Gerald Wolf
                                                                                                                                              ***     Sapere aude!   ***                                                                                                                                                                                           Schlimm ist es um die Demokratie bestellt, wenn                                                           "politische Korrektheit" und Duckmäusertum                                                                                    das Sagen haben.
 
 

 

MAGDEBURG KOMPAKT 6. Jg. 2017


Mich deuchte, ich sei Gott

Der Wecker tickte. Leise, aber vernehmlich. Das blöde Ding vertickte die Zeit. Zeit, von der niemand weiß, was sie eigentlich ist, die Physiker nicht und die Philosophen nicht, niemand. Doch egal, was es da zu verticken gab, es war die Spanne, die zu leben mir noch übrigblieb: tick … tick … tick … – mitleidlos.

„Der Kaffee ist fertig!“, rief es aus der Küche.

„Ja“, röchelte ich. Zwei oder drei Minuten wollte ich mir noch gönnen. Die Augen geschlossen haltend, ging es weiter mit dem Traum. Nein, ein anderer war das jetzt. Angenehme Leichtigkeit durchzog mich wieder, wie Schweben war das. Ha, tatsächlich, ich schwebte! Ich schwebte über mir und sah auf mich herunter. Einen nebligen Bergpfad ging ich entlang.

„Zeit, fragst du, du fragst, was Zeit ist?“

Eine sehr ungewöhnliche Stimme war das, durchdringend und hallend, trotzdem angenehm. Ätherisch irgendwie, erhaben.

„Zeit“, hallte es wieder, „Zeit ist das, was ich dir gegeben habe, damit du weißt, dass es mit dir hier einmal ein Ende hat.“

Mir stockte der Atem.

„Komm!“ Freundlich klang das.

„Wohin denn?“, wollte ich fragen, brachte aber kein Wort heraus. Stattdessen merkte ich, wie alles, was meinen Körper ausmachte, anfing zu verschwimmen. Ich verfloss im Nebel meiner Umgebung. Oder wurde ich eins mit dem, aus dem es so göttlich schallte? Denn er war überall. Tatsächlich, es gab keinen Unterschied mehr zwischen ihm und mir! Plötzlich begriff ich: Die Unio mystica war das, die berühmte Unio mystica! Nur einigen wenigen Menschen widerfährt so etwas, nämlich dann, wenn sie in der Tiefe ihres Gebetes meinen, in Gott aufzugehen. Buddhistische Mönche sprechen vom Einswerden mit dem Kosmos. Untersuchungen im Hirnscanner sollen ergeben haben, dass bei solcherart Zuständen die Körperfühlsphäre im mittleren Scheitellappen des Gehirns unteraktiv wird, folglich sich die Körpergrenzen im Geiste aufzulösen beginnen. Und jetzt passierte mir dasselbe. Gewissheit beseelte mich: Es war Gott, mit dem ich verschmolz – ich werde eins in ihm, werde eins mit ihm! Und wenn, dann bin ich Gott. Zumindest ein Teil von ihm.

Zur selben Zeit wurde mir noch etwas Anderes bewusst, nämlich dass ich träumte. Ein Klartraum also. Zwar hatte ich von Klarträumen schon gehört und gelesen, wusste, dass es Menschen gibt, die wissen, dass sie träumen, wenn sie träumen. Und sie können ihre Träume sogar steuern. Jetzt war das auch mir vergönnt, großartig!

Wieder zu sprechen fähig, fragte ich, wohlahnend, wen ich da fragte:

„Wer bist du?“

Keck schien das, aber da war in mir so etwas wie ein Urvertrauen, von wegen, der da, der wird mir das nicht als Impertinenz auslegen. Und tatsächlich spürte ich in dem großen Anderen so etwas wie ein Lächeln. Oder eben, da eins mit ihm, in mir – es war mein eigenes Lächeln!

Wenn alles nur geträumt ist, sagte ich mir, dann guck dich doch mal um! Kurz noch sah ich mich über diesem nebligen Pfad schweben, dann ging es in die Höhe, langsam zunächst, bald schneller und noch schneller. Überall strahlender Sonnenschein jetzt, Ein Gebirge konnte ich erkennen, halb Deutschland mit dem dunkelblauen Band der Elbe, immer mehr von Deutschland, ganz Europa dann und schließlich die gesamte Erdkugel. Bis diese sich in einem Meer von Sternen auflöste, hernach in Massen von Galaxien. Nicht nur, dass ich am Ende das gesamte Universum vor Augen hatte, nein, ich wusste alles, was es darüber zu wissen gab. Selbst in die Seelen der Aliens von fernsten Planetensystemen konnte ich blicken, konnte mitempfinden, wie sie empfinden, mitwissen, was sie wussten und mitdenken, was sie gerade dachten. Genauso muss es Gott selber ergehen.

