****       Sapere aude!         ****        
                 
Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber  ein wenig  sollten  wir   ihm schon  entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
 

MAGDEBURG KOMPAKT 6. Jg.,2. Ausgabe September 2017


Das Gehirn isst mit

Und zwar etwa ein Fünftel von all dem, was wir uns schmecken lassen. Mit knapp anderthalb Kilogramm macht das Gehirn nur 2 oder 3 Prozent unserer Körpermasse aus, aber es hat einen unverhältnismäßig großen Appetit. Nicht etwa nur, um denken zu können, nein, sein Grundstoffwechsel ist so aktiv. Im Schlaf genauso und auch bei Tieren, denen menschliches Denkvermögen total abgeht. Die Pumpmechanismen für die Ionen benötigen so viel Energie. Geladene Teilchen sind das, die für die elektrischen Vorgänge an den Zellmembranen zuständig sind. Erlöschen diese, wird da oben alles ganz still. Tot sind wir dann.

Die Großeltern sagten immer: Zucker ist Nervennahrung. Und sie hatten in einem gewissen Sinne recht. Denn mit Fetten und Eiweißen, die in unserer Ernährung ansonsten eine große Rolle spielen, ist dem Energiehunger unseres Zentralorgans nicht gedient. Auch nicht mit komplexeren Kohlehydraten, wie sie im Brot oder in der Kartoffel enthalten sind. All das muss zunächst in Einfachzucker umgewandelt werden, genauer: in Glukose, in Blutzucker. Ketone, wie sie aus dem Fettabbau stammen, sind ebenfalls geeignet. Sowohl für die Glukoseproduktion als auch für die der Ketone sorgt die Leber. Sie verwendet dazu vor allem das, was der Darm ihr anbietet. Und der bietet an, was wir ihm an Nahrung anbieten.

Nahrung, Ernährung

Was nicht alles wird da zusammenfantasiert, wenn es um „gesunde“ Ernährung geht. Bald soll sie kohlenhydratreich sein, bald kohlenhydratarm oder besonders eiweiß- oder lieber fettreich, oder gerade nicht. Vor allem alles „Künstliche“ sei zu vermeiden, stattdessen reichlich Vitamine und Schlackenstoffe. Oder eher nicht. Dabei ist die Grundregel für eine gesunde Ernährung ganz einfach: vielseitig und wenig! Doch mit Wenig ist unser Gehirn selten zufrieden. Vielmehr fordert es: „Iss doch noch was! Guck mal, wie lecker das dort aussieht! Und wie es riecht! Schmeckt es nicht köstlich?“ Wir sprechen von Appetit oder, wenn er groß ist, von Hunger. Würde der Hunger-Ruf fehlen, wären wir längst ver-hungert. Für das Hungergefühl sorgen ganz verschiedene Botenstoffe. Sie werden je nach Art im Fettgewebe oder in der Magen- und Darmschleimhaut gebildet, in der Bauchspeicheldrüse, der Leber, der Nebennierenrinde und im Knochenmark. Auch in speziellen Nervenzellen des Gehirns. Für das Hunger- und Sättigungsgefühl sorgen vor allem die Gewebshormone Leptin und Ghrelin, aber auch Cortisol, Insulin und Glukagon. Spezielle Neurotransmitter des Gehirns wirken als chemische Signale, die uns glücklich machen oder unglücklich. Unglücklich bei ungestilltem Appetit, und glücklich bei dessen Besänftigung. Den Tieren geht das genauso. Die wissen ja nicht, dass sie ohne Fressen stürben und sind gänzlich auf diese Leitmechanismen angewiesen, die auch uns Menschen steuern.

Wenn wir dann genug gegessen haben, sind wir satt. Zumindest sollten wir es sein. Oft aber geht es mit den Lockungen weiter: „Na, gehab‘ dich nicht so!“, heißt es dann im Zwiegespräch im Inneren unseres Schädels auf der Vernunft- und der Lustebene. „Noch ein Stückchen von der Geburtstagstorte, das kann doch nicht schaden! Oder etwas vom Grill, nur ein winziges Bisschen?“ Und dann: „Herrlich wie das schmeckt! Warum nicht etwas mehr? Morgen, da isst du nichts. Jawoll!“ Und am nächsten Tag – nun gut, man kennt es. Aber nicht alle kennen es, die Menschen sind halt verschieden. Vor ein paar tausend Jahren, in der Steinzeit (biologisch gesehen, sind wir noch immer Steinzeitmenschen), war es höchst zweckmäßig, sich den Ranzen ordentlich vollzustopfen. Denn wehe, wenn die Hungerzeit zurückkehrte und man durch Fettansatz nicht genug vorgesorgt hatte! Zumindest in unseren Breiten war das so. Anders in Regionen, in denen es jahrein, jahraus genug an Nahrung gibt, z. B. Großwild in den Savannengebieten Afrikas. Da heißt es, als Jäger behände zu sein und sich durch übermäßiges Körperfett nicht zu behindern. Beneidenswert schlank ist der Typus dort. Von seiner Anlage her.

Schlank waren in unseren Gefilden die Menschen der Steinzeit sicher auch. Nur eben nicht so sehr von der Anlage her, weit eher aus Mangel. Selbst wenn es einmal genügend an Samen, Früchten, Blättern und Wurzeln gegeben haben sollte, oder an Fisch, gar an Fleisch, dann schmeckte das Ganze bei weitem nicht so gut, wie es uns heute schmeckt. Was nicht alles haben die Züchtung und die Koch- und Backkultur inzwischen entwickelt. Ganze Industrien bildeten sich heraus, um das

Sättigungsgefühl, unsere natürliche Fressbremse

durch kaum noch zu überbietenden Wohlgeschmack zu übertölpeln. Den Erfolg sieht man allenthalben, sowohl auf der Straße als auch auf den Warteflächen der Arztpraxen. Und in den Krankenhäusern.

Warum, so fragen wir uns, erwischt es die einen, die anderen hingegen sind gefeit? Das ist Gegenstand intensiver Forschung. Bisher gibt es nur Teilantworten.  Die individuelle Veranlagung spielt eine herausragende Rolle, gewiss auch erlernte Fehlhaltungen und die Befähigung zur Selbstdisziplin. Letztere wiederum ist zum Teil Sache der Veranlagung. Zum Teil! Also nicht einfach sagen: Nicht ich bin schuld, sondern meine Gene sind es.

Zurück zum Anfang, wo es hieß, das Gehirn isst mit. Haben Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, schon mal das Umgekehrte versucht, nämlich Gehirn mitzuessen? In der Leberwurst war früher reichlich Gehirn enthalten, und in anderen Ländern liegt beim Metzger auch heute noch Gehirn auf der Ladentafel, Gehirn vom Schwein, vom Rind oder Schaf. In Scheiben geschnitten und paniert, gilt es manchen als Delikatesse. Als Kind war ich mitunter zum Schmause geladen. Geschmeckt hatte es mir nicht. Aber gestaunt habe ich, wie weich und klebrig sich die Hirnmasse anfühlte. Damals meinte ich, dass das, was wir da oben im Kopf mit uns herumtragen, von ganz anderer Konsistenz sein müsse. Eben weil es menschliches Gehirn ist, und das könne ja denken. Irrtum: Menschliches Gehirn fühlt sich genauso an. Obschon es die höchst entwickelte Materie ist, von der wir wissen!  


MAGDEBURG KOMPAKT Magazin Nr. 8, Herbst 2017

Ohne Bauplan Kein Leben


 

Weit bevor Menschen Baupläne für ihre Häuser entwarfen, waren sie schon da, die Baupläne für die Bakterien und Viren und die für Pflanzen, Pilze und Tiere. Ebenso die Baupläne für uns selbst, uns Menschen. Noch vor dem Aufkommen der Evolutionstheorie, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, dämmerte es den Wissenschaftlern, dass für die Tier- und Pflanzengruppen jeweils so etwas wie ein Grundtyp existiere. Archetypus wurde das genannt, einer für die Wirbeltiere etwa, ein anderer für die Mollusken, zu denen die Schnecken und Muscheln gehören. In demselben Sinne entwickelte der französische Zoologe Étienne Geoffroy Saint-Hilaire (1788 – 1844) die Vorstellung von einem plan d'organisation, wie er das damals nannte. Hiernach sei eine Art von Ideal vorgegeben, das sich dann irgendwie in den einzelnen Tier- und Pflanzenformen „widerspiegele“. Etwas von dieser Art war schon bei den Philosophen des antiken Griechenlandes angeklungen. Platons „Ideen“ sind damit gemeint. Auch Goethe spielte mit solchen Gedanken. Er entwarf das Modell einer „Urpflanze“, von der sich alle Blütenpflanzen ableiten lassen sollten (in „Metamorphose der Pflanze“, 1790).

