Sapere aude!                                                                                                                                               Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!– forderte der Philosoph Immanuel Kant vor mehr als 200 Jahren. Er hatte etwas viel von uns verlangt, aber  ein wenig  sollten  wir   ihm schon  entgegenkommen. Jeder auf seine Weise. Hier die meine.
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Herr im Hirn

                        Interview Rheinischer Merkur, Christ & Welt. Beilage zu DIE ZEIT, 20. April 2011

 Christ & Welt: Herr Wolf, haben Sie schon einmal gebetet?

Gerald Wolf: Ich bin Wissenschaftler und Agnostiker. Ich weiß nicht, ob Gott oder eine wie auch immer geartete höhere Instanz existiert. Aber ich gebe zu: Es hat Situationen in meinem Leben gegeben, da war ich so hilflos, dass ich mich gedrängt fühlte, an einen personalen Gott zu denken.

C & W: Hat die Hinwendung zu Gott etwas gebracht?

Wolf: Es hatte einen beruhigenden, stressmindernden Effekt.

C & W: Stress sitzt tief im Gehirn. Hat Glaube einen Einfluss auf neuronale Prozesse?

Wolf: Ohne Zweifel. Die Konzentration auf Glaubensinhalte verändert nachweisbar die Hirnfunktionen. Das ist aber trivial. Es ist nichts in unserem Geist, das nicht auch in unserem Gehirn ist. Und unser Gehirn, davon darf man überzeugt sein, ist nicht nur irgendein Sitz, sondern der Produzent des Geistigen.

C & W: Manche Hirnforscher behaupten, sogar den Sitz des Glaubens in Teilen des Gehirns lokalisiert zu haben. Haben wir so etwas wie ein ein Gottesmodul im Kopf?

Wolf: Diesen Begriff hat der US-Neurologe Vilayanur Ramachandran vor mehr als 20 Jahren geprägt. Er hatte beobachtet, dass manche Epileptiker bei Anfällen von einem überaus starken religiösen Erleben beseelt sind. Zugleich war bei ihnen in einer Hirnregion am Übergang zwischen Schläfenlappen, Scheitellappen und Hinterhauptslappen eine starke Aktivität zu erkennen. Diese Region hat er Gottesmodul genannt.

C & W: Dort hat der Glauben seinen Hort?

Wolf: Nun ja – ein anderer Hirnforscher, Andrew Newberg, hat vor einigen Jahren Versuche mit betenden Nonnen und meditierenden Mönchen unternommen. Er kam zu dem Ergebnis, dass im Falle der „unio mystica“, also dem Verschmelzen in Gott beziehungsweise mit dem Kosmos, eine ganz andere Region im Kopf hinter unseren Ohren auffällig ist. Allerdings ist sie ist fernab der Gegend, wo Ramachandran das Gottesmodul angesiedelt hatte. Zudem ist sie nicht überaktiv, sondern unteraktiv.

C & W: Wozu dient uns dieser Teil des Hirns?

Wolf: Es ist ein Orientierungsareal, in dem die Informationen über unseren Körper zusammenfließen. Wenn diese Region weniger aktiv ist, dann verdämmern die Grenzen des Körperlichen. Der Körper wird offen für das große Ganze, es folgt das Einswerden mit Gott oder dem Kosmos.

C & W: Das Hirn kennt also zwei religiöse Zustände – à la Newberg und à la Ramachandran?

Wolf: Das ist noch lange nicht alles. Andere Experimentatoren fanden heraus, dass es im Grunde kaum eine Hirnregion gibt, die bei religiösen Handlungen und Gefühlen nicht beteiligt ist. Beobachtet man das Gehirn als Ganzes, so ergeben sich bei jedem Geisteszustand andere Erregungsmuster. Regelmäßig sind die sogenannten Mandelkerne beteiligt: Sie gehören zum limbischen System und sind für die emotionale Bewertung von Situationen wichtig. Dort sitzt unsere Angst. Das passt zu dem Erleben, dass Glaube ja auch Furcht bedeuten kann – Gottesfurcht.

C & W: So gesehen lässt sich Religiosität doch nicht auf einzelne Hirnregionen beschränken?