Langsam aber spürte ich etwas wie Ernüchterung, merkte, wie ich mich aus dem großen Anderen – aus Gott – herauslöste und schließlich wieder mein eigenes Ich wurde.

„Nun?“, fragte er.

„Dass ich jemals das Universum so erleben darf wie gerade eben!“, kam es von mir.

„Nicht das Universum, nein, du hast nur eines von unendlich vielen gesehen. Gerade mal das Universum, in das ich euch gestellt habe. Schau dich um!“

Mein Blick weitete sich, und ich sah mich in einer Art von Seifenschaum schwimmen. Jedes Bläschen war ein Universum für sich – Paralleluniversen sind das, glaubte ich zu wissen.

„Das da, das ist alles deine Welt?“, fragte ich, gläubig und ungläubig zugleich. „Das alles hast du erschaffen?“

Ich meinte, in Gott Stolz zu verspüren. Stolz, eine derart billige menschliche Regung? Sofort hakte ich nach:

„Und wer hat dich erschaffen? Und wann? Und wozu?“

Anstelle einer Antwort zoomte es mich zurück in Richtung unseres eigenen Kosmosbläschens, die Erde tauchte wieder auf, ihre Meere, Wälder, Wüsten, Städte und Dörfer. Einzelne Bäume sah ich und Menschen und Autos. Wie bei „Google Earth“ kam es mir vor, nur dass sich die Vergrößerung ins Beliebige steigern ließ. Eine Birke tauchte vor meinen Augen auf. Ihre Blätter sah ich, bald darauf, wie unter einem Mikroskop, einzelne Zellen, innerhalb der Zellen die Chloroplasten und schließlich, wie die Chlorophyllmoleküle in den hauchzarten Membranstapeln der Thylakoide herumzappelten.

Menschen wollte ich jetzt sehen, und sogleich passierte es. Nicht nur in ihrer Körperlichkeit waren sie zu erkennen, vielmehr noch konnte ich miterleben, was der Geist dieser Menschen in den Sphären ihrer Gehirne gerade produzierte. Auch sah ich Menschen, die längst verblichen sein mussten. Goethe zum Beispiel. Da saß er in seinem Stuhl, altersfett geworden, eine Flasche Rotwein vor sich, müde und halb betrunken. Doch trachtete er noch immer, neue Verse zu schmieden. Gleich darauf erschien er mir als junger schneidiger Reitersmann auf dem Wege ins Elsass. Zu seiner Angebeteten drängte es ihn, zu Frederike Brion. Eine andere Frau, auffällig gutaussehend, saß da und schmiedete Ränke. Um einen Typen ging es, der von ihr abgetrünnt war. – „Abtrünnen“, gibt es das Verb überhaupt, fragte ich mich, und sofort erklang Gottes Stimme:

„Wie du weißt, werden Menschen nicht nur abtrünnig von mir, sondern auch voneinander.“

„Das ist für die Betroffenen sehr ärgerlich. Geht dir das auch so?“

„Ärgern, ob ich mich ärgere? Ärger ist ein Gefühl, eines von denen, wie ich sie den Menschen gegeben habe. Ich aber bin kein Mensch, habe keine Gefühle und weder Augen noch Ohren noch einen Bart. Wozu sollte ich so was haben wollen? Einen Bart, einen Jahrtausende alten, tragen gerade mal die Geschichten, die ihr über mich erzählt. In denen zürne ich, wie ihr Menschen zürnt, liebe ich, wie ihr Menschen liebt, oder ich empfinde Freude über eure Lobpreisungen, so wie ihr Menschen es tut, wenn ihr von anderen gelobt und gepriesen werdet. Wie ihr mich doch missversteht, mich, den Erschaffer der unendlich vielen Welten, all ihrer Regeln und Gesetze, mich, den Schöpfer all der einzelnen Wesen, so auch von dir! Wollte ich ein Mensch sein, dann wären mir doch eher jene sympathisch und interessant, die an meiner Existenz zweifeln. Je klüger ich die Menschen gemacht habe, umso skeptischer sind sie geraten. Und umso mehr noch gilt das für die Wesen in den euch fernen Galaxien, für die ihr wasserflohartig dumm seid.“

„O Gott!“, entfuhr es mir. Wieder musste ich daran denken: Ein Klartraum war das! Da sollte ich doch noch mal genauer nachfragen:

