Sapere aude!                                                                                                                                               Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!– forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber  ein wenig  sollten  wir   ihm schon  entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
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Achse des Guten.  achgut.com 31.07.2016


Hass: Kein Fortschritt seit der Steinzeit

Von Gerald Wolf.

Die Liebes-Utopien der 68er sind ausgeträumt, Hass breitet sich aus. Längst auch in seiner extremsten Form, der Mordlüsternheit. Attentate sind alltäglich geworden – Mord an Anderen, entweder an Anderen allein oder erweitert um sich selbst. Mal dort in der arabischen Welt, mal da in der arabischen Welt, in Asien, Afrika, Amerika, in Frankreich, in Belgien, und mittlerweile (schon lange überfällig) auch bei uns in Deutschland. Hass macht Karriere als Hass-Parole und Hass-Mail, als Hass-Predigt und Hass-Kommentar. Von Fremdenhass ist die Rede und von Hasskultur. Mittlerweile gibt es sogar Computerprogramme, die Hassbotschaften formulieren – automatisch! Man sollte es kaum für möglich halten, „Meinungsmaschinen“ wie Tay, sogenannte Social Bots, greifen mit Hass- und Hetzkommentaren in die Leserdebatten der sozialen Netzwerke ein.

Fast schon genial, aber etwas Entscheidendes fehlt diesen Programmen: das emotionale Unterfutter. Das ist nur uns selbst zu eigen. Haben Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, schon einmal gehasst? Aus tiefster Seele gehasst? Dann wissen Sie für den Rest Ihres Lebens, was Hass ist, wie er sich anfühlt. Wahrscheinlich waren Sie in Ihrem Ureigensten durch etwas verletzt worden, Sie fühlten sich dem hilflos ausgeliefert, und dann kam auf, was sich nicht einfach mit Gefühlen der alltäglichen Art abtun lässt, nicht mit Zorn oder Wut, nicht mit Neid. Nein, wer hasst, wünscht dem Verursacher aus tiefster Seele heraus eine empfindliche Strafe, vielleicht sogar den Tod. Wut, Zorn, Neid verrauchen irgendwann, Hass ist zäh, Hass bleibt. Mitunter ein Leben lang.

Wie jedes andere Gefühl ist das des Hasses nur von innen her zugänglich, nur über das Erleben. Grundsätzlich. Das gilt für Sinnesgefühle wie dem für Kalt oder Laut, für Schmerz oder einen Juckreiz genauso wie für seelische Gefühle, für Emotionen: Freude, Zuneigung, Zorn, Scham, Stolz, Liebe. Und eben auch für Hass. Man spricht von „Qualia“ und meint damit die subjektive Erlebnisform eines mentalen Zustandes (lat. qualis, „wie beschaffen“). Wesentlich für das Zustandekommen derartiger innerer Zustände ist das Limbische System des Gehirns. Es besteht aus Schaltungen von Nervenzellen, die ringförmig um den Hirnstamm herum angeordnet sind.

So, wie wir Hass heute empfinden, musste ihn auch der Steinzeitmensch empfunden haben

Aus der Art der Verschaltung ergeben sich genetisch verankerte „Programme“, deren Aktivierung die jeweiligen Gefühlszustände zur Folge haben. Die Auslösung ist situativ bedingt, die Erlebnisqualität aber angeboren, wenn auch erst nach der Geburt zusammen mit dem Gehirn ausreifend. Qualia sind spezifisch, sind unverwechselbar – Wut ist nicht mit Hunger zu verwechseln, „Warm“ nicht mit „Grün“, und diese Farbempfindung nicht mit Zuneigung. Bei den Sinnesgefühlen wie auch bei den Emotionen handelt es sich um uralte, phylogenetisch zu erklärende Mechanismen.

Und so, wie wir Hass heute empfinden, musste ihn auch der Steinzeitmensch empfunden haben. Die Autoren der Bücher Mose hatten einen solchen Gemütszustand nachvollziehbar beschrieben: „Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick“, heißt es dort. Und weiter: „Lass uns aufs Feld gehen!", sagte Kain zu seinem Bruder. Dort erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot“. Damals wie heute gilt: Der Hassende empfindet sein Begehren als gerecht, der Außenstehende wendet sich mit Grausen.

