****       Sapere aude!         ****        
                 
Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber  ein wenig  sollten  wir   ihm schon  entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
 


Was ist der Mensch?


Erkenntnis und Glauben - und die Grenzen

veröffentlicht in:
"humanismus aktuell online" 2010, Humanistische Akademie Deutschland
- leicht modifiziert -

Wer eine Antwort versucht, merkt sofort: Die Titelfrage klingt trivial, ist es aber nicht. Immanuel Kant hatte die Frage in dieser Form gestellt, und spätestens seitdem rankt sich der Efeu philosophischer Denkart um sie. Der Mensch sei ein zoon politikon, ein soziales Wesen, heißt es mehr als zwei tausend Jahre zuvor bei Aristoteles. Zutreffend, aber nicht hinreichend, denn wir wissen heute, dass viele Tiere ebenfalls in sozialen Verbänden leben. Sämtliche Affenarten machen das so, und aus zoologischer Sicht zählen wir dazu. Nein, weit treffender sind wir über unsere hochgradigen geistigen Fähigkeiten zu definieren. Und so, sich selbst als ein kluges, weises Wesen verstehend, taufte sich der Mensch auf den Artnamen "Homo sapiens". Zweifel sind angebracht (und von intellektuellem Chic), doch kein anderes Tier hat uns diesen Eigennamen je streitig gemacht. Womöglich gibt es klügere Wesen, aber nicht hier auf diesem Planeten. Gott sei Dank. Gott? Von alters her und für alle Kulturformen nachgewiesen, glauben Menschen an überweltliche Mächte, eine Eigenschaft, mit der wir unter den Lebewesen offenbar völlig allein dastehen. Sie hat sich in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen bis zum heutigen Tag erhalten, trotz der steten Verfeinerung unseres wissenschaftlichen Weltbildes. Demografen schätzen, dass weltweit mehr als 90 Prozent der Bevölkerung an übernatürliche Kräfte glauben, bis hin zu Formen eines persönlichen, dummen, kleinen Aberglaubens, den sich - insgeheim -sogar die hellsten Köpfe leisten. Der Mensch, ein Homo religiosus?

Was aber ist es denn nun, das uns so weise macht, so viel gescheiter als sämtliche Tiere? Ein Grund liegt sofort zur Hand: die Lernbefähigung. Tatsächlich, wir sind Lernwesen par excellence. Dem Anschein nach werden wir als Tabula rasa geboren und decken durch Erfahrungen unseren Tisch nach und nach erst mit Wissen und Können. Aus einem neugeborenen Dummerjan wird so und - ganz nach dem Geschmack von sozialwissenschaftlich Denkenden - nur so ein hochbefähigtes Wesen.

Indes, die Wirklichkeit  ist komplizierter. Trotz himmelweit herausragender Lernfähigkeit ist uns Menschen viel mehr in die Wiege gelegt, als gemeinhin angenommen. Tage, Monate, Jahre nach der Geburt treten seelische und geistige Eigenschaften und Fähigkeiten zutage, die vordem nicht zu erkennen sind. Ihre Realisierung lässt auf sich warten, weil das Gehirn zur Geburtsstunde noch sehr unreif ist und, genetischem Diktat folgend, bis hin zum Erwachsenenalter sich um etwa das Vierfache entfaltet. Der Grad der Vernetzung zwischen den Nervenzellen nimmt dabei ständig zu. Nur dem äußeren Schein nach sind viele der damit aufkommenden Potenzen dem Lernen geschuldet. Angeboren, obschon oft erst weit nach der Geburt ausgeprägt, ist zum Beispiel die Palette seelischer und Sinnes-Qualitäten, der so genannten Qualia. Emotionen, wie Hass, Sympathie, Stolz, Scham, Ekel und Freude, gehören dazu, oder die Sinnesempfindungen für „Rot“ oder „Grün“, für „Laut“ oder „Kalt“, für Schmerz, Durst oder den Maiglöckchenduft. Ebenso, dass man sich nach vollbrachter Tat irgendwie gut fühlt, vielleicht auch gerade nicht. Die elementaren Gefühlsqualitäten sind - wohlgemerkt - nicht erlernbar, grundsätzlich nicht, und sie sind auch nicht lehrbar, sondern nur durch Selbsterfahrung zugänglich, durch das Erleben der ihnen jeweilig zugrunde liegenden Hirnzustände. Im Allgemeinen aber haben unsere psychische Eigenschaften eine komplexere Natur und resultieren aus einer inniglichen Verflechtung von Veranlagung und all dem, was in Lernprozessen durch Außen- und Innenerfahrung hinzukommt. Noch nicht einmal der simpelste Lernvorgang ist ohne eine entsprechende Anlage – die genetisch determinierte Lernbefähigung - möglich. Ein Maikäfer wird es bei noch so viel Dressuraufwand nie und nimmer packen, Zwei und Drei zusammenzuzählen, selbst ein Hund wäre damit überfordert. Lernen benötigt nun mal entsprechende innere Voraussetzungen, damit überhaupt gelernt werden kann. Und hinsichtlich Lernfähigkeit sind wir Menschen unschlagbar. Doch ist, von Prinziplösungen abgesehen, heute - im Konkreten (!) - noch nicht einmal der Mechanismus simpelster Lernvorgänge verstanden. Jahrzehntelang haben große Kollektive von Forschern anhand einzelner, aus wenigen Nervenzellen bestehenden Ganglien wirbelloser Tiere versucht,  den Funktionsmechnismen dieser Ensembles auf die Spur zu kommen, unter anderem denen des Lernens. Der Erfolg ist bei all dem personalen und gerätetechnischen Aufwand geradezu peinlich gering. Noch peinlicher ist, wenn da für Milliarden Euro Programme angeschoben werden, die auf das Gesamtverständnis des menschlichen Gehirns abzielen. Dass die Lernpotenz ins schier Unfassbare reicht, belegen die Gehirne von Menschen mit dem Savant-Syndrom. Ihre Fähigkeiten sind in vielen Fällen das Ergebnis von Defekten! Die Extremleistungen dieser Menschen lassen sich nicht einmal ansatzweise erklären, wir können sie nur mit Staunen quittieren.

