomatisiert tasten die Augen die Buchstabenfolgen ab, das sogenannte Lesezentrum des Gehirns (in dem Winkel, wo Scheitel-Schläfen- und Hinterhauptlappen aufeinandertreffen) erfährt daraus deren Sinn, und Leistung des Gehirns insgesamt ist es, je nach Text einen Gleitflug durch die Wolken zu erleben, einen Ehekrach mitzumachen, einen Motorradunfall oder eine Klettertour durch die Alpen. Oder es lässt einen Tränen lachen. Allein durch Lesen, allein durch das Ver-folgen von Ab-folgen von Buchstaben, mag das Gehirn eine entsetzliche Angst vor einem Mörder entwickeln. So entsetzlich, dass man die Angst leibhaftig verspürt: der Blutdruck steigt, der Atem stockt, die Pupillen verengen sich, auf der Stirn tritt kalter Schweiß zutage.

„Die Lesefähigkeit von Grundschülern sinkt!“, tönt es justament aus allen Zeitungen. Seit 2001 sei der Anteil der Viertklässler mit einer nur rudimentären Lesefähigkeit von 16,9 Prozent auf 18,9 Prozent gestiegen. Dafür mag es viele Ursachen geben. Eine davon ist ganz sicher die zunehmende Digitalisierung. Bilder, Videos, Gesprochenes, schlampiges Chatten und Smileys ersetzen fließendes Lesen und gewähltes Schreiben. Demnächst kommt vielleicht noch das Fühl- und Geruchskino hinzu, Sex-Roboter gibt es schon, und ein faktisch ereignisloses Leben wird digital enorm intensiviert. Es ersetzt die Wirklichkeit nahezu komplett. Alles ist höchst bequem, wozu dann noch anstrengen, zum Beispiel durch Bücherlesen? Und überhaupt.

Ja, wozu überhaupt alles?  



 
 
 
 
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