Auf Hass zu setzen, funktioniert selbst dann, wenn er dem Anderen nur unterstellt wird. Gewünschter Erfolg: Der angeblich Hassende wird diskreditiert. Großer Beliebtheit erfreut sich heutzutage die Unterstellung von Fremdenhass. Menschen zu hassen, bloß weil sie fremd sind, gibt es das überhaupt? Ich jedenfalls kenne keinen, der rundheraus Fremde hasst, unterschiedslos Polen, Bulgaren, Engländer, Inder, Iraker, Indonesier, Syrer, Inuit ... Nein, der Anwurf „Fremdenhass“ erfolgt politisch gezielt.

Wie nun könnte man sich eine De-Eskalation der Situation vorstellen?

Bürger sollen damit getroffen werden, die mit der Willkommenshaltung gegenüber unkontrolliert einströmenden Menschenmassen nicht einverstanden sind. Leute, denen um die nationale Integrität bange ist, die galoppierende Kosten befürchten und Konkurrenz am Arbeitsmarkt, die im politischen Islam eine arge Bedrohung sehen und in den weit klaffenden Türen eine Einladung zur grenzüberschreitenden Kriminalität. Wenn bei diesen Bürgern das Gefühl der Ohnmacht noch hinzukommt, wenn versucht wird, die Lage zu beschwichtigen und zu beschönigen, lässt das nahezu zwangsläufig Hassreaktionen erwarten. Nämlich sowohl gegen den Verantwortlichen (gut geschützt durch Bodyguards und Panzerglas) wie auch gegen die, die da in Scharen gekommen sind und noch kommen werden.

Nicht einmal das Parlament wurde gefragt, ob denn die Masseneinwanderung von ihm gewollt ist und getragen wird, geschweige denn das Volk. Was sollen sie denn tun, die kleine Frau da und der kleine Mann auf der Straße, wenn sie mit dieser Art von Politik nicht einverstanden sind? Nirgendwo gibt es hierzu ein ernstzunehmendes Dialogangebot. Warum eigentlich nicht? Fehlt es der Politik-Elite an überzeugenden Argumenten? Ist das etwa der Grund, weshalb man zu Talkrunden vier oder fünf Personen einlädt und seitens der Opposition jeweils nur eine einzelne, um diese dann dem vereinten Bombardement der übrigen und den sorgsam ausgewählten Claqueuren auszuliefern?

Wie nun könnte man sich eine De-Eskalation der Situation vorstellen? Wenn schon nicht durch die Politik, dann auf Seiten der Zuwanderer, insbesondere solchen aus der Problemgruppe, der Muslime. Wie, sollte man sich fragen, würde sich unsereiner verhalten, wäre man als Muslim nach Deutschland gekommen und merkte, dass die Einheimischen auf Distanz gehen? Was konkret sollte man als Einzelner tun, um die Situation nicht eskalieren zu lassen?  Klar, man ist in tiefster Dankespflicht und sollte das auch zeigen.  Durch einen überzeugenden Integrationswillen zum Beispiel, durch hohes Engagement bei Aufträgen zur gemeinnützigen Arbeit, durch Verzicht auf hassstiftende Anmaßungen, zumal solchen von islampolitischer Art.

Gegenüber all den anderen in Deutschland ansässig gewordenen Religionen würde man wie selbstverständlich der eigenen Religion keinerlei Extrawurst braten lassen. Und am allerwichtigsten: Auf andere Flüchtlinge und Zuwanderer einwirken, um eine solche Geisteshaltung deutlich zu machen. Dazu gehört die Zusammenarbeit mit den Behörden, um Straftaten von Mitgliedern der eigenen Ethnie, insbesondere islampolitisch motivierte, zu verhindern bzw. aufklären zu helfen. Oberstes Ziel: Rückkehr in das Heimatland, um bei der Herstellung entsprechender politischer Verhältnisse und beim Wiederaufbau mitzuhelfen.

Am Ende, jawohl, ist der Hass besiegt, alles wird gut, alle Menschen werden Brüder (und Schwestern). Ganz sicher dann, wenn wir, wie die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Margot Käßmann empfiehlt, den Terroristen mit Liebe und Gebeten begegnen. In der Psychiatrie spricht man von „illusionärer Verkennung“.

Professor Gerald Wolf ist Hirnforscher und emeritierter Institutsdirektor. Er widmet sich in seinen Vorträgen und Publikationen und regelmäßig im Fernsehen (MDR um 11, Sendung „GeistReich“) dem Gehirn und dem, was es aus uns macht. Neben zahlreichen Fachpublikationen und Fach- und Sachbüchern hat er auch drei Wissenschaftsromane veröffentlicht.

 
 
 
 
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