Der Begriff „Bauplan“ spielt auch noch in der heutigen Biologie eine Rolle. Untersetzt wird er durch ein riesiges Fundament, für das die moderne Evolutionstheorie und die Genetik gesorgt haben und durch täglich neue Befunde auch weiterhin sorgen. Jedes Schulkind weiß davon. Zumindest sollte es das. Selbst diejenigen, die hierüber Genaueres wissen, können sich der Faszination nicht entziehen, die einen packt, wenn man die Planmäßigkeit der Entwicklung eines Organismus‘ im Konkreten verfolgt.

Der springende Punkt

Klassisches Objekt dafür ist die Keimscheibe im bebrüteten Hühnerei. Nicht nur die Studenten der Biologie, auch die der Medizin dürfen sich daran intellektuell weiden. Oder durften, womöglich weil mittlerweile gegen alberne Tierschutzbestimmungen gerichtet? Gleichviel, jeder kann das Experiment in der stillen Küche auch zuhause machen. Nach dem dritten Bebrütungstag klopfe man ein Fenster in die Eischale (nur in die eines „glücklichen“ Huhnes natürlich!) und siehe da: Schon mit bloßem Auge ist auf der Oberfläche der Dotterkugel der „springende Punkt“ auszumachen. Die Bezeichnung geht auf Aristoteles zurück, dem dieses pulsierende Etwas auch aufgefallen war. Es ist das noch primitive Herz des werdenden Hühnchens, nichts anderes als ein mit Muskelzellen umgebener Gefäßschlauch. Wer eine Lupe zur Hand nimmt, erkennt mehr. Nämlich die noch sehr einfach gestrickten Blutgefäße, in denen im Rhythmus dieses springenden Punktes rote Pünktchen strömen, Blutzellen. Der Strom geht von diesem springenden Punkt aus, dem kleinen Herzelein, teilt sich an den Gefäßverzweigungen und führt dann zu seinem Ursprung zurück: ein Blutkreislauf. Mikroskopische Techniken angewendet, kann man verfolgen, wie sich aus der zunächst noch scheibenartigen Anlage, Keimscheibe genannt, nach und nach das herausbildet, was am Ende ein Küken ist. Zwischendurch gibt es Stadien, die denen eines Fisches gleichen und späterhin denen eines Amphibiums.

Überall bei der Entwicklung von Lebewesen haben wir es mit Bauplänen zu tun, uralten, die verändert und nur grob skizzierend zu den endgültigen hinführen. Das gilt genauso für unsere eigene Entwicklung. Zum Beispiel bildet sich in der vierten Schwangerschaftswoche ein Kiemendarm heraus, wie er in seiner einfachsten Form noch heute bei den ursprünglichen Wirbeltieren anzutreffen ist, den Neunaugen. Aus der embryonalen Kiemendarmanlage gehen in unserer späteren Entwicklung unter anderem das Zungenbein hervor, der Kehlkopf und die Nebenschilddrüsen. Sie regulieren mit ihrem Parathormon die Calciumkonzentration im Blut. Nichts, was wir an Organen und Organsystemen zu bieten haben, entsteht „einfach so“, alles entwickelt sich seinem jeweiligen Bauplan gemäß. Auch unser Gehirn.

Gehirn nach Plan

Zunächst bilden sich Hirnbläschen, wie sie denen der Fische im Erwachsenenstadium entsprechen. Wochen vor dem Ende der Schwangerschaft wird daraus das menschentypische Gehirn. Allerdings ist es zur Zeit der Geburt noch nicht reif, wiegt etwa nur 300 Gramm. Erst gegen Ende der Kindheit wächst es zu seiner endgültigen Größe heran und wiegt beim Erwachsenen dann knapp anderthalb Kilogramm. Alles geschieht weiterhin nach einem Plan, wie er sich in der Evolution der Säugetiere, hier im Entwicklungszweig der Affen, und schließlich dem des Menschen herausgebildet hat. Gleichzeitig mit dem Hirnwachstum reifen die Verhaltensprogramme und mit ihnen die menschentypischen Verhaltensformen bzw. -tendenzen. Selbst die Anpassungsfähigkeit durch Lernvorgänge ist Teil des Bauplanes. Erst im frühen Erwachsenenalter ist das Gehirn vollreif, und erst dann ist der Mensch für sein Tun voll verantwortlich. 

Die Frage nun: Woher kommen diese Baupläne? Für den Religiösen ist die Antwort einfach. Für jene, die den Schöpfungsgedanken ablehnen, ist die Antwort nicht so einfach, dafür aber plausibel: durch die Evolution, durch einen sich über Millionen, ja Milliarden Jahre erstreckenden Selbstoptimierungsprozess. Wer dieses Prinzip jemals wirklich verstanden hat, vergisst es ebenso wenig wieder wie das Fahrradfahren. Umgekehrt:

Wer am Evolutionsprinzip zweifelt, hat es nicht verstanden

– zumindest nicht ausreichend. Unzählig sind die Belege, die die Wissenschaft für die Gültigkeit vorweisen kann. Den Unterbau liefert die Genetik. Er reicht bis hinunter zur molekularen Ebene, auf der die Niederschriften für die Baupläne formuliert und archiviert werden. Winzige und rein zufällige Änderungen in diesem Erbgut sind es, die die Baupläne in Struktur und Funktion verändern. Zumeist erweisen sich solche Änderungen als ungünstig und werden irgendwann im Laufe der weiteren Entwicklung durch Benachteiligung solcher Individuen ausgesondert. Die wenigen – ebenso zufällig – zweckdienlichen Veränderungen sind es, auf die es ankommt. Sie begünstigen die Individuen, indem sie ihnen bessere Überlebens- und Fortpflanzungschancen einräumen. Bei einzelnen ihrer Nachkommen mögen sich wiederum Erfolg versprechende Änderungen ereignen. Das Ergebnis ist eine sich über Generationen erstreckende Folge von Optimierungen. Auf diese Weise kam es zu immer neuen Varianten schon vorhandener Baupläne, mithin zu Entwicklungsketten und auch zu deren Verzweigungen. Die Zweig-Enden werden von Grünalgen und AIDS-Viren gebildet, von Rotbuchen und Kohlweißlingen. Und von uns, uns Menschen!  




MAGDEBURG KOMPAKT 6. JG., 2. Ausgabe August 2017



Zeitungen: 30 Buchstaben und Tonnen von Papier

Gerald Wolf

Irgendwo an der Eisenbahnstrecke zwischen Nürnberg und München sieht man eine Fabrik, vor der riesige Quader gebündelten Altpapiers gestapelt sind. Vor allem Zeitungen wohl. Hunderte, vielleicht tausende Tonnen, bedruckt mit Buchstaben und Ziffern. Auch mit Bildern natürlich, für Leute, die sich nicht so gern bei Texten aufhalten. Gelesen, angeschaut, oder auch nicht, und weg damit. Es muss noch nicht mal sonderlich geistreich sein, was da geschrieben steht, immerhin aber ist es Geist, der Geist des Autors, der in den Zeilen lebt. Und nun weg. Tot. Man brauchte nur ein bisschen an den Papierquadern zu zupfen, ein paar Fetzen herauszulösen und zu lesen anfangen, schon würde dieser Geist wieder lebendig. Als Information. Jeder weiß natürlich, was Information ist, aber – so paradox es scheint – niemand kann befriedigend erklären, was Information eigentlich ist. So zum Beispiel enthält die Zeitung, die Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, gerade in den Händen haben, dem Grunde nach keine Information, sondern ist nur mit Druckerschwärze versehenes Papier. Erst dann, wenn Sie zu lesen beginnen, wird daraus Information (gilt im besonderen Maße für MAGDEBURG KOMPAKT!). Zum Beispiel diese paar Sätze hier über das Wesen der Information. Ohne Sie als Leser, ohne Informationsempfänger also, gibt es keine Information. Stellen Sie sich vor, das, was da gedruckt wurde, wäre nicht auf Deutsch, sondern auf Chinesisch geschrieben! Solange Sie sich nicht hinsetzen und Chinesisch büffeln, sind Sie dafür nicht empfänglich. Oder denken Sie das Umgekehrte: Ein Chinese greift sich beim Besteigen des Flugzeugs versehentlich eine deutsche Zeitung. Ein und derselbe Text, für den einen ist er informativ, für den anderen ohne Information.