Wolf: In der Hirnforschung gibt es zwei Lager. Auf der einen Seite die Lokalisationisten. Sie arbeiten mit bildgebenden Verfahren wie der funktionellen Kernspintomografie. Ihr Credo: Hirnfunktionen lassen sich spezifischen Orten zuordnen. Auf der anderen Seite stehen die Nicht-Lokalisationisten. Sie gehen davon aus, dass sich jede der etwa 100 Milliarden Hirnnervenzellen in unserem Kopf von jeder beliebigen anderen über nur zwei, drei, vier Schaltebenen – die Synapsen – erreichen lässt. So gesehen gibt es am Ende überhaupt keine Gehirnfunktion, die nicht irgendwie alle anderen Gehirnregionen mit einbezieht. Diese beiden Lager spiegeln sich auch in den Forschungen über Glaube und Gehirn wider. Der Streit ist noch nicht entschieden.

C & W: Wenn die Fähigkeit zu glauben keinen definierten Ort im Gehirn besäße, kann sie dann überhaupt evolutionär entstanden sein?

Wolf: Darin sehe ich keinen Widerspruch. Unsere Bereitschaft zum Glauben ist auffällig groß. Der Mensch ist ein Homo religiosus. Das muss evolutionäre Gründe haben.

C & W: Bietet Glauben einen biologischen Selektionsvorteil?

Wolf: Der Glaube ist ein wichtiger sozialer Kitt. Die Großsippen der Frühzeit hatten vermutlich immerzu mit mörderischer Konkurrenz durch Nachbarsippen zu tun. Um überleben zu können, bedurfte es der inneren Stärke – durch Einigkeit. Ein gemeinsamer Glaube an eine höhere Instanz mag solchen Gruppen als Identitätsmerkmal einen Vorteil verschafft haben. Da es für die Glaubensfähigkeit offenbar auch genetische Hintergründe gibt, ist eine natürliche Evolution durch entsprechende Selektionsmechanismen naheliegend.

C & W: Lassen sich denn in unserer DNA glaubensfördernde Erbfaktoren nachweisen?

Wolf: Es gibt Versuche dazu. Am bekanntesten ist der des US-Genetikers Dean Hamer. Er hat über ein Gen gearbeitet, das ein bestimmtes Eiweiß kodiert, das beim Transport von Botenstoffen innerhalb der Nervenzellen eine Rolle spielt. Jeder Mensch hat dieses Gen, doch es kommt in verschiedenen Zuständen vor, sogenannten Allelen. Hamer will nun herausgefunden haben, dass eines dieser Allele typisch ist für Menschen, die stärker zum Glauben neigen. Er spricht vom „Gottesgen“.

C & W: Und gibt es tatsächlich nur dieses eine Gen, oder sind es – analog zur Verteilung von Hirnfunktionen – viele Orte im Genom, an denen man in puncto Religiosität fündig wird?

Wolf: Hamers Allel ist bei weitem nicht das einzige. Ich bin überzeugt: Je mehr Energie auf die Suche gelegt wird, desto mehr wird man finden. Wie bei der Intelligenzforschung. Da hat man auch einige Gene gefunden, die einzeln aber nur einen kleinen Anteil an der Ausprägung der Intelligenz haben. Spirituelle Begabung wird ebenso multifaktoriell bedingt sein – und damit schwierig zu durchschauen.

C & W: Sprechen Sie als Hirn forscher auch mit Theologen über solche Themen?

Wolf: Das Gespräch mit Theologen hat mich immer besonders gereizt. In meinem letzten Roman „Glaube mir, mich gibt es nicht“, ist die Nebenheldin Theologin, mein Held ist Philosoph. Auf deren Dialoge haben die Diskussionen abgefärbt, die ich mit realen Theologen hatte. Dabei musste ich feststellen: Es gibt gar nicht „die“ Theologie, und es gibt auch nicht „den“ Theologen. Fast möchte man meinen, es gibt so viele Theologien, wie es Theologen gibt. Entsprechend different ist auch die Haltung zur Hirnforschung und zur Neurotheologie.

C & W: Welche Bandbreite gibt es?

Wolf: Schroffe Ablehnung auf der einen Seite, von wegen „Was soll denn der Quatsch mit der Neurotheologie, wir haben es in der Theologie mit einem Gegenstand zu tun, der sich grundsätzlich von denen der Naturwissenschaft unterscheidet“. Auf der anderen Seite finden sich die Offenherzigen, die davon ausgehen, dass unser Gehirn das höchste Schöpfungsgut ist und mithin von der Neurotheologie eine stabilisierende Wirkung auf die Glaubenslehre der heutigen Zeit zu erwarten ist.

C & W: Wie das?

