Sapere aude!                                                                                                                                               Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!– forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber  ein wenig  sollten  wir   ihm schon  entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
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TEXTE


Redeflüsse                                                             4.Jg. 2015, Nr.40, S.7

„Reden ist Silber, Schweigen Gold“. Vermutlich stammt der Spruch von jemandem, dem nicht genug einfiel, worüber er hätte sprechen können oder sollen. Die Nagelprobe bringt die Dürftigkeit des Spruchs an den Tag: „Redlichkeit ist Silber, Schweigsamkeit Gold“! Denn derjenige gilt als redlich, dessen Rede mit dem übereinstimmt, was er denkt und tut. Der Schweigsame hingegen macht sich verdächtig, mit der Redlichkeit hinterm Berg zu halten.

 Oft wird gefragt, ob Tiere sprechen können, nie hingegen, ob sie reden können. Wenn manchem der Tiere das Sprechen nicht abzusprechen ist, wie redlich sind sie? Und wir Menschen?Sprachlich hingegen sind wir ohne jeden Zweifel dem Tier überlegen, haushoch, selbst unserem Waldi, dem klügsten aller Hunde. Das hängt mit dem menschlichen Geist zusammen. Was immer sich da in unserem Oberstübchen zusammenbraut, das drängt nach Ausfluss in Form der Sprache. Dafür gibt es in unserem Gehirn ein spezielles Sprachzentrum. Sprach-Zentrum genannt, nicht etwa Rede-Zentrum, obschon auch das recht sinnfällig wäre.

 Jeder von uns kennt Menschen, die wegen einer Sprech-Störung nicht mehr sagen können, was sie sagen wollen, obwohl sie geistig das Zeug zur flüssigen Rede haben. Andere Patienten wieder mögen ebenfalls klaren Geistes sein, sie reden und reden, die Wörter aber werden von ihnen verdreht oder verwechselt, ständig erfinden sie neue, und ihre Rede ist bald mehr, bald weniger auffällig sinnentleert. In beiden Fällen handelt es sich um Aphasie, um eine durch Krankheit oder Unfall erworbene Sprachstörung. Schlaganfall ist die häufigste Ursache. Im ersten Beispiel mochte allein das motorische Sprachzentrum betroffen sein, im zweiten eine nach dem deutschen Neurologen Wernicke benannte Region innerhalb desselben Zentrums.  

 Ein Schelm, der da meint, er kenne Menschen mit einem beträchtlichen, wiewohl sinnentleerten Redefluss, ohne dass je von einem Unfall oder einer entsprechenden Krankheit die Rede gewesen wäre. 


Guten Appetit!                                                       4.Jg. 2015, Nr.41, S.14

Wohlerzogen ist, wer anderen Menschen Freude an der Mahlzeit wünscht. Selbst dann, wenn diese ihren Appetit aus gesundheitlichen oder kosmetischen Gründen besser im Zaum halten sollten. Appetitus bedeutet im Lateinischen svw. „Verlangen“. Das Verlangen nach Nahrung wird durch ein kompliziertes Regelwerk gesteuert und vom Appetitszentrum unseres Gehirns überwacht. Haben wir gerade eine Klappstulle gefuttert oder eine Tafel Schokolade, klettert der Insulingehalt im Blut, und das Appetitszentrum legt sich schlafen. Umgekehrt klettert bei niedrigem Insulin-Blutspiegel der Appetit. Leptin, ein von den Fettzellen gebildetes Hormon, drosselt ebenfalls den Hunger. Anders das 1999 entdeckte Hormon Ghrelin. Produziert von der Schleimhaut des leeren Magens, treibt es das Hungergefühl in die Höhe. Also: Statt das teure Pulver zu kaufen, das uns kurz vor der Tagesschau immer aufs Neue von einer appetitlichen Strandläuferin mit Schlabberhund eingeredet wird, den Magen kostengünstiger mit Getränken blähen (natürlich nicht mit solchen, an die Sie jetzt denken)!

Von Appetit reden wir auch, wenn ein Mitglied einer Gruppe von Gender-Typen (früher einfach „Frau“ bzw. „Mann“ genannt) das Bedürfnis nach einem engeren Kontakt zu einem Mitglied einer anderen solchen Gruppe verspürt. In Gender-Gruppen, die durch Besitz von Y-Chromosom und Hoden gebrandmarkt sind, spricht man z. B. gern von „appetitlichen“ Rundungen. Auch hier wieder werkeln die Hormone: das Testosteron, das in den Hoden wie auch in Eierstöcken gebildet wird und für Regungen eher unterhalb der Tischkante sorgt, und das im Gehirn gebildete Oxytocin (Liebes- oder Kuschelhormon), das sich vorzugsweise an die höheren Etagen wendet.