Information. Information?

Die Schriftzeichen allein sind es nicht, die für die Information sorgen, auf ihre Reihenfolge kommt es an. Sie entscheidet, ob aus zweimal O und T entweder OTTO oder TOTO wird. MEHL lässt sich zu HELM schütteln, AMPEL zu LAMPE und PALME, und FERNSEHEN zu EHRENSENF. Das Erbgut (die DNA) von Lebewesen kommt mit nur vier „Buchstaben“ aus: den Nukleinbasen Adenin, Guanin, Thymin und Cytosin. Auch hier ist es deren Reihenfolge, die die Information des genetischen Textes bestimmt, die Erb-Information. Sie entscheidet, ob aus einer Keimzelle ein Kirschbaum, eine Schmeißfliege oder ein Fliegenpilz wird. Oder ein Mensch. Prinzip: jeweils drei solcher „Buchstaben“ tun sich zu einem genetischen „Wort“ zusammen, zu einem Basen-Triplett. Die Kombinatorik von 4 3 = 4 x 4 x 4 erlaubt 64 solcher Tripletts, nicht mehr und nicht weniger. Diese können sich zu unendlich vielen und unendlich verschiedenen Reihen zusammenfügen, eben zu dem für jedes Lebewesen arttypischen Erbgut. Selbst dieses unterscheidet sich noch von Individuum zu Individuum, falls es sich nicht gerade um eineiige Zwillinge handelt. Ein klein wenig nur, aber immerhin.

Und wie „eigentlich“ ist das nun mit den Buchstaben und Wörtern in einer Zeitung, in dieser hier zum Beispiel?

Zeitungstexte, unendlicher als unendlich

Im Deutschen verfügen wir über 26 Grundbuchstaben, dazu kommen drei Umlauten und das Eszett. Aus der Reihung dieser 30 Zeichen ergeben sich die Wörter. Ihre Anzahl wird im Wortschatz der Alltagssprache auf etwa 75 000 geschätzt. Nimmt man die Fachsprachen hinzu, kommen ein paar Millionen Wörter zusammen. Selbst mit einem eher einfachen Wortschatz lassen sich die einzelnen Wörter zu unendlich vielen Sätzen reihen, ob nun in Form persönlicher Notizen, als Brief, als Buch und eben in der Art von Zeitungstexten. Für die höheren Etagen des Sprachgebrauchs sollte der Umfang „noch unendlicher als unendlich“ sein – mathematisch gesehen Unsinn natürlich. Dennoch faszinierend. Schon ein 55 Buchstaben langer Text ermöglicht unter Verwendung von 30 verschiedenen Buchstaben 30 55 Kombinationsmöglichkeiten, egal ob nun sinnvoll oder nicht. Diese 30 55 Kombinationsmöglichkeiten als Zehnerpotenzen geschrieben entsprechen 10 81, und diese Zahl wiederum, so wird geschätzt, kommt der Gesamtzahl der Teilchen in unserem Universum gleich! Das heißt: Jeder Text ist einmalig, schon wenn er ein paar zig Wörter umfasst und nicht gerade abgeschrieben wurde. Das gilt selbstverständlich auch für all das Geschriebene, mit dem wir in den Zeitungen zu tun kriegen. Von wegen, überall stünde dasselbe! Obwohl die Zeitungen zu Tausenden und Abertausenden gedruckt werden, und selbst wenn es sich um Texte handelt, die nur mit einem Restgramm Großhirnrinde gesegnet sind, haben sie Einmaligkeitswert. Nicht nur für die Autoren, auch für jeden einzelnen Leser. Also nicht wegschmeißen, sondern alles aufheben!

Das gilt ganz besonders für

MAGDEBURG KOMPAKT.

Herzliche Gratulation zur 100. Ausgabe!

 

MAGDEBURG KOMPAKT 6. JG., 1. Ausgabe August 2017


 


Mückenfrei

Gerald Wolf


Wenn ich eines nicht ausstehen kann, dann ist es die Katzbuckelei vor der Obrigkeit. Auch nicht vor der ganz, ganz oben. Einzig Petrus, den verehre ich, zumindest fühle ich mich ihm nahe. Manchmal – wenn garantiert niemand zuhört – bin ich mit ihm im Zwiegespräch. Heute Morgen zum Beispiel. Zwar ist Sommer, aber mit dem Wetter hapert es. Ich schielte nach oben und sagte ganz leise:

„Du tust mir leid, wirklich und aufrichtig. Deinen Job, mein lieber Petrus, den möchte ich nicht haben. Ständig diese Meckerei – nee, igitt! Alleine, wenn ich an die Gestaltung des Sommers denke. Egal, wie du’s anstellst, den einen ist dein Sommer zu warm, den anderen nicht warm genug. Dann wieder zu kalt, zu feucht oder zu trocken. Und wenn zu trocken und du endlich die Schleusen öffnest, ist es den einen zu viel, den anderen noch immer zu wenig. Und nicht anhaltend genug oder, im Gegenteil, viel zulange. Die Erneuerbare-Energien-Gemeinde will viel Wind und möglichst andauernd, für ihre Miefquirle brauchen sie ihn. Auch die mit ihren Segeljollen, die dümpeln ansonsten auf dem Fleck. Also machst du Wind. Anderen wieder, den bläst der Wind ins Gesicht, und das mögen sie überhaupt nicht. Und wennschon Wind, dann – so unser politisches Establishment – ausschließlich Mitwind, bitte keinen Gegenwind!

Der Hammer nun (es ist doch wohl dein Werk, Petrus, hm?): Des ständigen Gemeckers überdrüssig, hast du die Mücken und die Fliegen abgeschafft, jedenfalls so gut wie, und die Schmetterlinge und Käfer gleich mit. Die Windschutzscheiben bleiben sauber. Nun soll auch das wieder nicht richtig sein? Nein wirklich, Petrus, du tust mir leid!“

Die Wolken haben eine ganze Weile gebraucht, um sich zusammenzutun. Ein Donnerschlag jetzt.

„Jawohl“, murmele ich in Richtung oben. „Das mit den Insekten, das bistst du nicht.“

Nein, Petrus, du bist es nicht! 

Sogleich verzieht sich das Gewitter, und ich habe verstanden. Wollte Petrus ja nur mal testen.

Viele Jahre lang geht das schon so, immer weniger Insekten. Früher, da bogen sich die großen Doldenblüten des Bärenklaus, so viele Fliegen, Käfer, Hautflügler und Blattläuse kletterten darauf herum. Heute ist mal eines dieser Tierchen da zu sehen, auch zwei, dort ein anderes und auf der nächsten Dolde gar keines. Bunte Wiesen und überall Schmetterlinge, das war einmal. Allerdings eben sind zur selben Zeit auch die Mücken verschwunden, jedenfalls so gut wie, so dass sich das Bedauern in Grenzen hält. Im Gegenteil, die Leute können ihr Wassergrundstück erst jetzt so richtig genießen. Und beim Wandern lässt man das Mückenspray zu Hause. Und wenn dann doch mal eine Mücke sticht, ihren Pfahl in unser empfindliches Fleisch rammt, dann wird sie verflucht, anstatt sich über das bisschen Restnatur zu freuen.