„Ähm, wer eigentlich bist du? Und woraus?“

„Ich bin Geist, ich bin materiefreie Information. Sie ist ewig, ich bin ewig, und die Materie ist mein Produkt. Nichts anderes als eine Hervorbringung der Information, wie ihr sie als Grundkräfte der Physik kennt und als Naturkonstanten. All diese von mir erzeugten Größen durchweben meinen Schöpfungsraum und formen die Energiefelder, aus denen sich das Stoffliche ergibt. Das alles erschaffe ich aus dem Nichts. Ich forme das Erschaffene um, mache Neues daraus oder entlasse es wieder in das Nichts. Nichts gäbe es, wenn es mich nicht gäbe, mich, die materiefreie Information. Ganz gleich, wie ihr sie nennen wollt, wie ihr mich nennen wollt: ‚Weltgeist‘, ‚Weltseele‘, ‚Brahma‘, meinethalben auch ‚Gott‘. Niemandem gestatte ich zu begreifen, wer ich bin, was diese an nichts gebundene Information eigentlich ist. Niemandem, auch den Klügsten in den fernsten Universen nicht.“

„Eins noch bitte, bitte sag, wer hat dich denn erschaffen? Wann und warum? Und wozu überhaupt und, äm, …?

„Dein Kaffee wird kalt!“, rief es aus der Küche.

Wie gelähmt lag ich da. 


MAGDEBURG KOMPAKT 6. Jg. 2017, Nr. 92. 2. Ausgabe April. S. 25


Schwarmintelligenz und Schwarmdummheit

Gerald Wolf 

Nicht nur wir Menschen lieben die Geselligkeit, sämtlichen Primaten und vielen anderen Säugetieren geht es genauso. Auch manchen Arten von Vögeln, Fischen und Insekten. Welch Schauspiel, wenn sich die Stare im Herbst zu Tausenden und Abertausenden zum Wegzug versammeln und ihre Schwärme ständig wechselnde Muster in den Abendhimmel weben! Immer aufs Neue abrupte Richtungswechsel einzelner, viele folgen, andere nicht: Der Schwarm teilt sich. Wieder vereinigt, werden neue Ausbrüche versucht. Niemand führt bei dem Reigen Regie, auch nicht, wenn es dann hinunter zu den Schlafbäumen geht. Ein paar Vögel fangen damit an – und fliegen wieder auf, weil die Anderen nicht folgen. Bald versuchen es die nächsten, bis schließlich die gesamte Vogelschar unter lautem Gezwitscher und Gekreisch dicht an dicht im Gezweig der Bäume hockt. Auch hier wieder gibt es keinen Anführer, der ihnen sagt, welche Bäume dafür zu nutzen sind und welche nicht.

Der Mensch als Schwarm

Zwar verwendet jeder von uns Menschen den eigenen Verstand, solange es um persönliche Belange geht, in der Masse aber, in der Großgruppe, in der anonymen Schar, neigen wir dazu, uns an den Anderen zu orientieren. Schwarmverhalten eben. Der Begriff wurde, wennschon augenzwinkernd, aus der Verhaltensbiologie der Tiere übernommen. Mode-Erscheinungen lassen sich damit erklären, das Wahlverhalten gegenüber politischen Parteien und überhaupt alles Mögliche, was den eigenen Kenntnisstand übersteigt und dennoch zu einer bestimmten Haltung herausfordert. Devise: Was die meisten denken und machen, kann so falsch nicht sein, zumindest nicht völlig falsch.

Stimmt auch, meistens. Man spricht von „kollektiver Intelligenz oder von „Schwarmintelligenz“. Die Fortschritte in der Technik, in der Wissenschaft und Medizin sind heute mehr denn je als Leistungen von jeweils Vielen zu werten. Die Kumulation von Wissen und Erfahrungen, von Können und Ideen führt zu Ergebnissen, zu denen ein Einzelner nur in Ausnahmefällen fähig ist. Die Vorteile der kollektiven Intelligenz lassen sich mit speziellen Tests belegen. Aber auch das Gegenteil: Bei allgemeiner Unsicherheit wird von der Mehrheit gern auf Meinungen jener gehört, die sich als Bescheid- und Besserwisser hervortun, selbst wenn es dafür kaum sachliche Gründe gibt. Im praktischen Leben können aus solcher Leichtfertigkeit Fehlentscheidungen riesigen Ausmaßes folgen. Ein jeder weiß darum, und wir, Wesen mit hierarchisch organisierter Sozialstruktur, lechzen geradezu nach verlässlichen Führungsfiguren.