Glattes Gegenteil zu Appetit ist Ekel. Er wird in der „Insula“ erzeugt, einem Hirnrindengebiet im Bereich der Schläfe. Ein fauliger Geruch, und schon rumort es dort. Ebenso, wenn eine Speise unangenehm schleimig ist oder klebrig oder breiig. Mitunter auch nennen wir Menschen „eklig“ oder „unappetitlich“, wenn sie uns nicht passen. Oder schlicht, um sie zu schmähen.

Falls es also die Sachlage rechtfertigt: Allzeit guten Appetit!


Und sie bewegt sich doch!                              4.Jg. 2015, Nr.43, S.10

Gemeint ist die Rotation unserer Landeshauptstadt. Mit wahnsinnigen 29,8 Kilometern pro Sekunde dreht sie sich mit allen ihren Magdeburgerinnen und Magdeburgern um die Sonne, in Eintracht mit der gesamten Erde. Jahr für Jahr und ohne jede Kraftanstrengung, wenn auch bei langsam abnehmender Geschwindigkeit.

Alles ist Bewegung, nirgendwo gibt es Stillstand. Auch wenn wir bloß so dasitzen, pumpt unser Herz, um das Blut durch die Adern zu pulsen, die Lungen blähen sich und schnurren wieder zusammen, wir verziehen das Gesicht, zupfen uns am Ohrläppchen, zucken mit dem Knie, und ständig haben wir etwas zu sagen oder zu quasseln oder ins Handy zu tippen. Das alles ist Sache von Muskeln. Feinste molekulare Füßchen innerhalb der Muskelzellen strampeln feinste Eiweißfäden entlang und sorgen dafür, dass sich die Zellen zusammenziehen. Auch in jeder anderen unserer etwa 200 Billionen Zellen strömt es, und zwar stets und nach einem von der Evolution ausgetüftelten Plan. Leben ist Bewegung.

Das gilt ebenso für unsere Seele. Ohne den steten Stofftransport in den Zellen unseres Gehirns wären Gedanken nicht denkbar. Auch Gefühle nicht. Molekulare Kanäle in den Zellmembranen öffnen und schließen sich und regulieren so den Durchtritt von Ionen. Wechselnde elektrische Signale sind die Folge. Diese pflanzen sich über die Zellmembranen fort, addieren („verrechnen“) sich untereinander. Das Ergebnis wird an spezialisierten Kontaktstellen, den Synapsen, zu anderen Nervenzellen unseres Gehirns transportiert. Etwa 100 Milliarden. Der Transport von Zelle zu Zelle ist Sache von Signalmolekülen, Transmitter genannt. Elektrischer und chemischer Art also ist die Sprache des Nervensystems, auch die, in der den Muskeln befohlen wird sich zusammenzuziehen. Die meisten Signale aber bleiben im Gehirn und erzeugen hier Gedanken, Gefühle oder Erinnerungen, auch Redlichkeit, kurzum: Geist.

 Trotzdem, noch mehr Bewegung ist zu erwägen! So viel, bis wir ins Schwitzen geraten, körperlich wie geistig. Das schmiert unser Getriebe, wir fühlen uns besser („Wellness“) und: Wir leben länger.