Überzeugungen unterscheiden sich von bloßen Kenntnissen, Erfahrungen und Er-Kenntnissen dadurch, dass ein ganz persönlicher Glaube an deren Verlässlichkeit hinzukommen muss. Ein Bauchgefühl sozusagen. Wenn dieser Glaube fehlt, werden sich Überzeugungen selbst bei großem Überredungsaufwand der anderen Seite nicht einstellen, es sei denn, meisterhafte Hirnwäscher sind am Werk. Umgekehrt erweisen sich Überzeugungen gegenüber jenen Erkenntnissen, die nur im „Oberstübchen“ verankert sind, oft als viel stabiler. Davon kann sich jeder leicht ein Bild machen, wenn ihm per 3D-Technik, wie in dem bildgewaltigen Hollywood-Streifen "Avatar", die Körperlichkeit von Objekten nur vorgegaukelt wird. Bei derlei Seh-Erfahrungen durfte man bisher doch stets von deren Greifbarkeit überzeugt sein (schon als Kleinkind hatte man das zu be-greifen gelernt), und nun auf einmal: Irrtum! - Selbst dann noch schwer zu fassen, wenn man das Prinzip des binokularen Sehens gut verstanden hat. 

Die für uns Menschen so typische Ansprechbarkeit gegenüber weltanschaulichen Überzeugungen oder solchen des Glaubens fußt offensichtlich ebenfalls auf inneren Voraussetzungen. Sie verhält sich so, wie wir es auch von anderen in unserem Erbgut angelegten Verhaltensneigungen und Begabungen her kennen, oder von Krankheitsdispositionen. Dementsprechend differieren die Erkenntnis- und Glaubensfähigkeit von Mensch zu Mensch, ebenso die Neigung, sich überhaupt Gedanken der höheren Art zu machen. Der Eine tut sich mit dem Glauben schwer, und der Andere, der spirituell Begabtere, wundert sich darüber. Sicherlich sind für die Befähigung zum Glauben nicht einzelne Gene allein verantwortlich, etwa im Sinne eines „Gottes-Gens“, wie es der US-amerikanische Genetiker Dean Hamer entdeckt haben will (Hamer, D., dt.: Das Gottes-Gen; Kösel 2006. Siehe dazu Vaas, R., und Blume, M.: Gott, Gene und Gehirn; Hirzel 2009). Wie komplex das Geflecht aus den hierfür zuständigen genetischen Determinanten auf der einen Seite und den persönlichen Erfahrungen auf der anderen auch immer sein mag, für den „geborenen“ Skeptiker wird die Hinnahme von Glaubensdingen und Glaubenssätzen, wenn sie seinem Hang zur Sachlichkeit entgegenstehen, zum unüberwindbaren Problem. Der Andere hingegen setzt sich mühelos selbst über Absurditäten seiner Glaubenslehre hinweg. 