Nicht nur die Menge der Insekten geht zurück, auch die Anzahl der Arten. Mit dem Seltenwerden fängt das an. Immerhin hatte man in Deutschland bisher mit etwa 30 000 Insektenarten zu rechnen! Darunter 9 000 Fliegen und Mücken, 8 000 Käfer und 4 000 Schmetterlinge. Den Rekord hält mit 11 000 Arten die Ordnung der Hautflügler. Sicher ist es sehr aufregend, wenn bei uns eine Vogelart am Aussterben ist, die Großtrappe zum Beispiel, oder der Hamster oder die Europäische Sumpfschildkröte. Aber eine Käfer-Art? Oder die einer Fliege? Viele können diesen Krabbelviechern sowieso nichts abgewinnen. Vor allem, wenn sie von der Natur keine Ahnung haben und sich schon deshalb von ihren Kindern (oder die Lehrer von ihren Schülern) nicht gern fragen lassen, was denn das da für ein Schmetterling sei, und wie komisch dieses kleine Biest aussähe, das auf der gelben Blume herumkröche, und wie es denn heiße, und die Blume da.

Anderen Menschen geht das nicht so, und schon gar nicht den wenigen Insektenkundlern, die es noch gibt. Seit vielen Jahren warnen sie vor der ökologischen Katastrophe. Kaum einer hört es. Dazu müsste es im Zeitungsblätterwald viel, viel stärker rascheln. Der Sommer böte eine Chance. Ein Journalist, der im Sommerloch nicht fündig wird, dessen Honorarvertrag steht auf der Kippe. Kürzlich erst, das Sommerloch ist noch im Babyzustand, der G20-Gipfel, der Gipfel aller Gipfel, war am Aushauchen, da hat es einer von den Journalisten mit einer Insekten-Story in die Frankfurter Allgemeine geschafft. Die Zeitung verfügt neben einigen anderen größeren Blättern (unter ihnen auch MAGDEBURG KOMPAKT) noch immer über die findigsten Köpfe. Und dort nun, in der FAZ vom 15.07.2017, prangt als Überschrift:

Schleichende Katastrophe. Bis zu 80 Prozent weniger Insekten in Deutschland

Das Ausrufezeichen fehlt, aber immerhin. Von Untersuchungen ist die Rede, die vor allem in Nordrhein-Westfalen angestellt wurden. In speziell entwickelten Insektenfallen sammelten sich zwischen Mai und Oktober des Jahres 1989 noch 1,4 Kilogramm Insekten unterschiedlichster Arten an, 2013 hingegen, im selben Zeitraum, nur noch 294 Gramm. Schade, dass es nicht der Klimawandel ist, der daran Schuld trägt. Dann würde die Sache politisch hochwirksam. Nein, die extrem intensive Landwirtschaft ist es. Alles, aber auch wirklich alles, was sich in unseren Landschaften in Produktion umwandeln lässt, wandelt sie in solche um. Riesige Flächen werden zu Monokulturen gemacht, hochwirksame Herbizide sorgen dafür, dass nichts anderes wächst. Alles Übrige ist ja sowieso nur Unkraut. – Unkraut? Unmenschen gibt es, keine Frage, aber Un-Kräuter, Un-Pflanzen? Gleichviel, weg damit! Genauso diese Krabbel- und Flattertierchen. Die meisten von ihnen sind sowieso bloß Schädlinge. Was immer das sein mag, hochwirksame Insektizide drauf, Neo-Nicotinoide z. B., und sie killen, wo sie etwas zu killen finden. Wenn sie nicht mehr killen sollten, dann entwickelt man eben neue.

Die Feldwege und die sie säumenden Randstreifen und Hecken sind größtenteils verschwunden. Nirgendwo Brachen, auf den es blühen darf, wie es gerne blühen möchte. Bunte Wiesen werden in Fettwiesen umgewandelt und diese dann zu Kuhfutter gemacht. Dort, wo es noch Wildwuchs geben könnte, setzen schon früh im Jahr die Randstreifenmäher ein. Und das ein paar Male später noch, um allem, was da zu blühen versucht, die frechen Köpfe abzuschneiden. Dann endlich kann nichts mehr von diesen Unkräutern aussamen, oder eben nur noch wenig. Selbst hier also: produktiver Rasen. Allerorten Überproduktion, die dann auch noch von der EU gestützt wird, damit landwirtschaftlicherseits keine Tränen fließen. Bezahlt nicht nur mit Euro bzw. mit unserer Rente, sondern eben auch mit der Vielfalt unserer Pflanzen- und Tierwelt, die zumindest einstmals sehr groß war. – Apropos Natur, grün und so weiter, wie hieß doch gleich die Partei, die sich so eindrücklich für unsere Umwelt engagierte, damals, als es ihr noch um die Sache ging?

Un-Menschen gibt es, aber Un-Pflanzen, Un-Tiere?

Dort, wo die Insekten fehlen, dort fehlt es zum Beispiel auch an Vögeln. Nicht nur die insektenfressenden Arten unter ihnen sind betroffen, auch die körnerfressenden. Denn deren Jungen müssen mit Insekten gefüttert werden. Und so kann es passieren, dass Sie, verehrte Leserinnen und Leser, wenn Sie eines schönen Sommertages draußen vor den Toren spazieren gehen, kaum einen Vogel sehen. Wann haben Sie das letzte Mal eine Feldlerche erblickt, eine Feldlerche tirilieren hören? Ich weiß es: Damals noch, als Sie ab und zu auch mal von einer Mücke gestochen wurden.

Nein, Petrus, du kannst nichts dafür. Das sind wir Menschen selbst. Dein Wirken aber ist es, dass von dem gestrigen schönen Sommertag heute nichts mehr übrig ist. Und jetzt, in diesem Moment, mitten am Tage, hier im Breiten Weg, lässt du es nun auch noch dunkel werden. Wind kommt auf, ja, es regnet! So wie in der gesamten vorigen Woche. Ich weiß: Die Ackerpflanzen brauchen das Nass, natürlich auch die Wildkräuter, diejenigen, die noch übriggeblieben sind. Ihnen schmeckt ein halb verregneter Sommer. Letztlich auch den Tieren, die von den Pflanzen leben. Oder von Tieren, die ihrerseits von Pflanzen leben. Die Tiere meine ich, die den Menschen bisher überstanden haben.

Unmittelbar vor mir dahineilende Passanten. Sie gucken sich missmutig um, blicken nach oben, sie haben keinen Schirm dabei. Überschütten dich mit Hate-Speech-Tiraden. Ich selber habe auch keinen Schirm dabei und blicke ebenfalls nach oben. Alles grau. Kalt ist es, und nun auch noch nass.

Wem schon soll solch ein Sommer schmecken?  M i r  nicht!


 

MAGDEBURG KOMPAKT MAGAZIN   Nr. 7, Sommer 2017

 

 Schmerz, lass nach!

Gerald Wolf

Als schmerzhaft bezeichnen wir alles Mögliche, was uns Ungemach bereitet, den Stich der Wespe in die Nase, das verstauchte Knie, das Brummen im Schädel nach einer durchzechten Nacht. Schmerzhaft nennen wir auch eine Blamage, einen Tadel, den Verlust eines größeren Geldbetrages oder den eines geliebten Menschen. Was eigentlich ist das, Schmerz? Es gibt Menschen, die können wegen eines Defektes im Erbgut keinen körperlichen Schmerz empfinden. Stellen Sie sich vor, verehrte Leserin, verehrter Leser, Sie müssten jemanden mit einer solchen genetisch bedingten Analgesie erklären, wie sich Zahnschmerz anfühlt! Geht nicht, beim besten Willen nicht. Genauso wenig, wie einem taub geborenen Menschen mitempfinden zu lassen, was Töne sind und wie sie sich zu einer Sinfonie fügen, einem von Geburt an Blinden die Pracht eines Herbstwaldes zu erklären oder einem strikt homosexuell Veranlagten die 

Wonnen einer Vereinigung mit dem anderen Geschlecht. Sämtliche Gefühlsqualitäten sind nun mal rein subjektiver Natur und weder lehr- noch erlernbar. In der Philosophie spricht man von „Qualia“, von nicht direkt vermittelbaren, absolut privaten Erlebnisqualitäten. Dasselbe gilt auch für die Beweggründe, die sich aus den Gefühlen herleiten, die Motivationen. Im Falle von Schmerz resultiert anscheinend nur der ein Wunsch: Lass nach! Und wenn es noch gar nicht zum Schmerz gekommen ist, Schmerz aber aus der Erfahrung heraus droht: Vermeiden!