Urlaub im Urticetum                                  4. Jg. 2015, Nr. 47. S. 8

Die Tage werden länger, und stärker wird das Bedürfnis, mit der heimischen Tristesse Schluss zu machen: Mallorca und New York locken, Ahrenshoop, Bali, Garmisch, Rom und Hinterhermsdorf. Auch Kenia mit seinen Löwen und Zebras, zugucken, wie sich diese grässlichen Krokodile um ein halb aufgefressenes Gnu balgen. Oder in die Korallenwelt der Malediven eintunken. Oder in den Amazonas-Urwald. Aber warum nicht mal in das Urticetum? Das Urti... was? Die Brennnessel-Gesellschaft ist gemeint (Urtica dioica, Große Brennnessel). Jawoll, sich einfach in die Nesseln setzen, mit Lesebrille, falls zur Hand auch mit Lupe, und höchst zeit- und kostengünstig in diese vermeintlich ganz gewöhnliche Welt eintauchen. Vorsichtig natürlich. Winzige Hohlhärchen warten darauf, dass ihre Köpfchen abbrechen, sie so zur Spritzenkanüle werden, um Ameisensäure in die Haut zu injizieren. Unglaublich, was man da alles sieht, wenn auch nicht gleich auf einmal: Blattläuse, die ihre Rüssel in die Stängel bohren, Ameisen, die die Pflanzensaftsauger mit den Vorderfüßen betrillern, um überschüssigen Zucker abzumelken, goldgrün leuchtende (oder je nach Artzugehörigkeit blau- oder gelbgrüne) Rüsselkäfer, Spinnen verschiedenster Spinnenfamilien, die schwarzen Raupen des Tagpfauenauges mit ihren außerirdisch anmutenden Rückendornen, Röhrenschildläuse, die mit weißen Wachsstäbchen gepanzert sind. Und so weiter. Allein für Deutschland wird die Anzahl der Tierarten auf 40 bis 50 Tausend geschätzt! Den Vogel schießen die Hautflügler (Wespen, Bienen, Ameisen) mit etwa 11 000 Arten ab, gefolgt von den Fliegen und Mücken mit 9000 und Käfern mit 8 000. Heutzutage gibt es oft gar keine Spezialisten mehr, die sich da auskennen. Und selbst ein Käferspezialist findet sich nicht in allen, sondern nur in ein paar wenigen Käferfamilien zurecht. Manche Insektenart wartet noch darauf, entdeckt zu werden. – Appetit bekommen? Nun, Sie müssen ja nicht gleich ein Entomologe werden, aber einfach mal hin-sehen und nicht wie gewöhnlich über diese Welt hinweg-sehen. Dann noch den Fotoapparat auf „Makro“ gestellt und diese winzigen Wesen auf den Fernseher gezaubert – was für eine wundervolle Konkurrenz für all die Löwen und Zebras und Orcas und Flamingos, die sich dort gewöhnlich tummeln!

 

 

„Gesundheit!“                                                               4. Jg. 2015, Nr. 48, S. 15

ruft man, wenn jemand niest, so jedenfalls bekamen wir es als Kinder mit auf den Weg. Gesundheit, was eigentlich ist das? Einfach das Fehlen von Krankheit? Der Philosoph Friedrich Nietzsche, selbst Syphilitiker und zuletzt geistig umnachtet, brachte es auf die Formel: „Gesundheit ist dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen.“ Klingt zwar zynisch, ist aber eher ermutigend. Wer trotz Schmerzen im Kopf noch die Kundschaft bedienen kann, mit Husten oder Durchfall oder steifem Knie im Labor zu arbeiten oder Schüler zu unterrichten vermag, ist gemäß Nietzsche gesund. Die Krankenkassen könnten Milliardenbeträge einsparen, wollten sie nur diejenigen unter ihre Fittiche nehmen, die den für sie „wesentlichen Beschäftigungen“ tatsächlich nicht mehr nachgehen können. Oder sollten.

Was nicht alles tun wir, um frei von Krankheit zu bleiben. Wahre Scheußlichkeiten werden gegessen oder getrunken, weil sie vermeintlich gesund sind. Man fastet, enträtselt stapelweise Kreuzworträtsel oder nimmt körperliche Strapazen auf sich, die, wollte sie uns der Arbeitgeber abverlangen, die Gewerkschaften auf den Plan riefen oder geradewegs zur Krankschreibung führten. Andere Zeitgenossen bzw. Zeitgenießer, die liegen auf der faulen Haut, um der Gesundheit durch „Entschleunigung“ zu frönen. Aber wie das Leben nun mal so spielt, irgendwann kommen die Krankheiten trotzdem. Nicht nur die erwischt es, die sich nie sonderlich um Gesundheit bemüht haben, nein auch jene, denen gesund zu bleiben wichtiger ist als das Leben selbst. Wie tröstlich für die ersteren: Unter den Hundertjährigen finden sich kaum jemals Gesundheitsapostel, eher solche, die das Leben gelassen nehmen. Die Wissenschaft indes, die weiß es genau: Für ein langes Leben in körperlicher und geistiger Gesundheit kommt es weit mehr noch auf die rechte Kombination von Erbanlagen an, und die, leider, ist nun mal Zufall. Jedem Einzelnen von uns bleibt es überlassen, aus der ureigenen, höchst individuell zusammengewürfelten Gen-Ausstattung das jeweils Beste zu machen, z. B. eben einigermaßen vernünftig – d. h. gesund – zu leben.

Was immer das ist, ich hoffe, Sie haben dafür das richtige Händchen. In diesem Sinne: Gesundheit!