Doch, so zeigt sich landauf landab, sind zum bedingungslosen Glauben immer weniger Menschen bereit. Sie fordern für Glaubensüberzeugungen auch Glaubhaftigkeit. Was aber tun, wenn die Jahrtausende alten Welt- und Menschenbilder der Bibel denen der modernen Wissenschaften widersprechen, und die historische Wahrheit offensichtlich ebenfalls eine andere ist? Wieso soll ich, fragen sich die meisten Menschen heutzutage, an den uralten Texten von zumal fragwürdigem Ursprung festhalten, sie vielleicht sogar wörtlich nehmen und mich dann noch nicht einmal an bibelinternen Widersprüchen stoßen dürfen? Was sagen die Bibel-Exegeten von heute dazu? Und wenn sie sich sträuben, mit der Zeit mitzugehen:Wollen sie nicht anders, oder können sie nicht anders? Beides, so müssen sich all jene sagen, die sich für strategische Fragen des Glaubens in die Pflicht genommen fühlen, schmälert die Chance des Einzelnen, zum Glauben hinzufinden. Und damit die Perspektive der Kirche(n). Der Berliner Theologe Richard Schröder sieht das ähnlich (Tagesspiegel 2005):

   "Schon Augustinus hat gesagt, wo immer die Bibel zu Erkenntnissen der Wissenschaft in Widerspruch stehe, solle man akzeptieren, dass die Bibel nach der Meinung des Volkes rede und die Wissenschaft gelten lassen. Nichts sei peinlicher, als wenn ein Christ gegen eine offenkundige wissenschaftliche Tatsache zu Felde zöge."

Sein Opponent, der Molekularbiologe Jens Reich, geht weiter und behauptet im selben Interview, Religion und Wissenschaft schlössen einander aus. Hat er damit recht? Immerhin ist auch in den Wissenschaften vieles Glaubenssache. Manches hat für Wissen herzuhalten, was (noch) keines ist. Die meisten Wissenschaftler glauben an die besondere Bedeutung der wenigen Faktoren, die sie zu untersuchen gelernt haben und über die sie ihr Objekt zu erschließen versuchen, und ignorieren dabei all die anderen. Ein aktuelles  Beispiel ist die Ursachenforschung zum Klimawandel und die (mittlerweile stark politisch verbrämte) Annahme, er sei vom Menschen durch übermäßige Kohlenstoffdioxid-Produktion verschuldet. Es ist lediglich eine Hypothese und, wie sich zeigt, eine zudem schlecht belegte. Im biologischen Bereich ist die Komplexität der Einflussfaktoren ebenfalls sehr hoch, oft sind es Hunderte oder  Tausende oder gar Hundertausende. Der sichere Boden  muss hier wie da regelmäßig verlassen werden, um Hypothesen zu bilden, damit durch deren Prüfung die Erschließung der Wirklichkeit vorangebracht werden kann. Und an solche Hypothesen wird dann nicht selten mit quasi-religiöser Überzeugung geglaubt. Anders als in den Religionen (und in  der Politik) aber gibt es in der Wissenschaft keinen Wahrheitsanspruch(zumindest keinen der absoluten, der "unumstößlichen" Art). Dogmen sind daher nicht zugelassen, und "Autoritäten" verunmöglichen sich selbst, wenn sie sich als Wahrheitsapostel aufplustern. Stattdessen sind Wissenschaftler zur Skepsis verpflichtet und zum mühevollen Zusammentragen von Mosaiksteinchen, um aus ihnen unter beständiger Korrekturbereitschaft ein Abbild von der Welt zusammenzufügen. Wissenschaftliche Erkenntnisse reifen langsam und müssen oft genug neuen, besseren, weichen. Doch kommt es in der Wissenschaft kaum jemals auf den großen denkerischen Schwung an, denn nur in Ausnahmefällen führt er hin zu neuen Ufern oder doch wenigstens zu sinnvollen Kurskorrekturen.