Eine hirnamputierte Elritze

Der Zoologe Erich von Holst (1908 - 1962) hatte in den 1940er Jahren zum Schwarmverhalten ein Experiment an Elritzen durchgeführt, einem kleinen, lebhaften Karpfenfisch. Durch Konrad Lorenz (1903 – 1989), einem der bedeutendsten Verhaltensbiologen und einem der großen Seher des vorigen Jahrhunderts, ist es geradezu berühmt geworden (in: „Das sogenannte Böse“):

 „Er [von Holst] operierte einem einzelnen Fischchen dieser Art das Vorderhirn weg, und in diesem stecken … alle Reaktionen des Schwarmzusammenhaltes. Die vorderhirnlose Elritze sieht, frißt und schwimmt wie eine normale, das einzige Verhaltensmerkmal, durch das sie sich von einer solchen unterscheidet, besteht darin, daß es ihr egal ist, wenn sie aus dem Schwarm herausgerät und ihr keiner der Genossen nachschwimmt. Ihr fehlt daher die zögernde Rücksichtnahme des normalen Fisches, der, auch wenn er noch so intensiv in bestimmter Richtung schwimmen möchte, sich doch schon bei den ersten Bewegungen nach den Schwarmgenossen umsieht und sich davon beeinflussen lässt, ob ihm welche folgen und wieviele. All dies war dem vorderhirnlosen Kameraden völlig egal; wenn er Futter sah, oder aus sonstwelchen Gründen wohin schwimmen wollte, schwamm er entschlossen los und siehe da – der ganze Schwarm folgte ihm. Das operierte Tier war eben durch seinen Defekt eindeutig zum Führer geworden.“

Zurück nach vorn zum Menschen

Wie, fragt man sich und das womöglich mit einer Spur von Häme, wie nun sieht es denn mit den Anführern unserer eigenen Spezies aus? Natürlich verdankt keiner von ihnen seinen Erfolg einem groben Hirndefekt. Dennoch mag dem Einen oder Anderen eine psychopathische Tendenz hilfreich zur Seite stehen. Nicht nur sind solche Menschen als Straftäter in den Gefängnissen zu finden, nein, manipulativ besonders begabt besiedeln auch die Chefetagen, sie sind in der Werbebranche zuhause, auf den Bühnen der Unterhaltungsindustrie und wohl ebenso in der Politik. Die Erfolgreichsten unter ihnen zeichnen sich durch eine hohe Intelligenz aus, durch Charme, Pathos, Geschwätzigkeit, laxen Umgang mit Fakten und: Sie haben keine sonderlichen Probleme mit Gewissensbissen. Ihre Rücksichtslosigkeit sei es, was ihnen im Wettbewerb mit Anderen einen Vorteil verschaffe, meint Robert D. Hare, ein kanadischer Kriminalpsychologe, der als einer der Begründer der moderneren Psychopathie-Forschung gilt. Hare geht davon aus, dieser spezielle Menschentyp verdanke seine Erfolge ganz wesentlich einem Mangel an Empathie. Neuere Befunde hingegen scheinen zu belegen, dass psychopathisch „Begabte“ durchaus mit Anderen mit-fühlen können, sie daher auch sehr gut zu manipulieren vermögen, ohne aber (und das unterscheidet sie von den normalen Menschen) mit ihnen mit-leiden zu müssen. Untersucht man sie in einem Gehirn-Scanner, währenddessen ein Film demonstriert, wie jemandem in derb schmerzhafter Weise ein Finger umgebogen wird, passiert in dem Hirnareal, das für Mit-Leiden zuständig ist, auffällig wenig. Die Rigorosität psychopathisch Veranlagter wird von Anderen gern als Stärke angesehen, viele zollen ihnen hohen Respekt, ja Verehrung. Einige im Schwarm der Anonymen „schwärmen“ geradezu für solche Art von Führungspersönlichkeiten – Schwarmdummheit eben.

So manches, was die Erfolge von Schwarmführern mit psychopathischem Einschlag ausmacht, wird anderweitig gern übernommen: Charme, Pathos, Geschwätzigkeit, laxer Umgang mit Fakten. Überhaupt Fakten: Gleich ob es sich um Autos, Waschmittel, Umweltschutz oder um politische Argumente  handelt, sie werden in ihrer Wirksamkeit überschätzt. Der Erwerb von Faktenwissen ist mühsam, Geschwätz tut’s auch, oft sogar besser* ). Die anstehende Bundestagswahl wird es zeigen: Je näher der Termin, umso simpler die Botschaften!

* ) Kürzlich wurde damit die 100-%-Marke erreicht! 

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