Kalliope und der Widersinn des Schönen

                                                                             4. Jg. 2015, Nr. 49, S. 18

Vor Jahrzehnten noch gehörten die Namen der neun griechischen Musen zum Kanon des bürgerlichen Bildungsideals. Heutzutage hält man von den einen wie von dem anderen nur wenig. Dafür kennen wir uns auf Gebieten aus, die vorzeiten noch nicht mal dem Namen nach bekannt waren. Das auch ist der Grund, weshalb es keine Muse des Internets und all der anderen digitalen Freuden gibt. Die klassischen Musen aber, die sind noch da. Kalliope ist die mit der schönen Stimme, die Muse der Dichtung, der Rhetorik, der Philosophie und der Wissenschaft. Mit der Wissenschaft hat sich in der Zwischenzeit viel geändert, der Wert des Schönen aber blieb weitestgehend erhalten. Eigentlich verwunderlich, da wir doch heute sehr materiell eingestellt sind und so gut wie alles dem Nützlichkeitsprinzip opfern. Das Schöne aber, das nützt nichts, es ist einfach nur schön. Genauer besehen, zeigt sich da ein Widersinn, denn alles Nützliche läuft ohnehin auf etwas Nicht-Materielles hinaus, auf etwas von der ideellen Art. Nützlich ist, was den Hunger, den Durst befriedet, den Schmerz stillt, was uns bedarfsweise wärmt oder kühlt und damit das Dasein angenehm macht, was interessant ist, uns und den anderen Freude bereitet, Ansehen verschafft, Bequemlichkeit oder Vergnügen liefert, was gesund erhält, Krankheiten heilt und damit von Unannehmlichkeiten und Sorgen befreit. Und nützlich ist, was Geld einbringt, damit wir den Hunger, den Durst ... – die Liste beginnt von vorn. Auch die Freude am Schönen gehört mit zu diesen Endzwecken. Zum Glück gibt es wie zu allen Zeiten Leute, die für das Schöne sorgen: die Künstler und die, die das Schöne schätzen.

  

Wie immer man es dreht, der alleralleroberste Endzweck läuft auf Huldigung des Limbischen Systems hinaus. Unter diesem Namen werden Hirnstrukturen zusammengefasst, die gürtelförmig (lat. limbus, der Gürtel) den Hirnstamm umfassen. Hier werden unsere Gefühle gebraut: Freude, Glück, Schmerz, Angst, Neid, Wut, Stolz, Scham, Liebe. Mehr als 70 verschiedene Gefühlsqualitäten wurden gezählt. Sie alle drängen nach Erhalt dessen, was uns Freude macht, uns Glück verheißt, oder eben das Gegenteil vermeiden hilft. Kalliope und ihren Schwestern droben auf dem Olymp sei’s gedankt, die Freude am Schönen gehört mit zu den limbischen Huldigungen. 


Philiephobie und Phobiephilie                        4. Jg. 2015, Nr. 52, S. 6


Wissen Sie, was Muriphobie ist? Es ist die Furcht vor Mäusen. Oder Arachnophobie? Die Furcht vor Spinnen, auch solchen der harmlosesten Art. Klaustrophobie – die Angst vorm Eingeschlossensein, Agoraphobie – die Angst, weite Plätze zu überqueren. Psychiater nutzen den Phobiebegriff, um Menschen mit Angststörungen zu kennzeichnen. Dabei geht es um Ängste, die, obschon objektiv unbegründet, beim phobischen Patienten zu panikartigen Reaktionen führen können. Das Gegenstück sind die Philien. Der Pädophile ist getrieben, sich sexuell an Kindern zu vergreifen, der Nekrophile tut’s mit Leichen, der Zoophile mit Tieren, der Koprophile wird sexuell durch Exkremente angestachelt. Seit kurzem haben solcherart psychiatrische Diagnosen auch in der Allgemeinbildung Platz gegriffen. In der Politik und in den Medien heißt es jetzt „homophil“, wenn Homosexualität, die Neigung zum eigenen Geschlecht, gemeint ist (von griech. homòs - gleich). Und „homophob“, na, was ist das? Gemach, nicht etwa, dass damit eine Angststörung gegenüber dem eigenen Geschlecht gemeint ist, nein, nein, es geht nur um eine kleine Verunglimpfung all jener, die heterosexuell empfinden und sich nicht mit dem Gedanken an Sex mit Menschen des gleichen Geschlechts anfreunden können. Oder wollen. Zwar steht „homo“ im Lateinischen für „Mensch“, aber man sollte Homophobie nicht etwa mit Menschenfeindlichkeit gleichsetzen. Und wenn schon, das Etikett klebt dann umso besser. Überhaupt sorgen die psychopathologischen Auszeichnungen für politisch klare Linien. Zum Beispiel sind Menschen mit einer überwertigen Angst vor dem Islam „islamophob“ zu nennen, obwohl dieser ja, objektiv gesehen, ... nun gut. Heute aber reicht es schon, wenn jemand meint, diese Religion solle nicht zu Deutschland gehören. Als xenophob (griech. xénos – fremd) gelten Menschen, die von irrationalen Ängsten vor Fremden geplagt werden. Und wenn der Aufkleber solche trifft, die zwar nichts gegen Menschen anderen Stammes haben, aber etwas gegen die Probleme, die mit ihnen aufkommen, nur gut! Nicht gut, doch immer noch hinnehmbar, wenn die Menschen zunehmend „politikophob“ werden und an Wahlsonntagen zuhause bleiben. Die Akzeleration der Pathologisierung der Bevölkerung ist nun mal nicht aufzuhalten: Die professionellen Vordenker entwickeln immer neue Philien für Phobien und Phobien für Philien.