Aufgepasst also, dass beim Motorradfahren Hals und Beine heile bleiben, beim Kartoffelreiben die Fingerkuppe nicht in den Brei gerät, dass des drohenden Katers wegen der nächste Schnaps in der Runde ungetrunken vorüberzieht und einem die verdammte Qualmerei nicht späterhin ein Bronchialkarzinom beschert! Aufgepasst auch, dass die Rede dieses Mal ohne zu holpern über die Lippen kommt, dass einem bei der 

ewigen Nörgelei nicht die Partnerin, nicht der Partner davonlaufen! Schmerz gilt als uraltes Warnsignal. Tiere kennen ihn offenbar auch, zumindest den körperlich bedingten Schmerz, wiewohl uns weder die Amsel noch der Karpfen mitteilen können, wie sie einen Schmerz empfinden. Jedenfalls vermeiden Tiere alles, was zu einem Schaden führen könnte, den wir Menschen auf unsere Weise als schmerzhaft empfänden. Schmerz ist biologisch zweckmäßig.

Tatsächlich sind Menschen mit angeborener Analgesie gar nicht so gut dran, wie man zunächst meinen möchte. Sie mögen sich als Fakire hervorragend zu Schauzwecken eignen, es kann aber lebensgefährlich werden, wenn der ungeliebte innere Warner den Blinddarmdurchbruch nicht signalisiert. Ein einzelnes Gen ist es, was bei dieser seltenen Störung die Verantwortung trägt. Ein Gen, zuständig für die Bildung eines Membraneiweißes, das den Transport von Natriumionen bewerkstelligt. Damit wird die Erregungsleitung in den Nervenfasern 

blockiert, die das schmerzauslösende Signal den Auswertezentren im Gehirn zuleiten. Dort, und nur dort, wird der Schmerz empfunden, nicht etwa im Fuß, in den wir uns einen Nagel eingetreten haben oder im Herzen, wenn ein Infarkt droht. Andererseits ist das Hirngewebe selbst ohne Schmerzempfindung. Wenn uns der Kopf wehtut, dann zumeist deswegen, weil die Blutgefäße im Gehirn und den Hirnhäuten zu stark gefüllt sind. Dadurch dehnen sich die Gefäßwände, und in deren Nervenfasern entsteht ein Signal, dass den Schmerzzentren des Gehirns zugeleitet wird. Erst dadurch brummt der Schädel.

Üblicherweise verschwindet der Schmerz mit der schmerzauslösenden Ursache. Beim Mückenstich zum Beispiel. Selbst ein Bandscheibenvorfall neigt zur spontanen Remission, braucht dafür aber mehr Zeit. Zeit, die hilfreich durch Schmerzbehandlung überbrückt werden kann. Auf Schmerzbehandlung zu verzichten, von wegen „ein Indianer kennt keinen Schmerz“, mag beeindrucken, ist aber oft nicht sinnvoll. Denn Schmerz kann gelernt werden. Eine Art von pathologischem Lernen ist das, in dessen Konsequenz der Schmerz chronisch wird, sich zur Schmerzkrankheit entwickelt.

Schmerz als Krankheit

Es schmerzt auch dann noch, wenn die Schmerzursache längst verschwunden ist. Also lieber doch Schmerzmittel? Nicht bei Nichtigkeiten. Denn Schmerzmittel können schaden, je nach Art des Medikamentes der Leber, der Magen- und Darmschleimhaut, den Nieren. Bei Kopfschmerz lauert eine zusätzliche Pillenfalle: Kopfschmerz durch Langzeiteinnahme von Mitteln gegen Kopfschmerz! Der Mechanismus, über den die Schmerzmittel wirken, ist je nach Substanzgruppe sehr unterschiedlich. Sie können sich an die Stelle wenden, von der die Schmerzen ausgehen, an die Leitungsbahnen hoch zum Gehirn oder an den Ort der Schmerzempfindung im Gehirn. Dasselbe gilt für alle nichtmedikamentösen Formen der Schmerzbehandlung. Sie reichen über Kälte- und Wärmeanwendung, Massage, Akupunktur, Akupressur, Osteopathie und Elektrotherapie bis hin zu Chiropraktiken und chirurgischen Eingriffen. Nicht zu vergessen die Psychotherapie.

Psychotherapie? Eingedenk der Tatsache, dass die Schmerzempfindung Hirnsache ist und sämtliche psychischen Qualitäten ebenfalls vom Gehirn erzeugt werden, liegt die psychotherapeutische Behandlung auf der Hand. Die Wirksamkeit ist tausendfältig belegt, auch wenn sie nicht garantiert werden kann. Andere Formen der Schmerztherapie können das zumeist auch nicht. Der Weg, über den die Wirkung erzielt wird, ist mit lauter Rätseln gespickt. Die Produktion körpereigener Schmerzmittel aber dürfte eine größere Rolle spielen. Endorphine sind das, Substanzen, die an denselben Orten im Nervensystem wirken wie das Morphin, der Inhaltsstoff des Mohnsaftes (Opium). Morphin (früher „Morphium“) ist eines der am stärksten wirkenden Schmerzmittel überhaupt. Chemisch sind die körpereigenen Endorphine zwar ganz anders strukturiert als das Morphin, in der äußeren Molekülform aber stimmen sie überein. Daher auch fügen sie sich unterschiedslos in die molekularen Empfänger (Rezeptoren) auf der Oberfläche von Nervenzellen, die für die Schmerzentstehung und -weiterleitung zuständig sind. Die Endorphine (ein Kunstwort, abgeleitet aus endogenes Morphin) werden vom Nervensystem als Gegenspieler eingesetzt, damit der Schmerz nicht allmächtig wird. Im Kampf oder beim Reißaus darf einen der Schmerz nun mal nicht übermannen.

Da hammer's mal wieder: die Psyche!

Wenn der Psychotherapeut mit seinen Methoden an unsere Psyche appelliert, dann wird das – möchte man meinen – indirekt zum Appell an unsere Endorphin-Mechanismen. Ihr Erfolg ist sein Erfolg. Dasselbe gilt bald mehr, bald weniger für viele andere Formen der Schmerztherapie. Und auch für eine Placebo-Behandlung. Wie sonst sollte zu erklären sein, dass ein Homöopathikum einen schmerzdämpfenden Effekt ausübt, obwohl es keinerlei pharmakologisch wirkende Substanz enthält? Das gilt gleichermaßen für Handauflegen und das Schmerzwegpusten. Selbst die Schmerzmittelwirkung wie auch die Schmerzchirurgie werden zu erheblichen Teilen durch einen Placebo-Effekt ergänzt. Es ist der Glaube an die Wirksamkeit, der in uns Endorphine freisetzt. So die Vermutung. Unterstützt wird sie durch wissenschaftliche Untersuchungen, bei denen unter entsprechenden Testbedingungen die Endorphin-Beladung von Hirnregionen gemessen wurde. Sie war dort höher, wo das Schmerzerlebnis entsteht. Ähnliches gilt womöglich, wenn uns der Liebesschmerz quält oder der Tod eines nahen Angehörigen. Wehe wenn die Schmerzdämpfungs-Mechanismen nicht zureichen! Auch und gerade in solchen Fällen muss der Psychotherapeut ran.

Umgekehrt gibt es Menschen, die Schmerz mögen. An Masochisten und ihre Schmerzlust ist zu denken, aber auch an jene, die sich auf der Suche nach Kick freiwillig in Situationen begeben, die mit körperlichen Schmerzen einhergehen, ja angstbesetzt an Selbstvernichtung grenzen. Extremsportler zum Beispiel. Und warum, fragt man sich, gibt es so viele Menschen, die Tragödien mögen? Zwar nicht im eigenen Leben, aber in Büchern, im Film oder im Fernsehen? Das Schicksal der Protagonisten schmerzt sie zutiefst, sie weinen um sie. Doch je schmerzlicher die Handlung, umso „schöner“ ist sie. Als Erklärung bietet sich an, dass die Hirnregionen, in denen der seelische Schmerz entsteht, eng benachbart mit denen für das Glücksempfinden sind. Hier können auch einige Verbindungsfasern nachgewiesen werden. Nur wenige, aber immerhin. Das mag zu emotionalen Konfusionen führen, die ihren eigenen Reiz haben. Am schönsten, wenn im Zustand größten Glücks die Tränen fließen.