So grenzenlos der Erkenntnisfortschritt in der Wissenschaft erscheinen mag, es gibt Bereiche, in denen er auffällig langsam vonstatten geht oder gar stagniert. Erkenntnisgrenzen werden sichtbar. Zum Beispiel dort, wo es um extrem komplexe Bedingungen geht. So lässt sich leicht nachweisen, dass ein Rechner von der Größe des für uns wahrnehmbaren (baryonischen) Alls (geschätzte 1080 Elementarteilchen) vom Urknall bis heute „nur“ etwa 10120 Operationen durchführen könnte. Und das bei der theoretischen Elementarzeit von 1023 Operationen pro Sekunde und Teilchen (seit dem Urknall vor 15 Milliarden Jahren also 1017 Sekunden), wobei, so sei zu postulieren, die Teilchen allesamt als informationsverarbeitende Instanzen in diesen kosmischen Rechner einbezogen sind. Die Überlegung stammt von dem Biophysiker Alfred Gierer (Die Physik, das Leben und die Seele; Piper 1985. Hier auch hatte er die von der wissenschaftlichen Welt ganz sicher zu Unrecht ignorierte "finitistische Erkenntnistheorie" veröffentlicht). Die von Gierer angegebenen 1080 x 1023 x 1017 = 10120 Operationen würden allein schon dazu benötigt, um alle möglichen Systemzustände von 120 vernetzten Nervenzellen mit jeweils 10 verschiedenen Funktionszuständen ein einziges Mal „durchgerechnet“ zu haben. Unser Gehirn aber verfügt nicht über hundertzwanzig, sondern über etwa hundert Milliarden  hochgradig vernetzter Nervenzellen, und diese, weil analog kodierend, verfügen über jeweils beliebig viele Funktionszustände! Die spektakulären bunten Hirnkarten, mit denen heute auch in der Öffentlichkeit gern aufgewartet wird, geben bestenfalls eine (sehr) grobe Orientierung über das Wo? und das Wann? von Hirntätigkeiten wieder. Solche Bilder verdanken ihre Entstehung der funktionellen Kernspintomografie, mit der sich Durchblutungsänderungen im Gehirn des Lebenden als Korrelat zu Funktionsänderungen erfassen lassen. Doch selbst bei theoretisch höchst möglicher Auflösung greift das „Brain Scanning“ Pixel für Pixel noch immer über jeweils Hunderttausende oder gar Millionen von Zellen hinweg. Um deren systemhaftes Mit- und Gegeneinander aber geht es, wenn das, was einen Geistesblitz ausmacht oder das Gefühl der Freude oder die bildhafte Erinnerung an einen Urlaubsort jemals wirklich verstanden werden soll. Aussichtslos also, trotz des gegenteiligen Gehabes  mancher "Gehirnversteher". Schon ein explizites Verständnis des Mit- und Gegeneinanders der Zigtausende von molekularen Operatoren innerhalb einer einzelnen Zelle kommt kaum jemals ernsthaft in Betracht. 

Grenzen der Erkennbarkeit tun sich auf, ganz besonders im Mikro- und Makrokosmischen. Quantenphysiker rütteln an liebgewonnenen "selbstverständlichen" Überzeugungen, denen von der Kausalität zum Beispiel. Oder an der Feststellung, dass Energie, mithin Materie, aus dem Nichts entstehen oder auch ins Nichts abdriften können. Und Astrophysiker resignieren, wenn wir sichere Antwort auf die Frage nach dem Anfang der Welt erheischen, oder nach der Anzahl der Universen oder was denn „vorher“ war. Indes, wenn es vor der Welt es keine Zeit gab und weder Naturkonstanten noch Naturgesetze und schon gar nicht so etwas wie eine Evolutionspotenz, woraus ist das alles entstanden? Oder erschaffen? Von Gott? Und woraus der? Oder hat sich die Materie aus dem blanken Nichts entwickelt und mit den Naturkonstanten unser All rein zufällig so "wohnlich" eingerichtet? Wir Menschen, die wir uns anheischig machen, uns selbst zu erkennen, müssen uns natürlich erst einmal fragen, was überhaupt  die Materie ist, aus der die Welt besteht. Und wir. Die Experten von heute bekennen - Quantenphysiker wiederum -, sie wüssten es nicht, zumindest nicht verlässlich. Anlass genug, mit der (naiv-)materialistischen Grundüberzeugung zu hadern. Was bislang für uns alle noch einigermaßen plausibel erschien – die Materie, eine körnige Substanz aus winzigen Kügelchen, Elementar“teilchen“ also, und diese in Kraftfelder eingebettet -, kann nicht länger so hingenommen werden. Eher scheint es wie im Wirtschafts- und Privatleben zuzugehen: Alles ist Beziehung, und zwar ausschließlich Beziehung. Oder Information. Auf die Frage, was aber dann Information eigentlich sei, antwortet so mancher Theoretiker in seiner Hilflosigkeit mit Norbert Wiener, dem Begründer der Kybernetik: „Information ist Information“. Einige von ihnen fühlen sich frei genug, für die Information, die das Universum in seiner Mikro- und Makrostruktur bestimmt, „Geist“ zu sagen, „Weltgeist“. Und woran, wenn sich die Materie so verschleiert gibt, ist dann der Materialismus festzumachen? An der Information, die mit der Festlegung der (bis heute bekannten vier) Grundkräfte der Physik und all den Naturkostanten vorgibt, wie sich die Materie zu formieren hat? Und wie ist diese Information entstanden? Woran, muss man sofort weiterfragen, an welchem Träger macht diese Information fest, wenn nicht wie im Bild der Bibel auf Tontäfelchen? An der Materie etwa, die die Information selbst organisiert? Das allerdings bedeutete, die Information genügt sich selbst. Manch einer wird bei diesem Gedanken aufspringen und sagen: "Genau das ist es, das ist Gott!"