Die Erfindung der Kriminalität.

                                                       4. Jg. 2015, Nr. 53, S. 13

Können Tiere eigentlich kriminell sein? Ein Löwenmann zum Beispiel, ist er kriminell, ein Kindesmörder, wenn er als neuer Rudel-Chef die Jungen tötet, um mit den Damen des Rudels eigene zu zeugen? Nein, er könne ja nichts dafür, hört man da sagen, es sei seine Natur. Wenn aber nicht von unseren tierischen Verwandten überkommen, dann muss unsere kriminelle Ader etwas Menschliches sein, etwas Humanes! Und tatsächlich, kriminell zu sein setzt Rechtsbewusstsein voraus, nämlich im vollen Bewusstsein Unrecht tun – man klaut, betrügt, mordet. Früher gab es dafür keine sozialen Hilfsprogramme, und die Strafen waren oft drakonisch. Was Unrecht ist, wurde durch Gesetzeswerke geschärft. Zum ersten Male kamen sie mit dem Codex Ur-Nammu auf, im Zweistromland war vor etwa 4000 Jahren. Die Schärfe kodifizierten Rechts ließ man solche, die dagegen verstießen, durch die Schärfe des Schwertes oder des Hackebeils spüren. Waage und Schwert sind die Attribute Justitias, wie sie in anmutiger Gestalt so manche unserer Gerichtsgebäude ziert. Die Scharia sorgt in entsprechenden Gesellschaften noch heute für diese Praxis: Geklaut, und gleich wird die Hand abgehackt. Natürlich nicht bei uns. Im Gegenteil, da wird die Polizei verdünnt, um den Dieben ihren Broterwerb nicht so schwer zu machen. Und die Kaufhäuser, die schlagen die Verluste ganz einfach dem Kaufpreis hinzu. Ein scharfes Schwert ohne metallene Klinge ist die Ächtung. Obwohl als Ahndungsprinzip uralt, nutzen unsere tierischen Verwandten dieses Erziehungsmittel nicht. Es wirkt nur unter Menschen, und zwar solchen, die sich persönlich kennen, und funktioniert bei der Ahndung von Unredlichkeiten, auch denen der kriminellen Art. Dagegen hilft oft nur noch Abtauchen in die Anonymität der großen Städte. Interessanterweise gibt es eine Form der Kriminalität, bei der es nicht um Vorteilsnahme geht: Diebstahl allein des Kicks wegen, Kleptomanie genannt. Auch Reiche tun so was. Wenn die Kleptomaninnen und Kleptomanen ihre Finger lang machen, rumort es in ihren Mandelkernen, einem relativ kleinen Gebiet tief drinnen in den Schläfenlappen unseres Gehirns. Die Mandelkerne sind für die Generierung von Angst und Furcht zuständig und haben u. a. Verbindungen zu den eng benachbarten Belohnungs- oder Glückszentren des Gehirns. Und genau das ist es, was diese Leute kriminell werden lässt, die Lust an der Angst, als kriminell entdeckt und bloßgestellt zu werden. 