                                                                                                 MAGDEBURG KOMPAKT 6. Jg., 2. Ausgabe Juni 2017 


Anders als die Alten sungen, twittern nun die Jungen 

Gerald Wolf

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

 Nicht irgendein Griesgram war das, der sich auf diese Art überm Gartenzaun hinweg über die heutige Jugend verbreitet. Auch ist mit „heutzutage“ nicht das Heute von heute gemeint, sondern das von vor zweieinhalb tausend Jahren. Und kein Irgendwer hat das gesagt, nein, Sokrates war das! Auch ist Sokrates kein Griesgram gewesen, gebeugt vom Alter, der den Jugendlichen ihre Jugend missgönnte. Im Gegenteil, immer zu einem guten Gespräch bereit, lebte Sokrates mit und von seinen Schülern, erklärte ihnen, wie er als Philosoph das Leben versteht, wurde von ihnen geachtet, ja hoch verehrt. Und dennoch dieser Pessimismus! Tatsächlich ging es bald darauf mit dem Wohlstand im antiken Athen bergab, und das hatte Sokrates aus dem Verhalten der seinerzeitigen „heutigen Jugend“ herausgelesen.

Die "heutige Jugend"

Bei weitem haben nicht alle das Zeug zu einem Sokrates, die so über die „heutige Jugend“ reden. Doch hört man es oft. Auch früher war das so. Über alle Generationen hinweg gibt es eine Neuauflage des uralten Kräftespiels zwischen Alt und Jung, zwischen konservativ und progressiv. Die einen wollen bewahren, was sie für erprobt und bewahrenswert halten, die anderen sind des Alten (und der Alten?) überdrüssig und suchen nach neuen Wegen und Ufern. Wenn mit Erfolg, dann mag damit ein großer Fortschritt verbunden sein. Gesellschaften, denen solches Fortschrittspotenzial abhandenkommt, werden bald abgehängt sein. Gesetzmäßig. Das zeigt die Geschichte der Menschheit, das sagt die Gegenwart, und auch in der Zukunft wird das so sein. Es ist ein Entwicklungsprinzip. In allen möglichen Systemen lässt es sich beobachten, in der Wirtschaft und der Politik, in der Wissenschaft, Technik und Kunst, im Spiel, im Sport. Selbst im Krieg. Auch die biologische Evolution fußt auf diesem Prinzip. Sie, die Evolution, war es, die es „erfunden“ hat.

So ist der Weg vom Griffel über die Gänsefeder und die mechanische Schreibmaschine bis zum heimischen PC und Drucker gewesen, von der Quacksalberei hin zur Molekularmedizin, von der Nachbarschaftshilfe zur Sozialgesetzgebung, von einem archaischen Bakterium zur Stubenfliege oder, auf einem Nachbarzweig, hin zum Menschen.

So weit, so gut. Aber nicht unbedingt gut. Denn das Bisherige ist das jeweils Bewährte, das Neue mag in der einen Hinsicht besser sein, nicht aber in einer anderen. Gefahren können sich mit dem Neuen ergeben. Denken wir an den Segen der Benzodiazepine als Beruhigungsmittel und deren Fluch, wenn sie zur Abhängigkeit führen, an das Pro und Contra der Kernspaltung oder an die Früchte frühsozialistischen Gedankenguts und deren Korrumpierung durch kommunistische Diktaturen und Linksradikalität.

 Fast immer sind es junge Gehirne, die das Neue ausbrüten, und fast immer sind es alte, die dem Neuen skeptisch gegenüberstehen. Daraus ergibt sich eine gewisse Funktionsteiligkeit. Jugendliche Progressivität sorgt für Dynamik, die Konservativität der Gereifteren für Stabilität. Das zeigt sich unter anderem in der Hirnleistung. Entsprechende Tests ergeben, dass die Intelligenz der Jugendlichen „fluider“ ist. Beim Problemlösen wird das deutlich, im abstrakten Denken und bei der Erkennung von Mustern. Ältere Hirne hingegen verfügen über mehr „kristalline Intelligenz“ und setzen diese gegenüber jüngeren mit Vorteil ein, wenn es um Wissen und Erfahrung geht. Allerdings lässt fast immer die Motivationsstärke mit dem Alter nach, wie vieles Andere leider auch.

Was, wenn man alles Feine und Gute schon probiert hat?

Was nun, wenn es der Gesellschaft so gut geht, dass die Jungen gar keinen Veränderungsdruck spüren, was, wenn sich anstelle eines vernünftigen Verlangens nach Mehr und Besser Überdruss breitmacht? Was, wenn man als Kind und Jugendlicher alles Feine und Gute schon probiert hat, über das neueste Smartphone verfügt, oft genug auf grässlich anstrengenden alpinen Pfaden den Eltern hinterhersteigen musste und als 15- oder 17-Jähriger schon mehrmals auf Mallorca war? Was, wenn man als 13-Jähriger den ersten Sex hatte, was, wenn vom Elternhaus immer genug Geld kommt und auch kommen wird, um sich alles halbwegs Begehrenswerte leisten zu können? Ohne eigene Arbeit. Die der Eltern genügt. Auch später noch, da sich das aus dem Testament ergibt. Ja dann, also dann, dann kann schon mal ordentlich Langeweile aufkommen, eine chronische, eine pathologische, eine Langeweile, unter der man heftig leidet. Nämlich so wie unter dem Geschwätz der Anderen, die sich genauso langweilen. Einigermaßen raus verhilft der Kick. Und wenn es nur das Beschmieren von Wänden ist. Mit Botschaften, die genauso geistlos sind wie man selber ist. Für noch mehr Laune sorgt das Schreddern von Parkbänken, das Klirren von Glasscheiben oder gemeinsames Johlen und Kreischen auf dem Anmarschweg zum Fußball. Auch hilft ein wenig, wenn man den Tag elektronisch verzwitschert – „twittern“ heißt das heute. Falls einem nichts Besseres einfällt, lässt sich das Twittern auf Dauertätigkeit schalten. Was allerdings noch mehr hülfe (helfen würde, helfen täte), wäre, endlich mal ordentlich rangenommen zu werden. Wenn schon nicht von den Eltern oder der Schule oder vielleicht durch eine neu zu installierende Wehrpflicht, dann von einem Menschen, der weiß, worum es im Leben geht. Denn solcherart Menschen gibt es eben auch – immer noch und hoffentlich in aller Zukunft, junge wie alte, Frauen wie Männer –, denen der Tag zu kurz ist, um alles das zu schaffen, was sie zu schaffen wünschten.


MAGDEBURG KOMPAKT 6. Jg. 2017


Mich deuchte,

ich sei Gott

Gerald Wolf

Der Wecker tickte. Leise, aber vernehmlich. Das blöde Ding vertickte die Zeit. Zeit, von der niemand weiß, was sie eigentlich ist, die Physiker nicht und die Philosophen nicht, niemand. Doch egal, was es da zu verticken gab, es war die Spanne, die zu leben mir noch übrigblieb: tick … tick … tick … – mitleidlos.

„Der Kaffee ist fertig!“, rief es aus der Küche.

„Ja“, röchelte ich. Zwei oder drei Minuten wollte ich mir noch gönnen. Die Augen geschlossen haltend, ging es weiter mit dem Traum. Nein, ein anderer war das jetzt. Angenehme Leichtigkeit durchzog mich wieder, wie Schweben war das. Ha, tatsächlich, ich schwebte! Ich schwebte über mir und sah auf mich herunter. Einen nebligen Bergpfad ging ich entlang.

„Zeit, fragst du, du fragst, was Zeit ist?“

Eine sehr ungewöhnliche Stimme war das, durchdringend und hallend, trotzdem angenehm. Ätherisch irgendwie, erhaben.

„Zeit“, hallte es wieder, „Zeit ist das, was ich dir gegeben habe, damit du weißt, dass es mit dir hier einmal ein Ende hat.“

Mir stockte der Atem.

„Komm!“ Freundlich klang das.

