****       Sapere aude!         ****        
                 
Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber ein wenig sollten wir   ihm schon entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
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Gerald Wolf, Gastautor / 06.03.2018. Foto: Bildarchiv Pieterman  

Was mit Rotlicht und Medien

Medien – wie selbstverständlich denkt man dabei an Presse, Funk und Fernsehen und, vor allem, an Politik. Das mit der Lügenpresse fällt einem ein, mit der Lückenpresse dann, man denkt an „Mainstream“, den der Guten, und an die Hatz auf die Gar-nicht-Guten. Bald auch kreisen die Gedanken um Hetze, Zwangsfinanzierung und Quotenterror, um Machtkartelle und Staatsfernsehen, um Qualitätsmedien und alternative Medien, und darum, wie sich die Mächtigen und die Ohnmächtigen gegenseitig kloppen. „Medien“ – das lässt an Manipulation durch Informationssiebung denken, an Fake-News, an Medienangst und Medienschelte, an Löschungen, und an Heiko Maas. Medienpolitik eben. Indes, ohne Medien erführen wir gar nichts über die Welt, weder etwas über deren Wirklichkeit, noch was von ihr verschwiegen oder über sie gelogen wird.

Medien und Medium

Von Medien gibt es auch einen Singular: Medium (lat. zur Mitte gehörend, späterhin so viel wie Mittel, Vermittlungsstoff). Ein Medium ist – zum Beispiel –, wer auserwählt erscheint, Botschaften von übernatürlichen Wesen zu vermitteln, von Geistern, von Menschen, die tot sind. Vielmehr aber ist der Begriff Medium in einem ganz allgemeinen Sinne zu verstehen, nämlich als ein Agens, das irgendetwas zu vermitteln imstande ist, Informationen zum Beispiel oder stoffliche Reaktionen. Hiernach ist nahezu alles Medium – die Luft, das Licht, das Wasser, das Blut, der Saft innerhalb unserer Zellen und der draußen herum. Ebenso die Moleküle, die darin schwimmen. Ohne ein wie auch immer geartetes Medium würden wir keinerlei Botschaften empfangen können, weder aus der Außenwelt noch aus dem Körperinneren. Wir erführen nichts, noch nicht einmal Falschmeldungen.

Licht brauchen wir als Medium, um etwas zu sehen, das Medium Luft, um etwas zu hören, elektromagnetische Schwingungen, um fernzusehen oder fernzuhören, und Nervenbahnen, um das, was unsere Sinnesorgane vermelden, in sinnliche Erfahrung zu verwandeln. Selbst innerhalb des Gehirns passiert nichts ohne Medien: Ionen dienen als Medium, um an den Zellgrenzen elektrische Ströme fließen zu lassen und mit ihnen Informationen zu kodieren, Signalmoleküle sind das Medium, um Informationen von Zelle zu Zelle zu vermitteln. Auch innerhalb der Zellen bedarf es spezieller Signalmoleküle. Ohne solche medialen Faktoren könnten wir weder fühlen noch denken, weder von innen noch von außen her etwas wahrnehmen, weder flunkern noch an Geflunkertes glauben.

Verzerrungen

Jeder kennt das: Man träumt, und solange der Traum anhält, ist man von der Wirklichkeit des Geträumten überzeugt. Mit dem Aufwachen aber wird sofort klar, Quatsch war das, bestenfalls verzerrte Realität! Naturwissenschaftlich betrachtet, mag unser Gehirns mit seinen Medien und Mechanismen durchaus korrekt gearbeitet haben, heraus aber kam Unsinn.  

Derzeit kann niemand sagen, wie so etwas möglich ist, das Denken und Fühlen, das mentale Spinnen. Überhaupt Subjektivität. Wahnkranke bleiben von der Wahrhaftigkeit ihrer „gefaketen“ Welt überzeugt, selbst wenn diese völlig absurd ist. Ähnliches bei Menschen, die ganz Unglaubliches glauben, gleich ob es sich um Religionen, Aberglauben oder Ideologien handelt.