Zeichen setzen                 2. Ausgabe August 2015, 4. JG. Nr. 54. S. 6  

Auf Zeichen kommt es im Leben an, nämlich durch Zeichen zu wissen geben, was wichtig ist oder was man für wichtig hält. Zu Worten und Sätzen gereihte alphabetische Zeichen können das sein, Verkehrszeichen, chemische Symbole oder die Nullen und Einsen, mit denen die Computer arbeiten. Auch Piktogramme, zum Beispiel solche, die innerlich Bedrängten den Weg zur Toilette weisen. Das Erbgut kommt mit vier Zeichen aus. Durch sie, die Nukleinbasen, wird vorgeschrieben, ob aus einer Fortpflanzungszelle ein Wasserfloh hervorgehen soll, ein Kirschbaum, ein Mensch oder eine Menschin. Winkerkrabbenmänner geben mit ihrer Winkerschere den jungen Krabben-Damen Zeichen, die bedeuten: „Ich will dich, will dein Mann sein.“ Welche Zeichen auch immer, sie stehen für Information. Wenn nicht, dann sind sie sinnlos, sind Non-Sense. Man möchte meinen, Nonsense kann sich nicht halten, weil bedeutungslos, verschwindet er von selbst. Irrtum, er gehört in unseren Straßen und Parks zum festen Bestand. Überall finden wir ihn – an Hauswänden, an Brückenpfeilern, auf Parkbänken. Früher hieß es: „Narrenhände beschmieren Tisch und Wände“. Nur bunte Kreide war es damals, heute ist es Lackspray, und der bleibt. Besonders Wohlmeinende, gute Menschen also, sagen „Graffiti“ dazu und erheben die Schmierfinken damit in den Adelsstand. Nein, nicht Kunst, mutwillige Beschädigung ist ihr Metier. Der „Mut“ dieser Taugenichtse (o Gott, ist der Ausdruck überhaupt noch politisch korrekt?) kann sich auch in Form von splitternden Scheiben oder berstenden Geländern entäußern. Als ob die Urheber nach Sinn schreien, ihn aber nur im Unsinn finden. Mag sein, dass sie bisher auf ein Zeichen gewartet haben, eines der kategorischen Art, von wegen: „Da geht’s lang, nicht dort!“ Oder sie haben solche Zeichen empfangen, aber gelernt, diese, weil folgenlos, zu missachten. Bedauernswert. Nicht die jungen Täter meine ich, nein, unsere Gesellschaft. Ihr fehlt es an Empörungskultur. In anderen Ländern sind Schmierereien verpönt und werden entsprechend geahndet.


Gutnachbarlich                  4. Jg. Nr. 58. 2. Ausgabe Okt. 2015, S. 10

Der Mensch sei ein „zoon politikon“, meinte Aristoteles vor zweieinhalbtausend Jahren, ein „soziales Wesen“. Und tatsächlich, was wäre der Mensch ohne seine Gemeinschaft! Ich stehe am Fenster, schaue über die Straße zur Stadt hin, sehe mich um – nichts von all dem, was mich umgibt, stammt von mir, alles haben Mit-Menschen geschaffen. Auch den Kugelschreiber in meiner Hand, das Blatt Papier, die Buchstaben und die Sprache, in der ich schreibe. Ohne die Einbettung in die Gesellschaft würde mein Gemüt verdorren. Kaum etwas ist uns wichtiger als die Familie, die Freunde und die Kollegen und die Nachbarn. Einzelhaft gehört zu den schlimmsten Strafmaßnahmen. Auch für die mit uns verwandten Affen ist soziale Isolation eine schwere Zumutung. Schimpansen, einzeln gehalten und vor die Alternative gestellt, entweder Leckerbissen oder eine Klappe öffnen, um die Hordenmitglieder beobachten zu können, bevorzugen regelmäßig die Klappe. Jüngere Forschungen belegen, dass für unser soziales Empfinden ein im Gehirn gebildetes Hormon den Ausschlag das Oxytocin, auch Liebes-, Kuschel- oder Vertrauenshormon genannt. Ein Sprühstoß in die Nase verabreicht, und schon fördert es den Gemeinschaftssinn und verstärkt das Mitgefühl. Bei der Gewinnteilung im sog. „Ultimatumspiel“ gehen jene, die zuvor Oxytocin erhalten haben, deutlich großzügiger mit dem Partner um. Auch zeigt sich, dass bei stark mitfühlenden Menschen die Menge des körpereigenen Oxytocins im Blut größer ist als bei anderen. Indes, das Hormon taugt nicht so einfach für die Lösung unserer sozialen Probleme. Selbst wenn man von Schwierigkeiten bei der Anwendung und von anderen offenen Fragen absieht, lässt es gutnachbarliche Beziehungen nicht etwa beliebig wachsen. Im Gegenteil, Fremden gegenüber kann es die Feindseligkeit fördern. Manche Wissenschaftler ziehen daher vor, statt vom „Liebeshormon“ vom „Stammeshormon“ zu sprechen. Also doch lieber auf den Verstand bauen? Kalter Verstand anstelle von Herz? Eines ist gewiss: Je mehr wir über uns und die Welt wissen, desto weniger neigen wir zu Floskeln wie: „Ist doch alles klar, wir müssen eben einfach ...!“ – Nichts ist einfach, am wenigsten sind wir es selbst. Auch unsere Nachbarn sind es nicht. Und schon gar nicht, wenn sie aus der Fremde kommen. 