„Wohin denn?“, wollte ich fragen, brachte aber kein Wort heraus. Stattdessen merkte ich, wie alles, was meinen Körper ausmachte, anfing zu verschwimmen. Ich verfloss im Nebel meiner Umgebung. Oder wurde ich eins mit dem, aus dem es so göttlich schallte? Denn er war überall. Tatsächlich, es gab keinen Unterschied mehr zwischen ihm und mir! Plötzlich begriff ich: Die Unio mystica war das, die berühmte Unio mystica! Nur einigen wenigen Menschen widerfährt so etwas, nämlich dann, wenn sie in der Tiefe ihres Gebetes meinen, in Gott aufzugehen. 

Unio mystica

Buddhistische Mönche sprechen vom Einswerden mit dem Kosmos. Untersuchungen im Hirnscanner sollen ergeben haben, dass bei solcherart Zuständen die Körperfühlsphäre im mittleren Scheitellappen des Gehirns unteraktiv wird, folglich sich die Körpergrenzen im Geiste aufzulösen beginnen. Und jetzt passierte mir dasselbe. Gewissheit beseelte mich: Es war Gott, mit dem ich verschmolz – ich werde eins in ihm, werde eins mit ihm! Und wenn, dann bin ich Gott. Zumindest ein Teil von ihm.

Zur selben Zeit wurde mir noch etwas Anderes bewusst, nämlich dass ich träumte. Ein Klartraum also. Zwar hatte ich von Klarträumen schon gehört und gelesen, wusste, dass es Menschen gibt, die wissen, dass sie träumen, wenn sie träumen. Und sie können ihre Träume sogar steuern. Jetzt war das auch mir vergönnt, großartig!

Wieder zu sprechen fähig, fragte ich, wohlahnend, wen ich da fragte:

„Wer bist du?“

Keck schien das, aber da war in mir so etwas wie ein Urvertrauen, von wegen, der da, der wird mir das nicht als Impertinenz auslegen. Und tatsächlich spürte ich in dem großen Anderen so etwas wie ein Lächeln. Oder eben, da eins mit ihm, in mir – es war mein eigenes Lächeln!

Wenn alles nur geträumt ist, sagte ich mir, dann guck dich doch mal um! Kurz noch sah ich mich über diesem nebligen Pfad schweben, dann ging es in die Höhe, langsam zunächst, bald schneller und noch schneller. Überall strahlender Sonnenschein jetzt, Ein Gebirge konnte ich erkennen, halb Deutschland mit dem dunkelblauen Band der Elbe, immer mehr von Deutschland, ganz Europa dann und schließlich die gesamte Erdkugel. Bis diese sich in einem Meer von Sternen auflöste, hernach in Massen von Galaxien. Nicht nur, dass ich am Ende das gesamte Universum vor Augen hatte, nein, ich wusste alles, was es darüber zu wissen gab. Selbst in die Seelen der Aliens von fernsten Planetensystemen konnte ich blicken, konnte mitempfinden, wie sie empfinden, mitwissen, was sie wussten und mitdenken, was sie gerade dachten. Genauso muss es Gott selber ergehen.

Langsam aber spürte ich etwas wie Ernüchterung, merkte, wie ich mich aus dem großen Anderen – aus Gott – herauslöste und schließlich wieder mein eigenes Ich wurde.

„Nun?“, fragte er.

„Dass ich jemals das Universum so erleben darf wie gerade eben!“, kam es von mir.

„Nicht das Universum, nein, du hast nur eines von unendlich vielen gesehen. Gerade mal das Universum, in das ich euch gestellt habe. Schau dich um!“

Mein Blick weitete sich, und ich sah mich in einer Art von Seifenschaum schwimmen. Jedes Bläschen war ein Universum für sich – Paralleluniversen sind das, glaubte ich zu wissen.

Ein Seifenschaum aus Paralleluniversen

„Das da, das ist alles deine Welt?“, fragte ich, gläubig und ungläubig zugleich. „Das alles hast du erschaffen?“

Ich meinte, in Gott Stolz zu verspüren. Stolz, eine derart billige menschliche Regung? Sofort hakte ich nach:

„Und wer hat dich erschaffen? Und wann? Und wozu?“

Anstelle einer Antwort zoomte es mich zurück in Richtung unseres eigenen Kosmosbläschens, die Erde tauchte wieder auf, ihre Meere, Wälder, Wüsten, Städte und Dörfer. Einzelne Bäume sah ich und Menschen und Autos. Wie bei „Google Earth“ kam es mir vor, nur dass sich die Vergrößerung ins Beliebige steigern ließ. Eine Birke tauchte vor meinen Augen auf. Ihre Blätter sah ich, bald darauf, wie unter einem Mikroskop, einzelne Zellen, innerhalb der Zellen die Chloroplasten und schließlich, wie die Chlorophyllmoleküle in den hauchzarten Membranstapeln der Thylakoide herumzappelten.

Menschen wollte ich jetzt sehen, und sogleich passierte es. Nicht nur in ihrer Körperlichkeit waren sie zu erkennen, vielmehr noch konnte ich miterleben, was der Geist dieser Menschen in den Sphären ihrer Gehirne gerade produzierte. Auch sah ich Menschen, die längst verblichen sein mussten. Goethe zum Beispiel. Da saß er in seinem Stuhl, altersfett geworden, eine Flasche Rotwein vor sich, müde und halb betrunken. Doch trachtete er noch immer, neue Verse zu schmieden. Gleich darauf erschien er mir als junger schneidiger Reitersmann auf dem Wege ins Elsass. Zu seiner Angebeteten drängte es ihn, zu Frederike Brion. Eine andere Frau, auffällig gutaussehend, saß da und schmiedete Ränke. Um einen Typen ging es, der von ihr abgetrünnt war. – „Abtrünnen“, gibt es das Verb überhaupt, fragte ich mich, und sofort erklang Gottes Stimme:

„Wie du weißt, werden Menschen nicht nur abtrünnig von mir, sondern auch voneinander.“

„Das ist für die Betroffenen sehr ärgerlich. Geht dir das auch so?“

„Ärgern, ob ich mich ärgere? Ärger ist ein Gefühl, eines von denen, wie ich sie den Menschen gegeben habe. Ich aber bin kein Mensch, habe keine Gefühle und weder Augen noch Ohren noch einen Bart. Wozu sollte ich so was haben wollen? Einen Bart, einen Jahrtausende alten, tragen gerade mal die Geschichten, die ihr über mich erzählt. In denen zürne ich, wie ihr Menschen zürnt, liebe ich, wie ihr Menschen liebt, oder ich empfinde Freude über eure Lobpreisungen, so wie ihr Menschen es tut, wenn ihr von anderen gelobt und gepriesen werdet. Wie ihr mich doch missversteht, mich, den Erschaffer der unendlich vielen Welten, all ihrer Regeln und Gesetze, mich, den Schöpfer all der einzelnen Wesen, so auch von dir! Wollte ich ein Mensch sein, dann wären mir doch eher jene sympathisch und interessant, die an meiner Existenz zweifeln. Je klüger ich die Menschen gemacht habe, umso skeptischer sind sie geraten. Und umso mehr noch gilt das für die Wesen in den euch fernen Galaxien, für die ihr wasserflohartig dumm seid.“

„O Gott!“, entfuhr es mir. Wieder musste ich daran denken: Ein Klartraum war das! Da sollte ich doch noch mal genauer nachfragen:

„Ähm, wer eigentlich bist du? Und woraus?“

„Ich bin Geist, ich bin materiefreie Information. Sie ist ewig, ich bin ewig, und die Materie ist mein Produkt. Nichts anderes als eine Hervorbringung der Information, wie ihr sie als Grundkräfte der Physik kennt und als Naturkonstanten. All diese von mir erzeugten Größen durchweben meinen Schöpfungsraum und formen die Energiefelder, aus denen sich das Stoffliche ergibt. Das alles erschaffe ich aus dem Nichts. Ich forme das Erschaffene um, mache Neues daraus oder entlasse es wieder in das Nichts. Nichts gäbe es, wenn es mich nicht gäbe, mich, die materiefreie Information. Ganz gleich, wie ihr sie nennen wollt, wie ihr mich nennen wollt: ‚Weltgeist‘, ‚Weltseele‘, ‚Brahma‘, meinethalben auch ‚Gott‘. Niemandem gestatte ich zu begreifen, wer ich bin, was diese an nichts gebundene Information eigentlich ist. Niemandem, auch den Klügsten in den fernsten Universen nicht.“

„Eins noch bitte, bitte sag, wer hat dich denn erschaffen? Wann und warum? Und wozu überhaupt und, äm, …?