Es gibt Menschen, die geradezu alles glauben, was ihnen Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen bieten. Besonders leicht dann, wenn es in ihre vorgeprägten Denkmuster passt. Werden sie mit einer gegenteiligen Nachricht konfrontiert, oder haben sie ein Erlebnis, was sie an ihrer bisherigen Überzeugung zweifeln lassen müsste, ignorieren sie das einfach. Man spricht von selektiver Wahrnehmung. Allerdings handelt es sich hierbei um ein ganz allgemeines Prinzip, dem jeder von uns unterworfen ist. Ansonsten würden wir von Informationen und von Zweifeln über deren Richtigkeit überschwemmt – wir würden ver-zweifeln. Es ist, als ob in unsere Wahrnehmungsapparate spezielle Filter eingebaut wären, die große Teile der Wirklichkeit aussperren, andere aber verstärken.

Gefilterte Wahrnehmung

Halten Sie sich, verehrte Leserin, verehrter Leser, ein gelbes Filterglas vor das Auge, und Ihre Welt wird gelb! Die blauen Anteile des Spektrums sind dann so gut wie ausgeblendet, auch das Rot und das Grün. Entsprechendes passiert bei einem grünen, blauen oder roten Filter – alles sieht grün aus oder blau oder rot. Ganz ähnlich lassen sich Audiogeräte so einstellen, dass die Bässe im Vordergrund stehen und die hohen Töne kaum noch durchkommen. Umgekehrt bei Altersschwerhörigkeit, da bringen Hörgeräte die hohen Töne wieder zum Klingen. Dann auch ist draußen in der Natur auf einmal wieder das „Di-di-di-d-i-di-srieh“ der Goldammer zu vernehmen, sogar das Gewisper der Goldhähnchen, die im Gezweig über uns herumturnen.

Oder denken wir an die Marter auf dem Zahnarztstuhl, wenn uns eine Spritze ins Zahnfleisch gerammt wird. Wie seltsam dann: Der Zahnschmerz verliert an Heftigkeit und schwindet schließlich ganz, und das Zahnfleisch, die Wange, die Lippen werden gefühlstaub. Noch krasser: Während einer Allgemeinanästhesie, einer Narkose, oder nach einem heftigen Schlag auf den Kopf kriegen wir von der Welt überhaupt nichts mehr mit. Obwohl die äußeren Medien ständig Informationen aussenden, sind die inneren blockiert und – die Wahrnehmung ist gleich null, wir sind wie tot. 

Ein Stich ins Rote

Wer Gemütlichkeit will, sorgt für „warme“ Töne, alles soll ins Gelbliche und Rote getaucht sein. Die Bevorzugung der langwelligen Spektralanteile rührt womöglich aus grauen Vorzeiten her, von der Gemütlichkeit am Lagerfeuer. Nicht lange, nachdem uns die Welt mit diesem warmen Licht eingefangen hat, erscheint uns diese als ganz normal. Das Papier auf dem Tisch ist weiß, so wie Papier eben auszusehen hat, und der Gesichtsfarbe der Personen um uns herum fehlt es nicht an Natürlichkeit. Ein Foto aber beweist: Alles hat einen Stich ins Rote, das Papier auf dem Tisch, ebenso Bernd, Julia und Ines – Rotgesichter halt.

Handelt es sich um eine Kellerbar und steigen wir die paar Stufen hoch ins Helle, dann empfängt uns draußen die grelle Wirklichkeit. Kehren wir ihr wieder den Rücken, wird sofort klar, wie künstlich doch diese rotgefilterte Welt ist. Ähnliches kennen wir von der Sonnenbrille her. Beim Aufsetzen bemerkt man sogleich das veränderte Spektrum, überraschend schnell aber sind wir adaptiert, und alles wirkt wieder ganz normal.

Eine Metapher?

Jawohl! Denn auch die politischen Parteien arbeiten mit Farben, mit Symbolfarben. Je nachdem, welcher der Parteien wir zugetan sind, bevorzugen wir den einen Spektralbereich oder den anderen. Als ob man eine spezielle Brille aufhätte. Welche Spektralanteile sie durchlässt, entscheiden die „da oben“ und vermitteln das über die mit ihnen verbundenen Medien „nach unten“. So auch, ob neue farbliche Nuancen in Szene gesetzt werden und welche. Wenn sich solcherart Aufsehertum auf ein ganzes Volk ausrichtet, dann spricht man von Demagogie, von Volksverführung. Die ist gefährlich. Weniger für die Demagogen, eher für das Volk. Kommt staatlicherseits noch Druck hinzu, dann öffnet sich der Weg in die Diktatur. Und die ist noch gefährlicher. Für beide Seiten dann.


 
 
 
 
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