Wolf: Der Theologe kann die Argumente, die vonseiten der Biologie, namentlich der Hirnforschung, vorgebracht werden, nicht länger beiseite wischen. Kinder kommen aus der Schule und erzählen, was sie im Biologieunterricht gelernt haben – und das eben verhält sich häufig konträr zu dem, was der Pfarrer lehrt. Darauf müssen Antworten gefunden werden, überzeugende. Und wer für solche Antworten, wie sie die Wissenschaft heute liefert, offen ist und sie kennt, wird auch einen Weg finden, um beide Seiten miteinander zu vereinen.

C & W: Wie könnte die Synthese aussehen? Wolf: Wenn Gott den Menschen erschaffen hat, dann natürlich auch dessen Gehirn. Er mag es so konstruiert haben, dass es ihn begreifen kann – in Grenzen, wie von ihm gewollt. Beim Stand der heutigen Forschung ist das herausgekommen, was wir unter Neurotheologie verstehen: In unserem Gehirn ergibt sich ein Bild, das diesem Gott in der Form, in der er sich uns offenbaren will, durchaus gerecht wird.

C & W: Viele Hirnforscher stehen den Religionen eher skeptisch gegenüber. Glaube und Gott sind aus ihrer Sicht nur vom Gehirn geschaffene Illusionen.

Wolf: Das ist das Kontingenzproblem. Es gibt zwei grundsätzliche Antworten auf die Frage nach dem Zusammenhang von Gott und Gehirn. Die erste ist jene, die ich schon nannte: Gott hat uns erschaffen, mit uns auch unser Gehirn. Und er hat es so eingerichtet, dass wir ihn in den von ihm gewollten Grenzen erkennen können. Die zweite Version steht dem diametral entgegen: Wir, und damit auch unser Gehirn, sind Produkte der biologischen Evolution. Aus biopsychosozialen Gründen, unter anderem dem sozialen Kitt, hat es in der Entwicklungsgeschichte Tendenzen zur Annahme eines höheren Wesens gegeben, bis hin zu dem Verlangen, Gott zur Bestimmungsgröße des ganzen Lebens zu machen. Eine dritte Antwort geht darüber hinaus, indem sie die großen letzten Fragen ins Zentrum rückt und die allgemeine Unbestimmtheit unserer Kenntnis in deren Beantwortung betont.

C & W: Was nicht ausschließt, dass bekennende Agnostiker zuweilen auch beten!

Wolf: Eines muss klar sein: Wer einen rein wissenschaftlichen Standpunkt bezieht, schaut aus den eisigen Höhen des Denkens hinunter in die Ebenen, die da angenehm grün und warm sind, weil sie Trost, weil sie Hoffnung spenden. Wissenschaft ist kalt, ist emotionslos. Der Glaube und damit der Lohn für den Gläubigen ist es, auf der Suche nach Sinn und Trost zumindest eine Chance zu haben.

C & W: Naturwissenschaft an sich kann nicht sinnstiftend sein?

Wolf: Nein. Zwar ist unser Gehirn eine Sinnsuchmaschine. Ständig ist es versucht, in Erscheinungen, die irgendwie zusammenpassen, gemeinsame Ursachen zu erkennen. Das geht so weit, dass das Gehirn auch da noch ursächliche Zusammenhänge zu erkennen vermeint, wo es nach rationalem Ermessen gar keine gibt. In der Konsequenz eines atheistischen Ansatzes aber hat das Leben keinen Sinn, außer eben dem, den man sich selbst zu geben versucht.

C & W: Demnach müsste ein rationaler Atheismus für das Gehirn ein großes Dilemma darstellen.

Wolf: Ja. Dem Hirn fällt es schwer, sich damit zufriedenzugeben. Es sucht immer weiter und wird selbst dann, wenn es ein Leben lang nicht fündig geworden ist, am Ende vielleicht doch dazu neigen, nicht einfach aufzugeben. Manch ein lebenslang Zweifelnder findet noch auf dem Totenbett den Sinn, indem er sich zum Glauben bekennt.

C & W: Der Glaube lässt sich aber weder rein emotional noch rein kognitiv begründen. Ist er vielleicht so etwas wie eine übergeordnete Fähigkeit des Gehirns?

Wolf: Bestimmt! Im Glauben wird das Vermittlungsbedürfnis zwischen den beiden Hirninstanzen Kognition und Emotion deutlich. Es bedient unsere stete Suche nach Trost und Sinn.

Das Gespräch führte Lucian Haas. 

 
 
 
 
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