„Dein Kaffee wird kalt!“, rief es aus der Küche.

Wie gelähmt lag ich da. 


MAGDEBURG KOMPAKT 6. Jg. 2017, Nr. 92. 2. Ausgabe April. S. 25


Schwarmintelligenz und Schwarmdummheit

Gerald Wolf 

Nicht nur wir Menschen lieben die Geselligkeit, sämtlichen Primaten und vielen anderen Säugetieren geht es genauso. Auch manchen Arten von Vögeln, Fischen und Insekten. Welch Schauspiel, wenn sich die Stare im Herbst zu Tausenden und Abertausenden zum Wegzug versammeln und ihre Schwärme ständig wechselnde Muster in den Abendhimmel weben! Immer aufs Neue abrupte Richtungswechsel einzelner, viele folgen, andere nicht: Der Schwarm teilt sich. Wieder vereinigt, werden neue Ausbrüche versucht. Niemand führt bei dem Reigen Regie, auch nicht, wenn es dann hinunter zu den Schlafbäumen geht. Ein paar Vögel fangen damit an – und fliegen wieder auf, weil die Anderen nicht folgen. Bald versuchen es die nächsten, bis schließlich die gesamte Vogelschar unter lautem Gezwitscher und Gekreisch dicht an dicht im Gezweig der Bäume hockt. Auch hier wieder gibt es keinen Anführer, der ihnen sagt, welche Bäume dafür zu nutzen sind und welche nicht.

Der Mensch als Schwarm

Zwar verwendet jeder von uns Menschen den eigenen Verstand, solange es um persönliche Belange geht, in der Masse aber, in der Großgruppe, in der anonymen Schar, neigen wir dazu, uns an den Anderen zu orientieren. Schwarmverhalten eben. Der Begriff wurde, wennschon augenzwinkernd, aus der Verhaltensbiologie der Tiere übernommen. Mode-Erscheinungen lassen sich damit erklären, das Wahlverhalten gegenüber politischen Parteien und überhaupt alles Mögliche, was den eigenen Kenntnisstand übersteigt und dennoch zu einer bestimmten Haltung herausfordert. Devise: Was die meisten denken und machen, kann so falsch nicht sein, zumindest nicht völlig falsch.

Stimmt auch, meistens. Man spricht von „kollektiver Intelligenz oder von „Schwarmintelligenz“. Die Fortschritte in der Technik, in der Wissenschaft und Medizin sind heute mehr denn je als Leistungen von jeweils Vielen zu werten. Die Kumulation von Wissen und Erfahrungen, von Können und Ideen führt zu Ergebnissen, zu denen ein Einzelner nur in Ausnahmefällen fähig ist. Die Vorteile der kollektiven Intelligenz lassen sich mit speziellen Tests belegen. Aber auch das Gegenteil: Bei allgemeiner Unsicherheit wird von der Mehrheit gern auf Meinungen jener gehört, die sich als Bescheid- und Besserwisser hervortun, selbst wenn es dafür kaum sachliche Gründe gibt. Im praktischen Leben können aus solcher Leichtfertigkeit Fehlentscheidungen riesigen Ausmaßes folgen. Ein jeder weiß darum, und wir, Wesen mit hierarchisch organisierter Sozialstruktur, lechzen geradezu nach verlässlichen Führungsfiguren.

Eine hirnamputierte Elritze

Der Zoologe Erich von Holst (1908 - 1962) hatte in den 1940er Jahren zum Schwarmverhalten ein Experiment an Elritzen durchgeführt, einem kleinen, lebhaften Karpfenfisch. Durch Konrad Lorenz (1903 – 1989), einem der bedeutendsten Verhaltensbiologen und einem der großen Seher des vorigen Jahrhunderts, ist es geradezu berühmt geworden (in: „Das sogenannte Böse“):

 „Er [von Holst] operierte einem einzelnen Fischchen dieser Art das Vorderhirn weg, und in diesem stecken … alle Reaktionen des Schwarmzusammenhaltes. Die vorderhirnlose Elritze sieht, frißt und schwimmt wie eine normale, das einzige Verhaltensmerkmal, durch das sie sich von einer solchen unterscheidet, besteht darin, daß es ihr egal ist, wenn sie aus dem Schwarm herausgerät und ihr keiner der Genossen nachschwimmt. Ihr fehlt daher die zögernde Rücksichtnahme des normalen Fisches, der, auch wenn er noch so intensiv in bestimmter Richtung schwimmen möchte, sich doch schon bei den ersten Bewegungen nach den Schwarmgenossen umsieht und sich davon beeinflussen lässt, ob ihm welche folgen und wieviele. All dies war dem vorderhirnlosen Kameraden völlig egal; wenn er Futter sah, oder aus sonstwelchen Gründen wohin schwimmen wollte, schwamm er entschlossen los und siehe da – der ganze Schwarm folgte ihm. Das operierte Tier war eben durch seinen Defekt eindeutig zum Führer geworden.“

Zurück nach vorn zum Menschen

Wie, fragt man sich und das womöglich mit einer Spur von Häme, wie nun sieht es denn mit den Anführern unserer eigenen Spezies aus? Natürlich verdankt keiner von ihnen seinen Erfolg einem groben Hirndefekt. Dennoch mag dem Einen oder Anderen eine psychopathische Tendenz hilfreich zur Seite stehen. Nicht nur sind solche Menschen als Straftäter in den Gefängnissen zu finden, nein, manipulativ besonders begabt besiedeln auch die Chefetagen, sie sind in der Werbebranche zuhause, auf den Bühnen der Unterhaltungsindustrie und wohl ebenso in der Politik. Die Erfolgreichsten unter ihnen zeichnen sich durch eine hohe Intelligenz aus, durch Charme, Pathos, Geschwätzigkeit, laxen Umgang mit Fakten und: Sie haben keine sonderlichen Probleme mit Gewissensbissen. Ihre Rücksichtslosigkeit sei es, was ihnen im Wettbewerb mit Anderen einen Vorteil verschaffe, meint Robert D. Hare, ein kanadischer Kriminalpsychologe, der als einer der Begründer der moderneren Psychopathie-Forschung gilt. Hare geht davon aus, dieser spezielle Menschentyp verdanke seine Erfolge ganz wesentlich einem Mangel an Empathie. Neuere Befunde hingegen scheinen zu belegen, dass psychopathisch „Begabte“ durchaus mit Anderen mit-fühlen können, sie daher auch sehr gut zu manipulieren vermögen, ohne aber (und das unterscheidet sie von den normalen Menschen) mit ihnen mit-leiden zu müssen. Untersucht man sie in einem Gehirn-Scanner, währenddessen ein Film demonstriert, wie jemandem in derb schmerzhafter Weise ein Finger umgebogen wird, passiert in dem Hirnareal, das für Mit-Leiden zuständig ist, auffällig wenig. Die Rigorosität psychopathisch Veranlagter wird von Anderen gern als Stärke angesehen, viele zollen ihnen hohen Respekt, ja Verehrung. Einige im Schwarm der Anonymen „schwärmen“ geradezu für solche Art von Führungspersönlichkeiten – Schwarmdummheit eben.

So manches, was die Erfolge von Schwarmführern mit psychopathischem Einschlag ausmacht, wird anderweitig gern übernommen: Charme, Pathos, Geschwätzigkeit, laxer Umgang mit Fakten. Überhaupt Fakten – Gleich ob es sich um Autos, Waschmittel, Umweltschutz oder um politische Argumente  handelt, sie werden in ihrer Wirksamkeit überschätzt. Der Erwerb von Faktenwissen ist mühsam, Geschwätz tut’s auch, oft sogar besser* ). Die anstehende Bundestagswahl wird es zeigen: Je näher der Termin, umso simpler die Botschaften!

* ) Kürzlich wurde damit die 100-%-Marke erreicht! 

 
 
 
 
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