 

Ordnung muss sein.                   4. Jg. Nr. 59. 1. Nov.-Ausg. S. 12


Ich solle die Ordnung lieben, höre ich noch meine Mutter sagen, Ordnung sei das halbe Leben. Als Kind spürte ich, dass das so nicht ganz stimmen mochte. Später verteidigte ich mich mit den Worten, Ordnung sei nicht das halbe Leben, sie koste das halbe Leben. Heute, um einige Jahre älter und noch ein paar dazu, begreife ich, dass meine Mutter recht hatte. Einfach, weil die Merkfähigkeit nachlässt und man den halben Tag sucht, was man da irgendwann irgendwo hingelegt hatte. Das Gegenteil von Ordnung ist Chaos. Doch das wahre Chaos ist eher selten. Noch nicht einmal draußen im Kosmos findet man es so ohne Weiteres. Sobald die Strukturen größer werden als es deren kleinste sind, bildet sich Ordnung aus, wenn auch oft nur von den Gesetzmäßigkeiten der Wahrscheinlichkeit diktiert. Wann ein Atom durch Radioaktivität zerfällt, ist völlig ungewiss. Wann aber von einem dieser radioaktiven Elemente, sagen wir von einem Gramm, die Hälfte zerfallen sein wird, ist hoch gewiss, hat durchaus also Ordnung.

  

Haben Sie mal gesehen, wie ordentlich die Bienen ihre Waben bauen, der Buchfink sein Nest und die Beutelmeise das ihre? Selbst in einer Zelle verläuft alles nach Plan, erst recht in einem Organ. Anderes hat die Evolution gemerzt, weitgehend. Denn Störungen der Ordnung bedeuten Nachteil, oft Krankheit. Auch in unserem Kopf geht es erstaunlich ordentlich zu, obschon nicht bis ins letzte Detail. Die Summe der nervalen Prozesse ist es, die die Verlässlichkeit ausmacht. Das gilt gleichermaßen für unsere Gesellschaft. Zwar mag der Einzelne aus der Reihe tanzen, die Summe der Einzelnen aber ist es, die die Ordnung ergibt. Wird diese gestört, hat die Gesellschaft entsprechend für Ordnung zu sorgen. Bleibt sie dann immer noch gestört, kann das den Beginn einer neuen Ordnung bedeuten. Die Repräsentanten der alten Ordnung finden das überhaupt nicht in Ordnung. Sie wehren sich mit Worten, mit Diffamierung, Hetze, auch mit Gewalt.  Aus der Geschichte wissen wir, wie die Sache jeweils ausgegangen ist. Der Zukunft indes, der fehlt der rechte Sinn für Ordnung. Weder der Blick in die Glaskugel hilft noch der in die Zeitung. Deshalb ist die Zukunft so spannend.


Volk hin, Volk her                                 4. Jg. Nr. 59. 1. Nov.-Ausg. S. 6

Kein Volk hat so schwer an sich selbst zu tragen wie das der Deutschen. Von dessen ehemaligen Stolz ist gerade mal das Bekenntnis übriggeblieben, besonders gründlich zu sein. Und tatsächlich, im Größenwahn waren die Deutschen viel gründlicher als alle anderen, und so gründlich auch wurden in der Nazi-Zeit die Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt. Seitdem sind wir Deutschen im Selbsthass besonders gründlich und bekennen, dass wir Auschwitz sind und sonst fast nichts. Aus Sicht der anderen Völker stehen wir Deutschen allerdings besser da. Überhaupt, auch im Irrtum sind wir schon immer besonders gründlich gewesen, in der Akkuratesse z. B., mit der wir die politische Einfalt betreiben und nun auch noch die treuherzige Fremdenfreundlichkeit. Sollten wir uns am Ende trotzdem noch als ein Volk verstehen dürfen? Immerhin, die Giebelinschrift am Parlamentsgebäude geht wie bisher von „Dem Deutschen Volke“ aus, das Grundgesetz auch. Was aber passiert mit uns, wenn wir Deutschen die Reproduktion zunehmend den anderen überlassen? Heute sind es 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen, deren Eltern von Anderswo stammen. Morgen werden es mehr sein. Zeit, dass die Inschrift ausgewechselt wird, z. B. in: „Deutschlands Bevölkerung“. Oder wie wär’s mit „Denen, die ihren eigenen Verstand verwenden“? — O nein, für die haben wir ja die Extremismus-Keule. Besser vielleicht sollte da oben im Giebel prangen: „Mir und meiner Partei!“? Einfach, weil es ehrlich ist.