Die Lust an der Spekulation treibt weiter und weiter: Vielleicht war diese (Ur)Information schon da, als unser Universum per Urknall entstand, nämlich herübergereicht aus Paralleluniversen? Die Ur-Information könnte im Gesamt-All schon ewig existieren und schon ewig die Geschicke der sich immerzu wandelnden, der immerzu neu entstehenden und vergehenden Universen leiten. Unter den Quanten- und Informationstheoretikern gibt es Vertreter, die für einen Informations-Erhaltungssatz plädieren. Einen, der - analog zum Energie-Erhaltungssatz - verbietet, dass Information verschwinden kann. Dann allerdings dürfte all das, was unsereiner in seinem Leben an Information hervorgebracht hat, auf ewig fortexistieren, zum Beispiel das, was man gemeinhin "Seele" nennt. Noch aufregender: Alle die Informationsteilchen, die jeder von uns produziert, jeder von uns ständig produziert,  sollten von diesem Prinzip her auf die Quelle zurückrechenbar sein, auf Sie also und die Ihren und auf mich und die Meinen. Das auch dann und in aller Ewigkeit, wenn uns einmal der - biologische - Tod beschieden sein wird.

"Amen!", drängt es zu sagen.

Wie man sieht, naiver Materialismus, naiver Naturalismus, helfen bei den letztlich alles entscheidenden Fragen nicht weiter. Wenn wir also nur vage Antworten auf die Frage haben: "Was ist die Natur?", dann gilt das schließlich auch für die Teil-Frage "Was ist der Mensch?" Um zu verstehen, was wir immerhin schon alles über die Natur und uns selbst herausgefunden haben und demnächst noch finden werden, sind und bleiben wir auf Gehirne angewiesen, die vor wenigen Millionen Jahren noch auf der Entwicklungsstufe des Schimpansen standen. Der biologische Entwicklungsstand der heutigen Menschenhirne ist noch immer auf die (Über-)Lebenspraxis in der Steinzeit abgestimmt. Immerhin erstaunlich, was sich damit  alles anfangen lässt. Der kulturellen Evolution sei es gedankt. Unsere Gehirne haben durch die modellhaften geistigen Konstrukte  und die vom Menschengehirn erfundenen technischen Apparate enorm an Potenz gewonnen, trotz der biologisch gesetzten Grenzen. Im gleichen Maße aber sind die Erkenntnisgrenzen der prinzipiellen Art deutlicher geworden, und folglich wackeln bisherige weltanschauliche Positionen. Der Naturalist ist unschlüssig geworden, wenn er sich nicht nachsagen lassen will, selber gläubig zu sein, nämlich dass er mangels Beweisen an die Nicht-Existenz einer „höheren“ Instanz einfach nur glaubt. Nolens volens mutiert er vom Atheisten zum Agnostiker. Nicht zuletzt macht uns die vom Erkenntnisfortschritt bestimmte Lebenspraxis Sorgen, nämlich, dass uns bei dem enorm herausgeforderten biologischen Unterbau der technische wie auch der soziale Überbau irgendwann einmal gründlich auf die Füße fällt. Entsprechend geschrumpft ist der Platz für den unbedingten Wissenschaftsglauben, für den realitätsblinden Szientismus. 