Rundum besehen, tragen die anderen Völker kaum weniger schwer an sich selbst. Überall die Tendenz, sich in Untervölker aufzuspalten. Weder „den“ Spanier und „den“ Belgier gibt es, noch „den“ Franzosen oder „den“ Inder. Noch nicht einmal „den“ Bayern, wo doch der Oberbayer wer ganz anderes ist als der da in Unterfranken. Die Sprache sei‘s, heißt es, sie würde die Nation, das Volk ausmachen. Wenn es das Deutsche sein sollte, dürfen wir das aber nicht den Österreichern sagen, oder den Schweizern gar. Wieso überhaupt sind die Schweizer ein Volk, die mit ihren vier Sprachen? Und wenn es die Sprache gar nicht ist, was soll das dann mit der Integration durch die Sprache, dem Deutschsprechenlernenmüssen? War da nicht noch mehr, was ein Volk ausmacht, etwas, was es von der schieren Bevölkerung unterscheidet?


Alles wurscht                                      4. Jg. Nr. 59. 2. Nov.-Ausg. S. 6

Selbst die Wurst. Nein, die nicht, denn da läuten jetzt die Alarmglocken. Nicht nur wegen der Wurst, sondern überhaupt wegen Fleischgenusses. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat dieser Tage darauf hingewiesen, dass das, was die Menschen und ihre Vorfahren seit mindestens 2 Millionen Jahren am liebsten essen, krebsauslösend sei. Vor allem das Darmkrebsrisiko steige, und zwar bei täglich 50 g Wurst um 18 Prozent! Bei Versuchstieren. Die allerdings sind bekanntlich keine Menschen, haben ganz andere Ernährungsgewohnheiten und tragen mithin bei solcherart Versuchen andere Risiken. Wir sind an vieles gewöhnt, nicht nur an die fragwürdige Politik unserer fragwürdigen Politiker, auch an den Alarmismus, wie er regelmäßig von WHO-Studien ausgelöst wird. Alles Mögliche war schon dran, mal negativ, mal positiv, dann wieder negativ oder eben nicht ganz klar: Butter, Margarine, Ei, Gen-Mais, Milch, Glyphosat, Kaffee. Risiken bei zu wenig Wasser, bei zu viel, bei zu wenig Gemüse und zu viel; bei zu wenig Vitaminen und zu viel; Sonne ist schlecht, Sonne ist gut; Prostata-Vorsorgeuntersuchungen ja und nein; mangelnde Hygiene als Gesundheitsrisiko, aber auch als Gesundheitsvorsorge. Oder denken wir an Joghurt: Es verdoppele das Risiko für Eierstockkrebs bei Frauen, wöchentliche Spülungen der Geschlechtsorgane vervierfache es sogar, und die regelmäßige Anwendung von alkoholhaltiger Mundspülung erhöhe das Mundkrebsrisiko um 50%.

50 g Wurst pro Tag machen also laut WHO 18 Prozent mehr Darmkrebs, 100 g folglich 36 Prozent? Mitnichten. Die Wahrscheinlichkeit, Darmkrebs zu bekommen, liegt bei 5 %, daran zu sterben bei 2,5 bis 3 Prozent. Ein zusätzliches Wurst-Risiko um 18 Prozent bedeutet demnach eine Erhöhung um einen Prozentpunkt (von 5 auf 6 %), und daran zu sterben eine Steigerung um gerade mal 0,5%! Sofern die Ergebnisse überhaupt auf den Menschen übertragen werden können. Viel gefährlicher ist das Leben selbst, besonders dann, wenn es schon lange währt. Von 1000 Frauen im Alter zwischen 65 und 70 sterben rund 47 an Krebs, im Alter zwischen 70 und 75 sind es bereits 65. Und ähnlich nimmt die Krebsgefahr mit jedem weiteren Lebensjahr auch bei Männern zu. Nur eben, dass diese im Schnitt sowieso 5 Jahre früher sterben. Das Gute daran: Sie sorgen dadurch für erträgliche Kosten bei der Altersversorgung, vor allem eben der von Frauen.

   

Ein Bockwürstchen in Ehren (oder auch zwei) sollte keiner verwehren!

 
 
 
 
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