Und die andere Seite, die der bald mehr, bald weniger Gläubigen und die der Theologie(n)? Dort ist wenig Grund zu frohlocken, von wegen, da sieht man mal, die Wissenschaftler selber wissen’s auch nicht besser, und am Ende ist alles Glauben. Zum allergrößten Teil aber können sich die Wissenschaften auf stabile, weil prüfbare Erkenntnisse berufen, und gleichermaßen die davon ausgehenden Überzeugungen. Fakten und durch Wissenschaft gesicherte Erfahrungen und Überzeugungen mit Argumenten des Glaubens konterkarieren zu wollen, ist auf Dauer chancenlos. Für die Vertreter des Glaubens gibt es keinen besseren Weg als den, auf die Wissenschaftler zuzugehen, um sich deren Argumente zu Eigen zu machen und nicht länger damit im Konflikt zu sein. Oder im Hader mit den eigenen Kindern und Enkeln, wenn sie mit solcherlei Wissen aus der Schule kommen. Sich mit den Wissenschaften abzugeben, verlangt Bildungsanstrengung, gewiss, sie zu scheuen aber schmälert die Zukunftsfähigkeit der Welt des Glaubens, allzumal die ihrer Institutionen. Stattdessen gilt es, für welche Glaubenslehre auch immer, Wissenschaft zu integrieren und dadurch zeitgemäße Glaubensformen zu erarbeiten, solche, die auch morgen noch hinreichend viele Menschen überzeugen können. Zwar ist von derlei Absichten oft zu hören, doch wo sind die Erneuerungen und wer trägt sie der Gemeinde vor? 


Ganz gleich, wie die revidierten Glaubenslehren aussehen mögen, in einem wichtigen Punkt sind sie den Wissenschaften überlegen: im Spenden von Trost und Hoffnung und in der Sinn-Gebung. Bei aller sonstigen Tüchtigkeit der Wissenschaft, hier versagt sie, hier muss sie versagen, denn: In der Natur gibt es Sinn nur als biologisch zu verstehenden Zweck. Zwecke sind das Ergebnis eines gigantischen Selbstoptimierungsprozesses, der biologischen Evolution. Sie erstreckt sich als Kette von Ausleseprozessen über Generationen hinweg, wobei sich das jeweils Bessere gegenüber dem ohnehin schon Guten durchsetzt - automatisch sozusagen. Das gilt für den Bau und die Funktion von Molekülen, von Zellen und von Organen bis hin zum Verhalten eines Organismus und, gegebenenfalls, von sozialen Strukturen. Ein vorgegebenes Ziel als Orientierungshilfe ist nicht nötig, entsprechende Behauptungen sind als Teleologie abzuweisen. Die Frage nach einem von außen vorgegebenen Sinn, nach dem Zweck all der Zwecke, dem "Meta-Zweck" also, stellt sich allein für den suchenden, den hoffenden Menschen. Schmerzlich bewusst wird dem Nicht-Gläubigen das Fehlen eines höheren Sinns spätestens in kritischen, „schicksalsträchtigen“ Lebenssituationen. Manche von ihnen suchen dann doch noch Zuflucht in einer Trost spendenden Glaubenshaltung, andere lehnen sie als Selbsttäuschungsmanöver weiterhin ab, und das mit bitterer Konsequenz: Ihr Gehirn als „Sinn-Such- und Sinn-Erfindungsmaschine“ geht in dieser wohl wichtigsten aller Lebensfragen leer aus. Diejenigen hingegen, die - wenn auch nur gelegentlich - auf eine alles durchwaltende göttliche Ordnung setzen, werden in ihrer Religion selbst dann noch einigermaßen Zuspruch finden, wenn für sie die Grundannahme „Schöpfer“ im Verdacht steht, eine Fiktion zu sein. Doch keine Sorge: Gegen eine Widerlegung des Schöpfergedankens sind die Religionen gefeit. Allesamt. Einfach deshalb, weil die Hypothese "Gott" nicht prüfbar ist. - Gott, ein Placebo?

Gott ist das einzige Wesen, das, um zu herrschen,

noch nicht einmal des Daseins bedarf.

Charles de Baudelaire


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Was also ist der Mensch? Verlässliche Auskunft lässt sich erst dann finden, wenn die ganz großen Fragen, die „letzten“, beantwortet sind. Und dafür scheint unsere biologische Konstruktion überfordert. Vielleicht existieren auf Exo-Planeten intelligenzbegabte Lebewesen einer ganz anderen Machart,  Produkte einer Evolution, die der unseren um einige, um Hunderte oder gar Tausende von Millionen Jahren voraus sind. Die sollten wir fragen.

 
 
 
 
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